Waldfee

28. März 2007 at 8:44 (Lieblinge, Spezifisch)

Mangels Zeit und Wörtern heute leider nur eine Konserve, immerhin eine ziemlich frische (vom Februar).

Die Waldfee
Ein Märchen mit Wunsch-Ende

„Bist du das Joghurtmonster?“ – „Nein die Waldfee.“ Ich drehe mich langsam zu der Lichtgestalt, die meine Wohnung ausfüllt. Skeptisch wende ich ein „Du bist aber aus dem Joghurtbecher gekommen“, denn die Lichtgestalt ist tatsächlich beim Öffnen unter der Folie hervorgeschlüpft. Plötzlich muss ich schief lächeln, „Also du bist dann wohl die Waldfrüchtefee?“, frage ich frech. „Naja, ja, bin ich“, erwidert sie und wird rot, was, da sie eine Lichtgestalt ist, mein Zimmer in ein zartes Quietschrosa taucht. „Du bist aber süß!“, rufe ich aus und muss wegen ihrer Niedlichkeit den Kopf schief legen, was mein schiefes Grinsen begradigt. „Fang bloß nicht an mich zu knuddeln!“, ruft sie aus und ihr Tonfall changiert, ganz wie ihre neue Farbe, zwischen Entsetzen und Blassblau. Währenddessen fängt sie an sich zu verdichten und kreiselt schließlich als faustgroße, splitternackte Waldfrüchtefee inmitten eines zuckerwattebäuschchenblauen Nebels unter der Deckenlampe. „Muss ich mir jetzt was wünschen?“, frage ich gespannt. „Du darfst“, sage sie gedehnt und ergänzt, „du Vollidiot“.

Wunschkonzertiertes Ende:

Ich lache. „Also schön“, beginne ich, stelle dann aber fest, dass ich gar nicht so genau weiß, was ich mir wünschen soll. Alles will wohl abgewogen werden. Ich habe nur einen Wunsch. Soll ich mir für mich selbst etwas wünschen oder lieber etwas für andere? Soll ich vielleicht Weltfrieden wünschen oder lieber lecker Essen bis ans Lebensende oder Geld, viel Geld, denn damit kann man Essen aber auch andere Sachen kaufen, aber, falls eine Inflation kommt, sollte ich mir stattdessen lieber Grundbesitz wünschen, denn der fällt nicht im Wert, oder, was noch besser wäre, Macht, mit Macht bekommt man alles andere, was man will; aber wenn ich etwas will, mit dem ich alles bekommen kann, was ich will, dann sollte ich mir vielleicht noch mehr Wünsche wünschen? Tausend Wünsche, Millionen Wünsche, Trillionen, und falls die dann zur Neige gehen wünsche ich mir einen Wunschwecker, der mich daran erinnert, mir neue nachzuwünschen wenn nur noch tausend übrig sind, oder besser eine Million, sicherheitshalber. Dann geht auch Weltfriede, dann ist allen gedient, aber meine Güte, wenn ich mit Weltfriede anfange werden alle zu mir kommen wegen dies und dem und am Schluss werde ich den ganzen Tag damit zubringen der Frau A die Liebe vom Herrn B herbeizuwünschen, der aber tags zuvor nach der Liebe von Frau C gefragt hat, das wird ja höllisch verzwickt, und sich alle Probleme vom Hals zu wünschen kann ja nur heißen, dass es mit dem Weltfrieden nicht mehr klappen kann, und dann, dann geht ja alles wieder von vorne los, schrecklich, bloß nicht, also dann lieber nicht. Aber was dann? Was soll ich mir wünschen? „Hallo, Fee?“, frage ich vorsichtig, aber sie hat sich in den Joghurt, aus dem sie gekommen ist, zurückgezogen und wünscht mir von dort schläfrig einen guten Appetit.

Alternatives Ende:

Ich bin es gewohnt von meinen Joghurtkulturen verhöhnt zu werden und nachdem sie mich auch meistens im Schach schlugen, habe ich mir angewöhnt sie kommentarlos und sofort zu essen. Während ich also erwäge, wie ich Gleiches mit der Waldfrüchtefee anstellen könnte, ob ich sie in ein Einmachglas locken und auskochen sollte, mit der Fliegenklatsche an die Wand patschen oder lieber mit Mottenspray bewusstlos stäuben, wippt sie ungeduldig mit dem Füßchen (eine kaum wahrnehmbare Geste) und sagt: „Wenn du dir nicht gleich etwas wünscht, du Rindvieh, dann wünsche ich mir etwas für dich…“ – „Mir scheint“, antworte ich, „hier in diesem Raum herrscht eine etwas feindselige Stimmung. Gibt es hier kein Verständnis? Keine Liebe?“ Während ich mich zu erinnern versuche von wo ich diese Formulierung geklaut habe, hext sie mir einen Krokodilschwanz und eine Zigarettenspitze mit abgebrochener Lucky-Strike an und verschwindet. Das heißt, sie versucht zu verschwinden, klatscht aber beim Abflug an die Fensterscheibe und bleibt bewusstlos liegen. Ich stopfe sie zurück in den Joghurt, denn weiß schmeckt er mir nicht.

Skeptisches Ende:

„Gut“, sage ich und äußere meinen Wunsch. Sie protestiert. „Bück dich Fee“, antworte ich, „Wunsch ist Wunsch“.*

Kitschig-Satirisch-Sarkastisches Ende:

„Oh“, rufe ich erfreut, „Welch ein Glück! Ich wünsche mir nichts sehnlicher als meinen kleinen, blaugrün karierten Kanarienvogel zurück, Pipsi, der mir vor zwei Tagen entflogen ist als ich versehentlich Käfigtür, Zimmertür, Flurtür, Wohnungstür und Haustür offen stehen ließ!“ Die Fee lächelt wie nur Feen lächeln können, ganz winzig nämlich, und klatscht in die Hände. Während feiner Sternenstaub auf den Tisch rieselt ist Pipsi plötzlich wieder da. Er liegt auf dem Wohnzimmertisch. „Fee“, sage ich mit erstickter Stimme, „Was ist mit ihm?“ – „Es tut mir leid“, sagt die Waldfrüchtefee leise und mitfühlend, „Er wurde gestern, als er ausgehungert, verzweifelt nach Körnchen auf der Straße pickte und keine fand, von einem Zementlastwagen überfahren. Der Fahrer hat nichts bemerkt.“ Als sie mein tränenüberströmtes Gesicht sieht fügt sie leise hinzu: „Wenn es dich glücklich macht kann ich dir noch ein Reinigungsmittel für den Tisch herbeiwünschen…“

Hintersinniges Ende:

„Schön“, sage ich mit einem triumphierenden Lächeln, „Dann verzichte ich auf meinen Wunsch“. Sie wird blass. „Warum denn, warum?“, jammert sie plötzlich mit dünner Stimme. „Warum denn nicht?“, frage ich keck. „Weil man sich immer etwas wünschen muss! Man kann nicht einfach verzichten!“ Ich verschränke die Arme, hebe die linke Augenbraue und blicke an ihr vorbei aus dem Fenster. „Bitte, bitte“, bettelt sie und die Zuckerwattewölkchen huschen nervös umher. Ich lasse sie noch ein bisschen zappeln dann lenke ich ein. „Na schön“, sage ich und sie klatscht freudig in die Händchen. „Ich wünsche mir, dass ich mir nichts wünschen muss.“ Ihr Klatschen erstirbt und sie fängt leise an zu schluchzen. „Das geht nicht, das ist doch kein Wunsch“, jammert sie. „Warum denn nicht?“, frage ich mit gespieltem Interesse. „Er ist selbst-re-flex-iv“, mault sie, und sie weiß, dass ich es weiß. „Schön“, sage ich, „dann wünsche ich mir, dass du meinen Wunsch nicht erfüllst“. Sie heult laut auf, und ich wundere mich, dass etwas so Kleines ein so lautes Stimmchen haben kann. Ich denke nach. „Warum muss ich mir etwas wünschen?“, frage ich. Sie antwortet mit ihrer kleinen, gebrochenen Stimme: „Ist es dein Wunsch, das zu wissen?“. Sie flüstert entwaffnend süß, aber ich habe den Braten schon gerochen. „Nein“, sage ich. „Ist es dann dein Wunsch, die Antwort nicht zu wissen?“, hakt sie nach. Ich grinse: „Nein“. Dann werde ich blass. Jetzt hat sie mich. Triumphierend, während die Tränen noch auf ihrer fingernagelkleinen, rosigblauen Wange glitzern, fragt sie: „Warum hast du dann gefragt?“ Mir stockt der Atem. Jetzt kann mir alles als Wunsch ausgelegt werden. „Lila“, sage ich. „Prima“, sagt sie, so leise, dass ich es kaum hören kann. Dann ist sie verschwunden und ihre Puderzuckerschäfchenwolken lösen sich unter der Deckenlampe in Waldfrüchtearoma auf.

*) Ja, ich gebe es zu, der ist nicht auf meinem Mist gewachsen. Ich kann dazu nur sagen: Ganz egal, wie hoch sich meine Misthaufen türmen mögen, es gibt schließlich immer noch welche, die noch größer sind. Warum nicht auch mal pflücken, was auf dem größten von allen, dem Allmendemisthaufen wächst?

Advertisements

1 Kommentar

  1. Scheibster said,

    Auch wenn’s aus der Dose kommt: Großes Waldfeenkino.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: