Die Sache mit dem Engel

31. März 2007 at 21:50 (Spezifisch)

Peter hat heute einen Engel gesehen. Einfach so, unangemeldet, ohne Vorwarnung. Natürlich war der Engel weiblich. Für Männer sind ohnehin fast alle Engel weiblich, das liegt an den eingebauten Scheuurteilen. Natürlich gibt es auch männliche Engel, aber aus Sicht eines Mannes müssen sie schon sehr hoch über den Normalsterblichen schweben bis er sie erkennt. Deswegen scheinen sie so unglaublich selten zu sein. Weibliche Engel sind auch selten. Das letzte Mal, dass Peter einen traf, ist zum Glück schon länger her. ‚Zum Glück’, sagt er, denn es ist kein Leichtes, einem Lichtwesen gegenüber zu stehen oder auch nur, es aus der Ferne zu sehen. Ich will nicht kitschig werden. Peter dachte in dem Moment nichts dergleichen, er blickte aus dem Fenster auf die Straße und sah sie. Ich könnte versuchen, sie zu beschreiben, aber das würde in die Irre führen, denn Engel sind nicht für alle Menschen gleich. Wer sich ein Modemagazinklischee vorstellen will, sagt Peter, bitte, mein Engel ist es nicht. Engel sind für ihn greifbarer, realer, menschlicher. Aber wer es ist, ist so individuell wie jeder von uns. So wie sie. Es entschied sich in der Sekunde des ersten Blickes. Vielleicht lag es am verdammten Frühling. Vielleicht nicht. Wie ging es weiter? Einfach: – gar nicht. Natürlich nicht. Hatte er im Ernst geglaubt, er würde das Fenster aufreißen und danach sein Herz? Er würde jedes Klischee erfüllen. Er hatte ernsthaft darüber nachgedacht. Aber er ging davon aus, dass sie noch einmal wiederkommen würde, denn sie war an ihrem Auto gewesen, hatte sich hinter das Steuer gesetzt, war dann aber wieder ausgestiegen und gegangen. So war das. Auch Engel haben Autos. Peter hat überhaupt keine Zeit für einen Engel. Gar nicht möglich, im Moment. Ab Mai wieder, gerne, aber im Moment wirklich ungünstig. Und dann, was, wenn er sich jeder Lächerlichkeit preisgegeben, jede Blamage eingesteckt hat, nur um festzustellen, dass der erste Eindruck falsch war? Dass sie nicht das ist, wahrscheinlich gar nicht sein kann, was er in ihr gesehen zu haben glaubte? Engel gibt es nämlich gar nicht, nur im Film, nur in kitschigen Texten. Nur im Himmel, und den gibt es auch nicht. Problem gelöst? Nicht so richtig. Schließlich fiel ihm doch eine Lösung ein. Als sie erneut kam und an ihr Auto ging, schaute er genau hin. Seine Vermutung wurde wahr: Sie war gar kein Engel. Ihr Haar wirkte viel weniger bronzeglänzend als vorhin, als es in der Sonne aufgeleuchtet hatte, und ihr Gesicht war nur ein bisschen ebenmäßig, bei genauem Hinsehen konnte er einen leicht ungünstigen Nase-Wangen-Winkel beobachten; ihr ganzes Auftreten, ihre Bewegungen, naja, nicht anmutig, eher selbstbewusst, nicht eitel, eigentlich nur – normal. Er hatte es geschafft, sagte er sich. Mehrmals sagte er das. Sie war nur ein Mensch. Nur ein Mensch wie viele, nachdem er all die Mängel, die er nur finden konnte, ins Kalkül gezogen hatte. In eine der zahllosen Schubladen hatte sie gepasst. Sie fuhr los. Gerettet? Er war so ein schlechter Lügner. Die wahre Lösung fand er dann später erst, viel später. Es ist ein schlechtes Zeichen, dass er einen Engel nicht mehr einfach als solchen sehen, bewundern und die Wärme der Erinnerung genießen kann. ‚Haben!’, schreit seine Leere, ‚Haben!’. Die wiederum kann er nicht hässlich reden. Sie ist es schon.

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Einfacher als gedacht

31. März 2007 at 14:32 (Spezifisch)

TwinsDes Lösels Rätsung ist dann doch wieder einfacher als gedacht. Wir schreiben das Jahr zweitausendundfünfzehn (alle außer den Pisastudienversagern, natürlich, die schreiben das anders). Ich erkläre meine Versuche, die perfekte Frau zu finden, für gescheitert. Nach unzähligen Anläufen, Versuchen, Rückschlägen, halben und ganzen Fehlschlägen, von denen der größte der anschließende Versuch war, aus Verzweiflung einfach schwul zu werden, entschließe ich mich schließlich, auf das Angebot einer großen, amerikanischen Klon-Firma einzugehen. Nur wenige tausend Dollar und ein paar Eingriffe später werde ich in ein Raumschiff gesetzt und ins All geschossen. Das Zwillingsparadoxon hat einen praktischen Nutzen – ein Zwilling, der über dreißig Jahre jünger ist, kann auf diese Weise gemütlich mein Alter erreichen, während ich mit knapper Lichtgeschwindigkeit ein paar Tage durchs All düse und in der Nase bohre. Dabei denke ich an meine Zwillingsschwester, oder besser, an mein weibliches Ich, meinen Klon, der bei meiner Rückkehr eine wunderbare Frau in den besten Jahren sein wird, der bereits ausreichend Lebenserfahrung gesammelt hat, dass man sich die Krisen gleich sparen kann. Sie und ich, wir werden uns intuitiv verstehen, denn wir sind genetisch identisch. Und was es alles zu erleben geben wird! Mehr als dreißig Jahre werden verflossen sein, ich bin gespannt, was sich alles verändert hat auf der guten, alten Welt. Hoffentlich haben sie endlich die Cybergames erfunden, oder das Holodeck. Unglaublich, was es alles an neuen Unterhaltungsmedien geben wird – wird Cybersex real sein? Aber das kann mir ja dann egal sein, fällt mir ein, wenn ich Sex mit mir selbst haben will, dann habe ich ja meinen Klon, der mich besser versteht als irgendwer sonst auf der Welt. Gut, Kinder kriegen ist nicht drin, aber das kann ich verschmerzen. Und Angst, dass ich mit der Welt so gar nicht mehr zurecht kommen werde, brauche ich auch nicht zu haben – diese Klongeschichte ist der Markthit, das haben so viele gemacht, dass ich eine Menge Menschen aus meiner Zeit wiedersehen werde.

Zur Mitte des Jahrhunderts lande ich, kurz nach dem Start. Etwas beduselt vom ungewöhnlichen Flug atme ich die neue Luft des Planeten. Stelle bald fest, dass Cybersex immer noch nicht erfunden ist. Treffe meinen Klon. Verheiratet. Drei Kinder. Sagt mir, was ich sie alles kann. Scheiße.

Übrigens, meinen Nachbarn hat es schlimmer erwischt: sein Klon hat sich drei Tage vor seiner Rückkehr, entnervt von unzähligen Krisen, selbst klonen und in ins All schießen lassen. Da mein Nachbar keine Lust hat, als alter Mann seinen beiden jüngeren Ichs beim Glücklichsein zuzuschauen, überlegt er jetzt, ob er seinen männlichen Klon nicht einfach heimlich im Weidenkörbchen aussetzen oder vielleicht auch ins Handgepäck nehmen und ihr hinterherfliegen soll…

Photo geklaut bei Darwin Bell, verretuschiert hab ichs selbst.
Nachtrag: Verdammt, die ausschlaggebende Quelle vergessen. Wie peinlich. Hab die Idee mit dem Klon von einem Kommentierer namens Konner. Hier bei Frau wort-wahl. Woher der die Idee hat, weiß ich auch nicht 🙂

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Próxima Estación – Esperanza

30. März 2007 at 17:31 (Unspezifisch)

Manu Chao hat sinngemäß einmal gesagt, wie schön es sein müsse, wenn man als Pendler in Madrid morgens, durch das Alltagsgrau in der U-Bahn hindurch, die Ansage hören kann: „Nächste Station – Hoffnung“. Beneidenswert.

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Eine Wanderung

29. März 2007 at 21:54 (Spezifisch)

An klaren Tagen hat man von den Münchner Hausbergen einen herrlichen Ausblick auf die sich höher und höher erhebenden, schneebedeckten Alpen im Süden, während nördlich die große Stadt in der Ferne schimmert. An einem klaren Tag wie diesem, im Sommer vor fünf Jahren, fand meine Reise mit Max statt. Er, der sich in diesen Gebieten auskannte wie kein Zweiter, hatte mir schon am Vorabend zu verstehen gegeben, dass wir noch vor Sonnenaufgang den Aufstieg beginnen würden. Die letzten Sterne standen noch am wolkenlosen Himmel als wir aufbrachen. Den ganzen Vormittag waren wir unterwegs, zuerst durch dichten Wald, dann an immer steiler werdenden Hängen durch den gründunklen Schatten der Tannen, während auf der anderen Seite des Berges die Sonne bereits unerbittlich brannte. Eine weite, fast ebene Alm auf halber Höhe, bereits oberhalb der Baumgrenze, mussten wir eilig überqueren, da die Sonne schon so hoch stand, dass der Schatten des steinernen Riesen, der darüber thronte, immer kürzer wurde und sich die Hitze wie eine Flut über die Wiese ergoss. Dort, wo einzelne Felszacken ihr grünes Bett durchbrachen und Felstrümmer von der Größe ganzer Häuser aus der Höhe herabgestürzt und nun wie von riesiger Hand verstreut herumlagen, quoll ein kleiner Bach aus der Bergwand. Wir erfrischten uns am eiskalten Wasser, Max ließ mir jedoch wenig Zeit, mich auszuruhen und meine schmerzenden Waden zu kühlen. Weiter, noch vor Mittag mussten wir den Gipfel erreicht haben. Den stahlblauen Himmel über uns, Geröll unter den Füßen, stiegen wir weiter, und nun wurde es wirklich steil. Wie zwei Ameisen durchkletterten wir die Wand, Leere unter uns, und ich musste mich anstrengen, keinen falschen Tritt zu tun, immer sicheren Halt zu behalten. Hie und da halfen alte, vor langer Zeit ins Gestein geschlagene, verrostete Eisenringe und –stangen beim Klettern. Der Wind frischte auf und kühlte meinen schweißnassen Körper bedenklich schnell aus. Doch dann, beinahe unversehens, eröffnete sich der Gipfel vor uns. Ein paar Meter noch… hier gab es kein Entrinnen mehr vor der auf uns herabfallenden Glut. Doch unter dem brettblauen Himmel eröffnete sich das unglaubliche Panorama in alle Richtungen und machte uns alle Entbehrungen für den Moment vergessen. Im Süden türmte sich Gipfel über Gipfel, und in den schneebedeckten Höhen in der blassblauen Ferne konnte man beinahe das verheißene Land erahnen, das keiner je zu Gesicht bekommen hatte. Im Westen setzte sich die Kette der Berge in steter Reihe fort, sanft abfallend zu der Ebene im Norden, wo wir die letzten Türme der Stadt München in die Höhe ragen sahen, rostigen Nadeln gleich wuchsen sie aus dem Boden, dort, wo einst die Zeit der Hochkulturen zu Ende gegangen war. Wir wandten uns nach Osten, wo jäh der Fels weit über hundert Meter in die Tiefe stürzte. Noch tiefer unten, gen Tal, bedeckte alter Wald die steilen Hänge. Plötzlich, ohne Vorwarnung, geräuschlos, glitt ein großer Schatten darüber hinweg, und wir sahen mit Entsetzen und ungläubigem Staunen wie zwischen uns und der fernen Talsohle mit langsamem, mächtigen Schwingenschlag ein Drache flog, still wie jedes wahre Naturwunder. Die Schuppen der riesigen Echse glänzten hell in der Sonne und er flog vorüber, gen Norden.
Nie hatten wir etwas Derartiges gesehen, und andächtig schweigend verharrten wir in der stillen Hitze des Gipfels. Schließlich blickten wir uns an, und wussten ohne ein Wort zu wechseln, dass das, dessen Zeuge wir geworden waren, wahr, so wahr wie die zerstörte Stadt München und die sengende, gefährliche Sonne war. Wir hatten erkannt, dass sich unsere Zeit dem Ende zuneigt.

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Einmal mit allem, bitte

29. März 2007 at 12:46 (Unspezifisch)

Verschmitztes und Philanthropholosophen, Gescheibsel und grobe Miller-Anspielungen, vermucte Neutrae, Babelfischiges, Shakespearescher Sturmextrakt und natürlich Absurdes aus dem Lande selbigens, neunotiertes Mondgeheul und neuerdings auch stilvolle Leporidae. Und das ist noch lange nicht alles.

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Waldfee

28. März 2007 at 8:44 (Lieblinge, Spezifisch)

Mangels Zeit und Wörtern heute leider nur eine Konserve, immerhin eine ziemlich frische (vom Februar).

Die Waldfee
Ein Märchen mit Wunsch-Ende

„Bist du das Joghurtmonster?“ – „Nein die Waldfee.“ Ich drehe mich langsam zu der Lichtgestalt, die meine Wohnung ausfüllt. Skeptisch wende ich ein „Du bist aber aus dem Joghurtbecher gekommen“, denn die Lichtgestalt ist tatsächlich beim Öffnen unter der Folie hervorgeschlüpft. Plötzlich muss ich schief lächeln, „Also du bist dann wohl die Waldfrüchtefee?“, frage ich frech. „Naja, ja, bin ich“, erwidert sie und wird rot, was, da sie eine Lichtgestalt ist, mein Zimmer in ein zartes Quietschrosa taucht. „Du bist aber süß!“, rufe ich aus und muss wegen ihrer Niedlichkeit den Kopf schief legen, was mein schiefes Grinsen begradigt. „Fang bloß nicht an mich zu knuddeln!“, ruft sie aus und ihr Tonfall changiert, ganz wie ihre neue Farbe, zwischen Entsetzen und Blassblau. Währenddessen fängt sie an sich zu verdichten und kreiselt schließlich als faustgroße, splitternackte Waldfrüchtefee inmitten eines zuckerwattebäuschchenblauen Nebels unter der Deckenlampe. „Muss ich mir jetzt was wünschen?“, frage ich gespannt. „Du darfst“, sage sie gedehnt und ergänzt, „du Vollidiot“.

Wunschkonzertiertes Ende:

Ich lache. „Also schön“, beginne ich, stelle dann aber fest, dass ich gar nicht so genau weiß, was ich mir wünschen soll. Alles will wohl abgewogen werden. Ich habe nur einen Wunsch. Soll ich mir für mich selbst etwas wünschen oder lieber etwas für andere? Soll ich vielleicht Weltfrieden wünschen oder lieber lecker Essen bis ans Lebensende oder Geld, viel Geld, denn damit kann man Essen aber auch andere Sachen kaufen, aber, falls eine Inflation kommt, sollte ich mir stattdessen lieber Grundbesitz wünschen, denn der fällt nicht im Wert, oder, was noch besser wäre, Macht, mit Macht bekommt man alles andere, was man will; aber wenn ich etwas will, mit dem ich alles bekommen kann, was ich will, dann sollte ich mir vielleicht noch mehr Wünsche wünschen? Tausend Wünsche, Millionen Wünsche, Trillionen, und falls die dann zur Neige gehen wünsche ich mir einen Wunschwecker, der mich daran erinnert, mir neue nachzuwünschen wenn nur noch tausend übrig sind, oder besser eine Million, sicherheitshalber. Dann geht auch Weltfriede, dann ist allen gedient, aber meine Güte, wenn ich mit Weltfriede anfange werden alle zu mir kommen wegen dies und dem und am Schluss werde ich den ganzen Tag damit zubringen der Frau A die Liebe vom Herrn B herbeizuwünschen, der aber tags zuvor nach der Liebe von Frau C gefragt hat, das wird ja höllisch verzwickt, und sich alle Probleme vom Hals zu wünschen kann ja nur heißen, dass es mit dem Weltfrieden nicht mehr klappen kann, und dann, dann geht ja alles wieder von vorne los, schrecklich, bloß nicht, also dann lieber nicht. Aber was dann? Was soll ich mir wünschen? „Hallo, Fee?“, frage ich vorsichtig, aber sie hat sich in den Joghurt, aus dem sie gekommen ist, zurückgezogen und wünscht mir von dort schläfrig einen guten Appetit.

Alternatives Ende:

Ich bin es gewohnt von meinen Joghurtkulturen verhöhnt zu werden und nachdem sie mich auch meistens im Schach schlugen, habe ich mir angewöhnt sie kommentarlos und sofort zu essen. Während ich also erwäge, wie ich Gleiches mit der Waldfrüchtefee anstellen könnte, ob ich sie in ein Einmachglas locken und auskochen sollte, mit der Fliegenklatsche an die Wand patschen oder lieber mit Mottenspray bewusstlos stäuben, wippt sie ungeduldig mit dem Füßchen (eine kaum wahrnehmbare Geste) und sagt: „Wenn du dir nicht gleich etwas wünscht, du Rindvieh, dann wünsche ich mir etwas für dich…“ – „Mir scheint“, antworte ich, „hier in diesem Raum herrscht eine etwas feindselige Stimmung. Gibt es hier kein Verständnis? Keine Liebe?“ Während ich mich zu erinnern versuche von wo ich diese Formulierung geklaut habe, hext sie mir einen Krokodilschwanz und eine Zigarettenspitze mit abgebrochener Lucky-Strike an und verschwindet. Das heißt, sie versucht zu verschwinden, klatscht aber beim Abflug an die Fensterscheibe und bleibt bewusstlos liegen. Ich stopfe sie zurück in den Joghurt, denn weiß schmeckt er mir nicht.

Skeptisches Ende:

„Gut“, sage ich und äußere meinen Wunsch. Sie protestiert. „Bück dich Fee“, antworte ich, „Wunsch ist Wunsch“.*

Kitschig-Satirisch-Sarkastisches Ende:

„Oh“, rufe ich erfreut, „Welch ein Glück! Ich wünsche mir nichts sehnlicher als meinen kleinen, blaugrün karierten Kanarienvogel zurück, Pipsi, der mir vor zwei Tagen entflogen ist als ich versehentlich Käfigtür, Zimmertür, Flurtür, Wohnungstür und Haustür offen stehen ließ!“ Die Fee lächelt wie nur Feen lächeln können, ganz winzig nämlich, und klatscht in die Hände. Während feiner Sternenstaub auf den Tisch rieselt ist Pipsi plötzlich wieder da. Er liegt auf dem Wohnzimmertisch. „Fee“, sage ich mit erstickter Stimme, „Was ist mit ihm?“ – „Es tut mir leid“, sagt die Waldfrüchtefee leise und mitfühlend, „Er wurde gestern, als er ausgehungert, verzweifelt nach Körnchen auf der Straße pickte und keine fand, von einem Zementlastwagen überfahren. Der Fahrer hat nichts bemerkt.“ Als sie mein tränenüberströmtes Gesicht sieht fügt sie leise hinzu: „Wenn es dich glücklich macht kann ich dir noch ein Reinigungsmittel für den Tisch herbeiwünschen…“

Hintersinniges Ende:

„Schön“, sage ich mit einem triumphierenden Lächeln, „Dann verzichte ich auf meinen Wunsch“. Sie wird blass. „Warum denn, warum?“, jammert sie plötzlich mit dünner Stimme. „Warum denn nicht?“, frage ich keck. „Weil man sich immer etwas wünschen muss! Man kann nicht einfach verzichten!“ Ich verschränke die Arme, hebe die linke Augenbraue und blicke an ihr vorbei aus dem Fenster. „Bitte, bitte“, bettelt sie und die Zuckerwattewölkchen huschen nervös umher. Ich lasse sie noch ein bisschen zappeln dann lenke ich ein. „Na schön“, sage ich und sie klatscht freudig in die Händchen. „Ich wünsche mir, dass ich mir nichts wünschen muss.“ Ihr Klatschen erstirbt und sie fängt leise an zu schluchzen. „Das geht nicht, das ist doch kein Wunsch“, jammert sie. „Warum denn nicht?“, frage ich mit gespieltem Interesse. „Er ist selbst-re-flex-iv“, mault sie, und sie weiß, dass ich es weiß. „Schön“, sage ich, „dann wünsche ich mir, dass du meinen Wunsch nicht erfüllst“. Sie heult laut auf, und ich wundere mich, dass etwas so Kleines ein so lautes Stimmchen haben kann. Ich denke nach. „Warum muss ich mir etwas wünschen?“, frage ich. Sie antwortet mit ihrer kleinen, gebrochenen Stimme: „Ist es dein Wunsch, das zu wissen?“. Sie flüstert entwaffnend süß, aber ich habe den Braten schon gerochen. „Nein“, sage ich. „Ist es dann dein Wunsch, die Antwort nicht zu wissen?“, hakt sie nach. Ich grinse: „Nein“. Dann werde ich blass. Jetzt hat sie mich. Triumphierend, während die Tränen noch auf ihrer fingernagelkleinen, rosigblauen Wange glitzern, fragt sie: „Warum hast du dann gefragt?“ Mir stockt der Atem. Jetzt kann mir alles als Wunsch ausgelegt werden. „Lila“, sage ich. „Prima“, sagt sie, so leise, dass ich es kaum hören kann. Dann ist sie verschwunden und ihre Puderzuckerschäfchenwolken lösen sich unter der Deckenlampe in Waldfrüchtearoma auf.

*) Ja, ich gebe es zu, der ist nicht auf meinem Mist gewachsen. Ich kann dazu nur sagen: Ganz egal, wie hoch sich meine Misthaufen türmen mögen, es gibt schließlich immer noch welche, die noch größer sind. Warum nicht auch mal pflücken, was auf dem größten von allen, dem Allmendemisthaufen wächst?

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Nächtliche Ideen und trojanische Döner

26. März 2007 at 23:56 (Spezifisch, Unspezifisch)

Wollte einen spritzigen Text schreiben. Einen tollen, metaphersprühenden, ebenso ironischen wie waghalsigen Abriss über… irgendwie über alles, aber, den Aufhänger, äh,… den hab ich vergessen. Den restlichen Inhalt auch. Das ist das Problem wenn man gerade ins Bett gegangen ist und plötzlich tolle Ideen hat, dann aber zu faul ist, aufzustehen und sie aufzuschreiben. Hätte ich wissen müssen. Wusste ich auch. Mache ich nämlich sonst auch so – das mit dem Nochmalaufstehen meine ich. Wenn ich wirklich so spontanverliebt in die Idee bin. Ob sich´s immer lohnt, wer weiß das schon? Das Folgende zum Beispiel entstand vor einigen Jahren, nachdem es eines Abends mal wieder wirklich spät geworden war und mein Besuch und ich uns endlich, endlich zu Bett begeben hatten, jeder auf seiner Matratze, in meiner viel zu kleinen Einzimmerwohnung. Keine zwei Minuten Licht aus – zack, Licht wieder an, aufstehen – nein, falsch: erst aufstehen, über den Freund stolpern, der es sich auf der Matratze gerade gemütlich gemacht hatte, dann Licht an; den erstbesten Schmierzettel geschnappt und folgende, sonst am Ende wohl noch dem Reich der Vergessenheit anheim gefallenen Zeilen geschrieben:

Der kleine, grüne Rasenmuck
hat einen riesen Blasendruck
Und als es ihn zu sehr pressiert
da ist er einfach explodiert.

Wenn das nicht ganz großes Kino ist… ach, den Ausdruck gab es damals noch gar nicht, was haben wir denn stattdessen gesagt? Große Kunst? Nee. Kultig? Zumindest nicht in dem Zusammenhang. „Du spinnst“, hatte mein Freund glaube ich gesagt. Ich habs nicht festgehalten, sonst wär ich wohl noch mal aufgestanden…

Nochmalaufstehend ist jedenfalls auch vorige Tage meine wahnsinnig grooovige Kritik eines sinnfreien Klappentextes des Buches „Ich Ich Ich“ vom großen Gernhardt entstanden, die letzterem zwar nicht gerecht geworden sein dürfte, dem Klappentextautor aber zumindest nicht völlig ungerecht geworden sein könnte. Der Text des Anstoßes begann mit den Worten „Drei Ichs – aber mindestens – wühlen in des Autors Brust…“, wodurch ich mich nach einigem Verdauen und berauscht vom Inhalt des Buches selbst schließlich aus dem Bett scheuchen und anschließend auf dem eilig hervorgekramten Schmierzettel zu der Bemerkung hinreißen ließ: „Sie wühlen? Zwei Ärzte wühlen, ach, in meiner Brust… so stand es geschrieben bei Goethe. Oder war´s Schiller? Aber nein, ‚Goethes Faust’, das kennt man doch, das ist ein feststehender Ausdruck, so wie ‚Döner mit scharf’, da kann man gar nicht irren. Nur wühlen.“ Man könnte, das Original bemühend, auch fragen: „Wohnst du noch oder wühlst du schon?“, aber was sind schon Werbehülsen gegen den alten Wolfgang. Ich habe neulich Stan, das ist der, der damals wegen der Rasenmuckgeschichte unter meiner nächtlichen Kreativität leiden musste, ich habe ihm vorige Tage (nachts, natürlich) dargelegt, warum der Klappentext meiner Meinung nach mit dieser intellektüllen Formulierung beginnen musste: Es ist, das habe ich neulich erfahren, im Literaturbetrieb Usus, dass der Autor wenig bis keine Mitspracherechte bei der Gestaltung des Buchcovers hat. Es gibt im Verlag die Marketingmenschen und andere Künstler, die das Design des Umschlags auf die Zielgruppe abstimmen. „If you judge the book by the cover…“ enthält mehr Wahrheit, als man gemeinhin denken mag (allein, weil man sonst wahrscheinlich gar nicht über die Zeile nachdenkt, jetzt aber drängt sie sich auf (Für alle, die nicht wissen, worum es geht: „The Look of Love“ von ABC war mal ein Hit in den 80ern, und wer ihn nicht im Original kennt, hat bestimmt schon mal ein Cover gehört… ´schuldigung, fünf Euro in die Schlechte-Wortspiel-Kasse)). Jedenfalls verkaufen die Marketingbuchcoverdesigner dem Leser erstmal das, was er gerne hätte, und wenn er das Buch dann hat, verkauft ihm der Autor das, was er selbst (der Autor) eigentlich sagen wollte – schließlich hat man den Schinken ja gekauft, da muss man ihn dann auch essen. Äh, lesen? Schlucken? (Am Stück?) Auslöffeln? Egal. So ähnlich jedenfalls wie mit dem Cover dürfte sich das wohl auch mit den Klappentexten verhalten. Ein paar zielgruppenspezifische Wörtchen hingebröckelt, in diesem Fall eine Anspielung, die jeder noch so Ungebildete zweifelsfrei als einen augenzwinkernden Verweis auf den Inbegriff der Hochkultur identifizieren kann, und hopp! da ist die geistige Lücke, in die man das Buch einsortieren kann. Sowas gibt Halt und Sicherheit. Andererseits ist das gar nicht so verkehrt. Im erwähnten Buch geht es beispielsweise (u.a.) um die Platzhirsche unter den Literaten, die – unbeschadet der Qualität ihrer Werke – sich selbst derart inszenieren, dass sie nicht nur über sich selbst hinauswachsen, sondern gleichzeitig auch noch alle anderen, weniger bekannten Künstler an den Rand drängen, oder, wem das heute gebräuchliche Wort lieber ist, marginalisieren (um nur ein einziges, recht geläufiges Beispiel zu nennen: Brecht). Gerade daraus folgt aber doch, dass dem statistischen 75er-Quantilsleser der Text eines weniger gut bekannten Autors am besten in Form eines geschickt zwischen Anspruchshaltung erfüllendem Buchcover und ebensolchem Klappentext eingekapseltem trojanischen Pferdes untergejubelt werden kann. Grausamer Satz. Auch deshalb, weil er die Mehrzahl der Leser zu unmündigen Geschöpfen erklärt. Aber die restlichen Leser brauchen solche Krücken ja nicht. Überraschend glückliches Fazit: welch ausgeglichene, welch allseits faire Welt. Welch herrliche Synthese. Eine Kleinigkeit freilich stört die Pseudoharmonie: das Umschlagsbild meiner Ausgabe von „Ich Ich Ich“ ist – natürlich: von Gernhardt selbst. In Anlehnung an Boëthius bleibt mir letztlich nur zu konstatieren: si dormivisses, philosophus manisses.* Gute Nacht.

*) Stercus, mein Latein ist doch unter aller Sau. Kaum zu glauben, wie viel Zeit man für einen einzelnen, blödschlauen Spruch verschwenden kann.

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Einwürfchen

26. März 2007 at 3:16 (Spezifisch)

Die kleine Fee
steckt fest im Schnee
und zwar weil ihr Passat
noch Sommerreifen hat.

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Lem lebt

22. März 2007 at 14:19 (Unspezifisch, Zelluloid)

Ijon TichyJeder, der gelegentlich kreativ wird, wird das wohl kennen: man hat mehr Ideen, als sich mal eben umsetzen lassen, und manchmal schreibt/malt/musiziert man dann einfach drauf los, ohne groß darauf zu achten, was dabei herauskommt. Ich habe den Eindruck, bei Lem war das gelegentlich auch so, und wer weiß, vielleicht sind Stories wie die vom Raumfahrer Pirx und die Sternentagebücher so entstanden. Immerhin hat er den Erzählungen, in denen er seine vielen Ideen verarbeitet, auch literarisch Hand und Fuß gegeben (wie viel Hände und Füße, darüber kann man sich streiten; zu viele wohl eher nicht).

Genauso absurd wie seine Ideen (und über die würde ich mich nun nicht streiten wollen, die finde ich grandios) ist eine neue Umsetzung im Auftrag des ZDF* – endlich mal kein pseudointellektueller Aufwasch im Stile eines verstümmelnd verkürzenden Hörspiels mit Soundeffekten, die schon in Catweazle-Hörspielen zu lächerlich waren um wenigstens noch kindisch zu wirken, nein, die* haben es geschafft, eine total schräge Low-Budget-Verwurstung mit einem schön akzentelnden Hauptdarsteller (Oliver Jahn), der den münchhausnerisch-selbstironischen Charme der Geschichte wundervoll darstellt, hinzubekommen. Natürlich wieder nur für Nachtraben, oder – und das ist cool – online! In diesem Sinne: schraubst du dieses Link fur grossartiges Film von Leben und Abenteuer von grossen Ijon Tichy!

Um noch ein Zitat zum Drehbuch dranzuhängen: „Völlig durchgeknallt, aber sehr angenehm und schlau“ (Nora Tschirner, die „analoge Halluzinelle“. Ich muss anmerken, dass sie bei diesem Interview ansonsten entweder schon einen im Tee oder einfach nur einen scheiß Tag hatte – vom Zitat würde jedenfalls nur die vordere Hälfte auf sie selbst zutreffen).

* Also, um genau zu sein: „Sabotage Films GmbH, Kosmische Kollegen und dffb im Auftrag des ZDF Das kleine Fernsehspiel / quantum“

PS: achja, hier der kleine „Häh-Wer´sn-Das-Link

Danke an Stanley CubiC für den Tip!!

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Allein die Leichtigkeit

21. März 2007 at 18:28 (Lieblinge, Spezifisch)

York appartments - night intersection - by Chewy Chua Wie ein Federchen, leicht, im Dunkel, welches über der bunt glitzernden Stadt, über der spätabendlichen Straße klebt, wie ein Federchen fühlst du dich, zu leicht um nicht vom nächsten Windhauch fortgeblasen zu werden, zu kreatinös um vom Nieselregen berührt zu werden. Du kannst von hier oben durch die Glasscheiben sehen hinter denen Licht ist, Musik, Menschen. Menschen, die alle hoffen, streben, leben. Solche, die mit beiden Beinen im Leben stehend längst alle Wunder verkauft haben, aber auch solche, die gleich dir leicht sind, zu leicht um eigenen Halt zu finden, sie bilden das sich ständig erneuernde Federkleid dieser Stadt, und bis vor kurzem warst du ein Teil davon. Nun bist du entfernt, obgleich noch nah, und zum ersten Mal gelingt dir, was du seit langem vergeblich, oft ohne zu wissen, was es war, versucht hast: der Überblick. So etwas wie ein Verstehen. Du spürst den Hauch der ungebundenen Freiheit, zugleich den der Einsamkeit, in einem. Doch das sind Spinnereien, sagst du dir als du dich abwendest und in dein Nest zurückkehrst, das sind alte Metaphern, zu alt um wahr zu sein, morgen, sagst du, morgen wird gut, nicht wie gestern, als du noch mit besser zufrieden warst. Der Wind seufzt dich zurück ins Zimmer und du beschließt, deine Kunst darauf zu verwenden so zu tun, als gehörtest du noch dazu. Es wird gelingen. Du bist nicht allein.

Photo by Chewy Chua

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