Kätzchen und die Anarchie

9. März 2007 at 21:56 (Lieblinge, Spezifisch)

Sie hatte einen unvorteilhaften Nachnamen und einen nachteiligen Vornamen, sonst unterschieden sich die beiden Substantive nicht sehr voneinander. Ich nannte sie daher Kätzchen, das war zwar nicht kreativ aber trotzdem niedlich, und niedlich war das wunderhübsch unpassendste Wort im Zusammenhang mit ihr, wie sie da neben mir in der ausgehöhlten Ein-Zimmer-Küche-Bad-Wohnung am Fenster kauerte und lässig den Raketenwerfer schulterte. „Kätzchen“, sagte ich und sah ihr dabei zu wie sie durch die Visiereinrichtung einen Lastwagen verfolgte, der auf der anderen Seite des unbebauten Grundstückes gegenüber unseres Hauses vorbeifuhr und einen Fahrradfahrer anhupte. „Gestern waren wir noch bei Anna“, sagte sie. „Gestern hatten wir auch noch nicht so viele Kerben auf dem Fensterrahmen.“ – „Ein Dutzend Kerben mehr macht aus dem Menschen Anna also ein Kätzchen?“, fragte sie und sah mich an, den Raketenwerfer mitschwenkend. „Deinen Namen haben wir doch auch erst in Anna geändert“, erwiderte ich und schaute die beiden Geschosse an.

„Ich hasse es, wenn du mich Geschoss nennst“, sagte sie und ich beschloss, in Zukunft nicht mehr laut zu denken und Namensdiskussionen zu vermeiden. „Zeit für eine neue Kerbe“, lenkte ich ab, nahm mein Gewehr hoch und schaute durch das Zielfernrohr. Ich blickte in eine Gewehrmündung und drückte sofort ab, nicht einmal Zeit zum genauen Zielen oder um den Atem zu beruhigen nahm ich mir. Das war natürlich ein unschöner Schuss, doch immerhin zeigte die Mündung des Gewehrs nun nicht mehr auf mich und ich konnte beobachten wie in dem Haus auf der anderen Straßenseite hinter dem unbebauten Grundstück jemand die Hände an den Hals presste und einen taumelnden Tanz vollführte. „Kerbe?“, fragte Kätzchen und ich sagte: „Moment noch“. Als der andere schließlich umkippte nickte ich und hörte sie mit dem Küchenhackbeil die kleine Kerbe hacken. Dann legte sie Schubert auf.

„Haben wir eigentlich noch genug Munition?“, fragte ich sie. „Im Kühlschrank sind noch drei Schachteln Neunmillimeter und zwei Stinger“, antwortete sie. „Der C4 ist fast alle und Splitterhandgranaten haben wir gar keine mehr“, fuhr sie ihre Aufzählung fort. „Wann kommt denn der Händler?“, fragte ich erstaunt, denn es war schon Donnerstag und normalerweise hätte er längst dagewesen sein müssen. „Gar nicht mehr“, sagte sie, kam zum Fenster zurück und klopfte auf den Fensterrahmen. Ach ja, das hatte ich ganz vergessen. Kerbe zweiundvierzig von siebenundsechzig. Nein, achtundsechzig. Gut dass wir zählten. Unmöglich, sonst den Überblick zu behalten. Wofür gibt es Zahlen wenn nicht zum Zählen.

Ich warf mich zur Seite und der Feuerball füllte die halbe Wohnung aus, während die Rakete mit einem ziemlich lauten Zischen unser Leben verließ um ein anderes zu nehmen. Ich schimpfte gar nicht erst. Sie schoss immer so spontan, und wenn ich nicht aufpasste war das schließlich meine eigene Schuld. Ich nahm mein Gewehr zur Hand um nach Überlebenden zu suchen. „Was ist mit Schubert?“, fragte ich während ich zielte. „Gar nichts“, sagte sie, „seit dem neunzehnten November achtzehnhundertachtundzwanzig ist er tot. Liegt in Wien begraben. Man sagt die Syphilis hat ihn dahingerafft, was schon möglich ist, da er erst einunddreißig war, aber es kann auch der Typhus gewesen sein.“ – „Schön“, sagte ich und schoss, dann fuhr ich fort, „Ich meinte eigentlich, warum ist die Musik aus?“ – „Oh“, bemerkte sie, hackte dann eine weitere Kerbe in den Fensterrahmen und ging zum CD-Spieler. Der hakte fast immer wenn sie Raketen verschoss. Kurz darauf hörten wir wieder Franz.

„Wusstest du, dass er in seinem ganzen Leben nur ein einziges Konzert gegeben hat?“, fragte sie mich. „Interessant“, sagte ich und schoss erneut. Der brennende Autofahrer hörte auf zu schreien, brannte aber weiter. „Meinst du, der Krieg geht noch lange?“, fragte ich. „Er sah sich gerne als verkanntes Genie, sagt man. Auf jeden Fall war er bescheiden, oder scheu, das auf jeden Fall. Außerdem ist es kein Krieg.“ – „Mag sein, aber das hört sich doch sehr schön an und jeder weiß was gemeint ist. Ich habe nie auch nur ein Konzert gegeben.“ – „Ich denke es wird nicht so bald aufhören.“ – „Warum nicht?“ – „Hast du gesehen dass das Auto ein MG aufgepflanzt hatte?“ – „War das Konzert denn erfolgreich?“ – „Wie man es nimmt. Er verdiente einen Haufen Geld und Anerkennung damit.“ – „Alt ist er trotzdem nicht geworden.“ – „Es wird erst aufhören wenn alle tot sind“, sagte sie und hackte eine weitere, diesmal nur kleine Kerbe, nachdem ich einen Dackel mit der viel zu großkalibrigen Munition pulverisiert hatte. „Das glaube ich nicht“, wandte ich ein. „Wenn keiner mehr Lust aufs Schießen hat und wir keinen Schubert mehr hören können, dann wird es vielleicht aufhören.“ – „Wer redet denn immer vom Aufhören! So heilsam wie ein kleiner Krieg ist keine andere Erfindung der Menschen, selbst wenn es gar nicht Krieg genannt wird. Namen sind doch ohnehin ziemlich bedeutungslos.“ Ich nickte. Kätzchen.

Sie ging zum Kühlschrank und holte uns zwei Dosen Bier. „Zigaretten wären gut“, sagte ich und prostete ihr zu nachdem ich mein Gewehr an das Fenster gelehnt und mich selbst aus der potentiellen Schusslinie unserer Nachbarn von gegenüber gebracht hatte. „Lebt der Zigarettenhändler noch?“ – „Den hat doch vorige Tage die Tretmine erwischt“ – „Verdammt.“ – „Rauchen ist eh ungesund.“ – „Ich weiß, aber ich komme einfach nicht davon los.“ Plötzlich musste ich lachen. „Erinnerst du dich daran, dass sie bevor das alles losging auch noch das Rauchen in der Öffentlichkeit verboten hatten?“ Sie nickte lächelnd. Heute geht da ohnehin keiner mehr hin. Es klopfte.

Erstaunt wandte ich den Kopf zur Tür, stand dann auf und als es noch einmal klopfte schoss ich mit meiner Halbautomatik auf Kopfhöhe durch das splitternde Holz. Dann öffnete ich. „Kennst du den?“, fragte Kätzchen mich über meine Schulter hinweg. Ich schüttelte den Kopf. „Was er wohl wollte?“ Sie bückte sich und durchsuchte den Toten, der, ohne etwas dagegen einzuwenden, still aus einem Loch im Kopf blutete. Dann richtete sie sich wieder auf und warf mir ein Päckchen Zigaretten zu. „Danke“, sagte ich während ich die Tür schloss, und nachdem ich eine Handvoll Blumenerde in die Löcher gestopft hatte steckte ich mir eine an. „Wie viele Kerben hatte Schubert wohl auf seinem Fensterrahmen?“, fragte ich und sie sah mich erstaunt an: „Die Frage ist absurd“.

Wir tranken still unser Bier und ich rauchte meine Zigarette zuende. Als ich gerade mein Gewehr wieder aufnehmen wollte hörten wir jemanden weinen. Natürlich vor unserer Tür. Seufzend zog ich meine Halbautomatik, rollte mich widerwillig durch das Zimmer und presste mich unlustig hockend mit dem Rücken an die Wand neben der Tür. Das Weinen wurde lauter und steigerte sich zu einem abgehackten Schluchzen. Ich riß die Tür auf, packte den Kragen des Mädchens, das davor kauerte und zog sie herein. Anna schloss die Tür. Das Mädchen war höchstens siebzehn und schaute mit großen, verheulten Augen in den Lauf der Pistole. Immerhin hatte sie aufgehört zu weinen. Also steckte ich die Pistole weg, half ihr auf die Beine und fragte sie, wie sie hieß. „Ana“, stotterte sie und ihre Augen nahmen immer noch ungefähr die Hälfte ihres Gesichts ein. „Na fein, noch eine Ana, auch wenn du nur ein ‚n’ hast. Du brauchst keine Angst zu haben, wir tun dir schon nichts. Warum hast du denn geweint?“ Sie brauchte etwas Zeit um zu antworten da sie wieder mit Weinen angefangen hatte, und es dauerte bis wir herausgefunden hatten, dass vor unserer Tür ihr Freund lag, der Vertreter für Feinstaubsauger und zwanzig Jahre älter als sie gewesen war. „Es tut mir aufrichtig leid“, sagte ich und Anna nickte, während Ana weiter weinte. „Aber es muss nun einmal sein, das gehört zum Krieg dazu, das verstehst du doch?“ Sie schüttelte den Kopf und weinte weiter. „Es war auf gar keinen Fall persönlich gemeint“, fügte Anna hinzu, die in solchen Dingen manchmal mehr Feingefühl als ich hatte. Dann gaben wir ihr ein Hustenbonbon und ließen sie laufen. Schubert sinfonierte vor sich hin und ich fragte Anna wie das Stück hieß. „Das ist das Streichquartett Nr. 14 in d-Moll, Der Tod und das Mädchen“, antwortete sie lächelnd bevor sie mich endlich erschoss.

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