Nächtliche Ideen und trojanische Döner

26. März 2007 at 23:56 (Spezifisch, Unspezifisch)

Wollte einen spritzigen Text schreiben. Einen tollen, metaphersprühenden, ebenso ironischen wie waghalsigen Abriss über… irgendwie über alles, aber, den Aufhänger, äh,… den hab ich vergessen. Den restlichen Inhalt auch. Das ist das Problem wenn man gerade ins Bett gegangen ist und plötzlich tolle Ideen hat, dann aber zu faul ist, aufzustehen und sie aufzuschreiben. Hätte ich wissen müssen. Wusste ich auch. Mache ich nämlich sonst auch so – das mit dem Nochmalaufstehen meine ich. Wenn ich wirklich so spontanverliebt in die Idee bin. Ob sich´s immer lohnt, wer weiß das schon? Das Folgende zum Beispiel entstand vor einigen Jahren, nachdem es eines Abends mal wieder wirklich spät geworden war und mein Besuch und ich uns endlich, endlich zu Bett begeben hatten, jeder auf seiner Matratze, in meiner viel zu kleinen Einzimmerwohnung. Keine zwei Minuten Licht aus – zack, Licht wieder an, aufstehen – nein, falsch: erst aufstehen, über den Freund stolpern, der es sich auf der Matratze gerade gemütlich gemacht hatte, dann Licht an; den erstbesten Schmierzettel geschnappt und folgende, sonst am Ende wohl noch dem Reich der Vergessenheit anheim gefallenen Zeilen geschrieben:

Der kleine, grüne Rasenmuck
hat einen riesen Blasendruck
Und als es ihn zu sehr pressiert
da ist er einfach explodiert.

Wenn das nicht ganz großes Kino ist… ach, den Ausdruck gab es damals noch gar nicht, was haben wir denn stattdessen gesagt? Große Kunst? Nee. Kultig? Zumindest nicht in dem Zusammenhang. „Du spinnst“, hatte mein Freund glaube ich gesagt. Ich habs nicht festgehalten, sonst wär ich wohl noch mal aufgestanden…

Nochmalaufstehend ist jedenfalls auch vorige Tage meine wahnsinnig grooovige Kritik eines sinnfreien Klappentextes des Buches „Ich Ich Ich“ vom großen Gernhardt entstanden, die letzterem zwar nicht gerecht geworden sein dürfte, dem Klappentextautor aber zumindest nicht völlig ungerecht geworden sein könnte. Der Text des Anstoßes begann mit den Worten „Drei Ichs – aber mindestens – wühlen in des Autors Brust…“, wodurch ich mich nach einigem Verdauen und berauscht vom Inhalt des Buches selbst schließlich aus dem Bett scheuchen und anschließend auf dem eilig hervorgekramten Schmierzettel zu der Bemerkung hinreißen ließ: „Sie wühlen? Zwei Ärzte wühlen, ach, in meiner Brust… so stand es geschrieben bei Goethe. Oder war´s Schiller? Aber nein, ‚Goethes Faust’, das kennt man doch, das ist ein feststehender Ausdruck, so wie ‚Döner mit scharf’, da kann man gar nicht irren. Nur wühlen.“ Man könnte, das Original bemühend, auch fragen: „Wohnst du noch oder wühlst du schon?“, aber was sind schon Werbehülsen gegen den alten Wolfgang. Ich habe neulich Stan, das ist der, der damals wegen der Rasenmuckgeschichte unter meiner nächtlichen Kreativität leiden musste, ich habe ihm vorige Tage (nachts, natürlich) dargelegt, warum der Klappentext meiner Meinung nach mit dieser intellektüllen Formulierung beginnen musste: Es ist, das habe ich neulich erfahren, im Literaturbetrieb Usus, dass der Autor wenig bis keine Mitspracherechte bei der Gestaltung des Buchcovers hat. Es gibt im Verlag die Marketingmenschen und andere Künstler, die das Design des Umschlags auf die Zielgruppe abstimmen. „If you judge the book by the cover…“ enthält mehr Wahrheit, als man gemeinhin denken mag (allein, weil man sonst wahrscheinlich gar nicht über die Zeile nachdenkt, jetzt aber drängt sie sich auf (Für alle, die nicht wissen, worum es geht: „The Look of Love“ von ABC war mal ein Hit in den 80ern, und wer ihn nicht im Original kennt, hat bestimmt schon mal ein Cover gehört… ´schuldigung, fünf Euro in die Schlechte-Wortspiel-Kasse)). Jedenfalls verkaufen die Marketingbuchcoverdesigner dem Leser erstmal das, was er gerne hätte, und wenn er das Buch dann hat, verkauft ihm der Autor das, was er selbst (der Autor) eigentlich sagen wollte – schließlich hat man den Schinken ja gekauft, da muss man ihn dann auch essen. Äh, lesen? Schlucken? (Am Stück?) Auslöffeln? Egal. So ähnlich jedenfalls wie mit dem Cover dürfte sich das wohl auch mit den Klappentexten verhalten. Ein paar zielgruppenspezifische Wörtchen hingebröckelt, in diesem Fall eine Anspielung, die jeder noch so Ungebildete zweifelsfrei als einen augenzwinkernden Verweis auf den Inbegriff der Hochkultur identifizieren kann, und hopp! da ist die geistige Lücke, in die man das Buch einsortieren kann. Sowas gibt Halt und Sicherheit. Andererseits ist das gar nicht so verkehrt. Im erwähnten Buch geht es beispielsweise (u.a.) um die Platzhirsche unter den Literaten, die – unbeschadet der Qualität ihrer Werke – sich selbst derart inszenieren, dass sie nicht nur über sich selbst hinauswachsen, sondern gleichzeitig auch noch alle anderen, weniger bekannten Künstler an den Rand drängen, oder, wem das heute gebräuchliche Wort lieber ist, marginalisieren (um nur ein einziges, recht geläufiges Beispiel zu nennen: Brecht). Gerade daraus folgt aber doch, dass dem statistischen 75er-Quantilsleser der Text eines weniger gut bekannten Autors am besten in Form eines geschickt zwischen Anspruchshaltung erfüllendem Buchcover und ebensolchem Klappentext eingekapseltem trojanischen Pferdes untergejubelt werden kann. Grausamer Satz. Auch deshalb, weil er die Mehrzahl der Leser zu unmündigen Geschöpfen erklärt. Aber die restlichen Leser brauchen solche Krücken ja nicht. Überraschend glückliches Fazit: welch ausgeglichene, welch allseits faire Welt. Welch herrliche Synthese. Eine Kleinigkeit freilich stört die Pseudoharmonie: das Umschlagsbild meiner Ausgabe von „Ich Ich Ich“ ist – natürlich: von Gernhardt selbst. In Anlehnung an Boëthius bleibt mir letztlich nur zu konstatieren: si dormivisses, philosophus manisses.* Gute Nacht.

*) Stercus, mein Latein ist doch unter aller Sau. Kaum zu glauben, wie viel Zeit man für einen einzelnen, blödschlauen Spruch verschwenden kann.

Advertisements

4 Kommentare

  1. Scheibster said,

    Jetzt weiß ich zweierlei:

    1. Wenn ich ein Buch schreibe, werde ich auf die Covergestaltung Wert legen und die anderen Marketing- und Design-Fuzzis in die Wüste schicken.

    2. Irgendwo auf eBay gibt es bestimmt so einen coolen grünen Rasenmuck, und er wird mein sein! 🙂

  2. gnaur said,

    Doch Vorsicht, kleine Rasenmucks
    trinken viel und großen Schlucks
    Nicht nur das raubt Nerv und Kies
    auch die Haltbarkeit ist mies.

    Schicken Sie mir ein Foto, wenn Sie ihn haben?

  3. Scheibster said,

    Ein Foto? Mindestens. Er wird mit mir um die Welt reisen, und ich werde Postkarten aus seinen Fotos machen und… Ach Mist, das gab’s schon. 🙂

  4. gnaur said,

    Kein Ding. Erstens steht er nicht zementierten Fußes in meinem Vorgarten und zweitens dürfen Sie ihn wegen der Explosionsgefahr sowieso nicht exportieren.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: