Leichtöl und Vitalirabi

2. März 2007 at 9:08 (Lieblinge, Spezifisch)

„Ich würde gerne eine Vitalirabisuppe mit Knötchen essen“, antworte ich trotzig, denn sie hat mir soeben eröffnet, dass sie auf keinen Fall mit mir in die Stadt kommen wird und ich suche nun Gründe dafür, sie doch zum Mitkommen zu bewegen, denn ohne sie gehe ich nicht. „Deine Grünzeugsuppe kannst du auch zuhause haben. Ich koche dir eine, wenn du willst.“ – „Aber wir haben keinen frischen Vitalirabi und deine Weizelknötchen mag ich nicht.“ – „Dann mach dir halt was anderes.“ Ich sehe sie wütend an, und ihr zitronig verzogenes Gesicht spiegelt wider, wie auch ich mich fühle. Immerhin haben wir etwas gemeinsam.

„Nein, meine Suppe mag ich nicht. Ich mag die vom Koftlerseppl, die ist gesund und lecker.“ – „Und teuer“, ergänzt sie. „Na und“, werfe ich trotzig hin, „ist doch mein Geld.“ – „Nicht, wenn du mir noch über dreihundert Pampelmusen schuldest.“ – „Nun mach doch den Gärtner nicht zum Mörder, ich habe es mir einfach schön vorgestellt mit dir ein bisschen durch die Frühlingsluft zu schlendern, vielleicht Schaufenster anzuschauen und dann eine paar schöne Vitalirabi suppen zu gehen. Was ist denn so schlimm daran?“ – „Nichts, nichts, außer dass ich keine Lust habe.“ Sie hat ihren hübschen Körper im Verlauf der Diskussion solange um die eigene Achse gedreht bis sie mit einem leisen ‚Klick’ im Trotz eingerastet ist, wo sie nun bleibt. Den Klemmhaken ihrer Stimmung aufzubrechen ist sinnlos, schlimmer: da würde etwas kaputt gehen, das weiß ich aus Erfahrung; es helfen nur ein gutes Leichtöl und viel Liebe und Feingefühl. Drei Dinge von denen ich in meiner momentanen Stimmung nur eines habe. Bevor ich mich mit meinem Gegentrotz in ihrem verhake, schalte ich also den Fernseher ein.

Klar erhelltes Plasma benebelt dunkelnd unsere Wohnung und ich höre leise hinter den halb geschlossenen Jalousien ein paar Vögel flattern und jemanden husten, bevor die Stimme einer Talkshowqueen in mein widerstrebendes Bewusstsein tröpfelt. Ich hasse Fernsehen. Sie liebt es. ‚Ich kann dabei abschalten’, hat sie immer gesagt. Ich kann es nicht. Im Gegenteil, entweder ich steigere mich wütend in meinen Hass auf all den Schwachsinn, der die Menschheit verblödet, hinein, oder ich hänge stundenlang auf der verzweifelten Suche nach einem Fünkchen Geist vor dem wabernden Plasma, nicht fähig ab-, nur fähig umzuschalten, geistig und irgendwann auch seelisch auf Sparflamme herabgeregelt. Nach etwa zwanzig Litern Leichtöl, während einer Werbepause, versuche ich leicht anzutesten ob sich das Häkchen gelockert hat:

„Hast du gehört, im Pandämonium spielt heute das Ödelheim Quartett“, werfe ich locker und unverbindlich auf den Wohnzimmertisch, nur ungefähr in ihre Richtung. „M-hm“, kommt es zurück. „Wie wärs, hast du Lust?“, schnipse ich betont unauffällig, ja, zufällig, ganz so als wäre es eine spontane Idee, in ihre Richtung. Ich weiß, dass sie Spontaneität mag. „Worauf?“ Verdammt. Die Pause war zu lang oder die Werbepause zu kurz. „Auf das Pandämonium“, sage ich, während ich die intensive Vorstellung mir durch die Hände gleitender, klatschnasser Bieberfelle habe. Nun ist mein Vorschlag nicht mehr spontan, jetzt ist er geplant. Und schlimmer noch: ‚Auf das’ hat sich bei weitem nicht so unverbindlich angehört wie ein ‚aufs’ geklungen hätte. „Nein“, sagt sie schlicht. „Hör zu“, sage ich während ich den Fernseher auf stumm schalte und nachdem ich tief Luft geholt habe. „Seit Wochen sind wir nicht mehr gemeinsam weg gewesen. Ich muss hier raus, mir fällt langsam die Decke auf den Kopf! Ich bitte dich, komm mit, du wirst sehen, es wird dir Spaß machen, und ich lade dich ein. Und keine Angst, das Geld bekommst du auch zurück, gleich am Ersten, wenn ich die neuen Motten bekomme. Was sagst du?“ Sie sagt gar nichts sondern starrt unbewegt auf das stumme, flimmernde Fernsehbild. Ich vergrabe das Gesicht in den Händen. Was ist nur los? Als ich eine Sekunde später den Kopf wieder hebe ist sie verschwunden. Ich schalte den Ton wieder ein. Vielleicht kommt sie zurück. Seit Wochen geht mir das nun schon so, seit genau zweiundvierzig Tagen, seit sie mich verlassen hat.

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