Die Sache mit dem Engel

31. März 2007 at 21:50 (Spezifisch)

Peter hat heute einen Engel gesehen. Einfach so, unangemeldet, ohne Vorwarnung. Natürlich war der Engel weiblich. Für Männer sind ohnehin fast alle Engel weiblich, das liegt an den eingebauten Scheuurteilen. Natürlich gibt es auch männliche Engel, aber aus Sicht eines Mannes müssen sie schon sehr hoch über den Normalsterblichen schweben bis er sie erkennt. Deswegen scheinen sie so unglaublich selten zu sein. Weibliche Engel sind auch selten. Das letzte Mal, dass Peter einen traf, ist zum Glück schon länger her. ‚Zum Glück’, sagt er, denn es ist kein Leichtes, einem Lichtwesen gegenüber zu stehen oder auch nur, es aus der Ferne zu sehen. Ich will nicht kitschig werden. Peter dachte in dem Moment nichts dergleichen, er blickte aus dem Fenster auf die Straße und sah sie. Ich könnte versuchen, sie zu beschreiben, aber das würde in die Irre führen, denn Engel sind nicht für alle Menschen gleich. Wer sich ein Modemagazinklischee vorstellen will, sagt Peter, bitte, mein Engel ist es nicht. Engel sind für ihn greifbarer, realer, menschlicher. Aber wer es ist, ist so individuell wie jeder von uns. So wie sie. Es entschied sich in der Sekunde des ersten Blickes. Vielleicht lag es am verdammten Frühling. Vielleicht nicht. Wie ging es weiter? Einfach: – gar nicht. Natürlich nicht. Hatte er im Ernst geglaubt, er würde das Fenster aufreißen und danach sein Herz? Er würde jedes Klischee erfüllen. Er hatte ernsthaft darüber nachgedacht. Aber er ging davon aus, dass sie noch einmal wiederkommen würde, denn sie war an ihrem Auto gewesen, hatte sich hinter das Steuer gesetzt, war dann aber wieder ausgestiegen und gegangen. So war das. Auch Engel haben Autos. Peter hat überhaupt keine Zeit für einen Engel. Gar nicht möglich, im Moment. Ab Mai wieder, gerne, aber im Moment wirklich ungünstig. Und dann, was, wenn er sich jeder Lächerlichkeit preisgegeben, jede Blamage eingesteckt hat, nur um festzustellen, dass der erste Eindruck falsch war? Dass sie nicht das ist, wahrscheinlich gar nicht sein kann, was er in ihr gesehen zu haben glaubte? Engel gibt es nämlich gar nicht, nur im Film, nur in kitschigen Texten. Nur im Himmel, und den gibt es auch nicht. Problem gelöst? Nicht so richtig. Schließlich fiel ihm doch eine Lösung ein. Als sie erneut kam und an ihr Auto ging, schaute er genau hin. Seine Vermutung wurde wahr: Sie war gar kein Engel. Ihr Haar wirkte viel weniger bronzeglänzend als vorhin, als es in der Sonne aufgeleuchtet hatte, und ihr Gesicht war nur ein bisschen ebenmäßig, bei genauem Hinsehen konnte er einen leicht ungünstigen Nase-Wangen-Winkel beobachten; ihr ganzes Auftreten, ihre Bewegungen, naja, nicht anmutig, eher selbstbewusst, nicht eitel, eigentlich nur – normal. Er hatte es geschafft, sagte er sich. Mehrmals sagte er das. Sie war nur ein Mensch. Nur ein Mensch wie viele, nachdem er all die Mängel, die er nur finden konnte, ins Kalkül gezogen hatte. In eine der zahllosen Schubladen hatte sie gepasst. Sie fuhr los. Gerettet? Er war so ein schlechter Lügner. Die wahre Lösung fand er dann später erst, viel später. Es ist ein schlechtes Zeichen, dass er einen Engel nicht mehr einfach als solchen sehen, bewundern und die Wärme der Erinnerung genießen kann. ‚Haben!’, schreit seine Leere, ‚Haben!’. Die wiederum kann er nicht hässlich reden. Sie ist es schon.

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