Lore Diley
Die Luft ist dunkel und es kühlt
Dieweil ihr Haar den Kamm zerwühlt
Und rein ruht das Vlies
Ein Berg funkelt fies
Frau Jungfrau steht am Rhein und spült.
Niesel
Ein Niesel regnet vor sich hin
die Luft ist nass, Passanten auch.
Die Stoppeln stehn am Doppelkinn,
der Job verengt den Lebenssinn
auf leeren Kopf und vollen Bauch.
Im Eismeer
Im Eismeer trieb die Buddel schief
Und in ihr stak ein Schmuddelbrief
Doch dann, durch einen raschen Frost
barst überrascht die Flaschenpost
Dem Eis gilt mein vermehrter Dank
Dass dieser Scheiß im Meer versank
Strg-Z
Es gibt im ‘richtigen’ Leben kein Strg-Z
Die Realität ist ohne undo-Funktion
Das ist unpraktisch. Obgleich/obschon
man sie anfassen kann. Das wiederum ist nett.
Zweiundsiebzig
Zweiundsiebzig Konsuln saßen in einer Reihe nebeneinander. Einer von ihnen aß Müsli, die anderen einundsiebzig waren tot. Konsul Maiglock betrachtete intensiv eine in der Milch aufgequollene Haferflocke, doch dann ließ er den Löffel appetitlos sinken und seufzte. Er hasste es, wenn die Verwandtschaft mit zu Tisch saß. Aber das ging nicht anders. Erstens war es Tradition und zweitens war es im Uboot eng. Es wäre nicht nur pietätlos sondern auch technisch nahezu unmöglich gewesen, die Einundsiebzig in den Ecken zu stapeln, völlig undenkbar dagegen, sie durch eines der Torpedorohre ins Meer zu schießen, und so ließ er sie notgedrungen, wo sie waren, am Tisch. Die trübe Gedankenfolge durchtrennte die eintretende Frida mit den Worten „Chef, der Fisch is tot.“.
Karl stand vom Frühstückstisch auf. Die Konsuln und das Uboot verschwanden, und Frida wurde zu Frauke, die gerade ein müdes „Morgen“ gemurmelt hatte und nun seinen Platz, den einzigen Stuhl am winzigen Tisch in der winzigen Küche einnahm. Karls morgendliches Gedankenspiel, das ihn von der Verrücktheit der Welt distanzierte, verblasste. Er nahm noch einen Schluck lauwarmen Kaffee, reichte Frauke den Zucker und ging ins Bad.
Während des Zähneputzens befielen ihn die unruhigen Gedanken, wie er sie nannte, und während er sich ärgerte, dass sein Uboot-Gedankenexperiment noch vor dem Versinken in der Realität versunken war und diese früher als sonst von ihm Besitz ergriff, fragte er sich, warum die Kinder der neuen Generation nicht wussten, dass der gepresste Fisch, den sie Freitags in der Kantine bekamen, einmal ein fühlendes, lebendiges und freies Wesen gewesen war. Warum man ihnen Remouladensauce gab, in der die grünlichen, in Buchstabenform gepressten Gewürzflöckchen träge vor sich hin mäanderten. Miniaturbuchstabensuppe für die, deren Augen noch gut genug waren, um sie sehen zu können, aber schon jetzt zu kurzsichtig um ihre Botschaft jemals zu verstehen. Eine zähflüssig fette Pampe. Die Zahnpasta schmeckte scheußlich.
Auf der Fahrt ins Büro, durch fast menschenleere Straßen, saß Frieda neben ihm, schweigend, und er nahm sie nicht wahr. Die einzigen Anzeichen für Leben, die er zwischen Straßenschluchten und Industrieruinen sah, waren ein Jogger mit Rundrücken, eine alte Knusperhexe mit Einkaufswagen und ein paar Punks, die so verzweifelt wie erfolglos versuchten ein Feuer in einer Mülltonne (aus Plastik) zu entzünden. Die Luft schmeckte trocken und kalt nach rußigem Schnee. Eine Müllabfuhr hätte der Stadt gut getan. Es war Mai und Karl hatte noch immer Probleme, sich mit der Realität anzufreunden.
In solchen Momenten passieren manchmal Dinge, die von außen betrachtet banal erscheinen, die der subjektiven Wahrnehmung der Welt aber dann und wann einen guten Stoß versetzen. Vielleicht ist es die Phantasie, der Zwang zur Interpretation der Welt, was den Mensch zu dem macht, was er ist. Den Menschen Karl brachten zwei Spatzen auf eine Spur zurück, Spatzen, die sich auf der Straße, in die er abbog – ob im Spiel, im Ernst, wer weiß das schon bei so kleinen Tieren und vor allem, wenn man kein Biologe ist – gegenseitig jagten, die eng an- und umeinander zu Boden flatterten und die er ungewollt aber zügig überfuhr. Als er ans Bremsen dachte, hatte er das leise Knacken unter den Rädern schon zu hören geglaubt, und beim hastigen Blick in den Rückspiegel sah er weder ein Auto, das ein hektisches Bremsmanöver ausgeschlossen hätte, noch ein Paar aufflatternde Spatzen, nur Flecken auf einer fleckigen Straße. Entschieden und hart trat er auf die Bremse.
Frauke in ihrer weißen Uniform sah ihn an wie ein vorsätzliches Erdbeben als er plötzlich dastand und wich unwillkürlich zurück. Einundsiebzig Kinderaugenpaare verfolgten, wie er dennoch ihre Hand ergriff und sie am Pult vorbei, auf dem der Teddy neben dem Rohrstock saß, zur Tür hinaus halb drängte, halb stützte. Es waren weit mehr Zeugen als gerichtlich notwendig, die weitgehend zwangsfrei eine Aufsichtspflichtverletzung bestätigen und daraus resultierende psychische Belastungsstörungen attestiert bekommen konnten. Wer in diesen Zeiten ein Kind sein Eigen nannte, verstand verständlicherweise keinen Spaß. Vor allem nicht, wenn er ernst gemeint war.
Die Pietät untersagte es, das Urteil über Frauke und Karl in Details zu reflektieren, und die Gewohnheit war schon immer ein Tier, welches das Knacken eines leisen Knochenbrechens einer wenig zeitgerechten Phantasterei illiterat zuzuschreiben vermochte. Karl und Frauke hingegen hatten sich der Industrie und deren Anordnungen durch Abwesenheit entzogen und irgendein Uboot gefunden, das sie zusammen mit dem Ort ihr Schicksal hatte wechseln lassen. Zumindest in der Phantasie, steht zu vermuten.
Das Pfeifen des Hohlbeinmantelgeschosses neben dem Ohr
Oh, ich habe unerwartet einen dritten Platz belegt. Welch Freude. Und dann auch noch der Dritte, das ist deutlich besser als der Erste, denn dort hätte ich ein vom Autor selbst gelesenes Hohlbein Hörbuch gewinnen müssen. Na, ist ja nochmal gut gegangen.
Danke an Herrn Lott für den erheiternden Wettbewerb
Überbleibsel
Der Regen schimmert grau,
die Nacht ist ganz verbogen.
Das bleibt. Du bist im Morgentau
ins Irgendwo, ins Ungenau
unbekannt verzogen.
