Eine Wanderung

29. März 2007 at 21:54 (Spezifisch)

An klaren Tagen hat man von den Münchner Hausbergen einen herrlichen Ausblick auf die sich höher und höher erhebenden, schneebedeckten Alpen im Süden, während nördlich die große Stadt in der Ferne schimmert. An einem klaren Tag wie diesem, im Sommer vor fünf Jahren, fand meine Reise mit Max statt. Er, der sich in diesen Gebieten auskannte wie kein Zweiter, hatte mir schon am Vorabend zu verstehen gegeben, dass wir noch vor Sonnenaufgang den Aufstieg beginnen würden. Die letzten Sterne standen noch am wolkenlosen Himmel als wir aufbrachen. Den ganzen Vormittag waren wir unterwegs, zuerst durch dichten Wald, dann an immer steiler werdenden Hängen durch den gründunklen Schatten der Tannen, während auf der anderen Seite des Berges die Sonne bereits unerbittlich brannte. Eine weite, fast ebene Alm auf halber Höhe, bereits oberhalb der Baumgrenze, mussten wir eilig überqueren, da die Sonne schon so hoch stand, dass der Schatten des steinernen Riesen, der darüber thronte, immer kürzer wurde und sich die Hitze wie eine Flut über die Wiese ergoss. Dort, wo einzelne Felszacken ihr grünes Bett durchbrachen und Felstrümmer von der Größe ganzer Häuser aus der Höhe herabgestürzt und nun wie von riesiger Hand verstreut herumlagen, quoll ein kleiner Bach aus der Bergwand. Wir erfrischten uns am eiskalten Wasser, Max ließ mir jedoch wenig Zeit, mich auszuruhen und meine schmerzenden Waden zu kühlen. Weiter, noch vor Mittag mussten wir den Gipfel erreicht haben. Den stahlblauen Himmel über uns, Geröll unter den Füßen, stiegen wir weiter, und nun wurde es wirklich steil. Wie zwei Ameisen durchkletterten wir die Wand, Leere unter uns, und ich musste mich anstrengen, keinen falschen Tritt zu tun, immer sicheren Halt zu behalten. Hie und da halfen alte, vor langer Zeit ins Gestein geschlagene, verrostete Eisenringe und –stangen beim Klettern. Der Wind frischte auf und kühlte meinen schweißnassen Körper bedenklich schnell aus. Doch dann, beinahe unversehens, eröffnete sich der Gipfel vor uns. Ein paar Meter noch… hier gab es kein Entrinnen mehr vor der auf uns herabfallenden Glut. Doch unter dem brettblauen Himmel eröffnete sich das unglaubliche Panorama in alle Richtungen und machte uns alle Entbehrungen für den Moment vergessen. Im Süden türmte sich Gipfel über Gipfel, und in den schneebedeckten Höhen in der blassblauen Ferne konnte man beinahe das verheißene Land erahnen, das keiner je zu Gesicht bekommen hatte. Im Westen setzte sich die Kette der Berge in steter Reihe fort, sanft abfallend zu der Ebene im Norden, wo wir die letzten Türme der Stadt München in die Höhe ragen sahen, rostigen Nadeln gleich wuchsen sie aus dem Boden, dort, wo einst die Zeit der Hochkulturen zu Ende gegangen war. Wir wandten uns nach Osten, wo jäh der Fels weit über hundert Meter in die Tiefe stürzte. Noch tiefer unten, gen Tal, bedeckte alter Wald die steilen Hänge. Plötzlich, ohne Vorwarnung, geräuschlos, glitt ein großer Schatten darüber hinweg, und wir sahen mit Entsetzen und ungläubigem Staunen wie zwischen uns und der fernen Talsohle mit langsamem, mächtigen Schwingenschlag ein Drache flog, still wie jedes wahre Naturwunder. Die Schuppen der riesigen Echse glänzten hell in der Sonne und er flog vorüber, gen Norden.
Nie hatten wir etwas Derartiges gesehen, und andächtig schweigend verharrten wir in der stillen Hitze des Gipfels. Schließlich blickten wir uns an, und wussten ohne ein Wort zu wechseln, dass das, dessen Zeuge wir geworden waren, wahr, so wahr wie die zerstörte Stadt München und die sengende, gefährliche Sonne war. Wir hatten erkannt, dass sich unsere Zeit dem Ende zuneigt.

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