Siku

3. April 2007 at 21:33 (Spezifisch)

Eine Panflöte lauschte in die Nacht, die Nacht der Stadt, in der hohe Laternen ihre gelblichen Gaslichtkegel glitzernd auf die frühlingsregennassen, leeren Straßen breiteten, Straßen wohin? Der Besitzer der hohlen Schilfröhrchen stand in seinen Poncho gehüllt auf einem bis auf zwei, im Winter verdurstete Topfpflanzen unbestimmbarer Gattung, leeren Balkon und lauschte auf die Töne in seinem Innern. Doch immer, wenn er die Flöte, behutsam wie einen seltenen Wein, langsam an die Lippen führte, ließ er sie gleich darauf wieder sinken, unbeblasen, stumm. Er seufzte nicht, blickte nur hinab und nahm den Teppich aus gelblichem Licht kaum wahr, während der leise einsetzende Sprühregen Tröpfchen auf seinem Instrument sammelte.

Er stand auf einer Einkaufsstraße, der Einkaufsstraße, jene, die an warmen Tagen von hunderten Menschen bevölkert wird, jene, die im Winter und an Regentagen so leer wie ein Herz wird. Er hatte sie alle gesehen, alle. Alle Typen, alle Arten von Menschen, alle, die man je in einer Fußgängerzone zwischen Montag und Sonntag wird treffen können. Er hatte aufgehört, sie in Kategorien einzuteilen, aufgehört, sie zu unterscheiden. Ob sie stehen blieben, ob sie weitergingen, ob sie Münzen gaben oder nicht – ging ihn nichts mehr an. Er erschien morgens, ging abends, dazwischen spielte er, wieder und wieder, alte Lieder, neue Lieder, unbekannte Lieder, gerade entstandene Melodien, die, kaum in die kaufhausumschlossene Weite der Straße entlassen, schon wieder verwelkten und verwehten, vergessen. Er erschien morgens, ging abends, dazwischen war nicht viel. Dort stand er. Vorgestern. Gestern. Heute. Spielend.

Und plötzlich, unerklärlich, war seine Musik aufgebraucht, der Vorrat erschöpft, und er verstummte. Verwundert nahm er die Flöte von den Lippen. Er hörte jemanden klatschen. Scharrende Schuhe. Hörte eine, zwei Münzen klingen. Sah, wie der Blick aufs Kaufhaus gegenüber sich wieder klärte, fast konnte er schon die Eingangstüren erkennen. Er hob die Flöte an den Mund, doch kein Luftzug, nicht einmal ein Seufzen entrang sich seiner Kehle. Sein Blick fixierte kurz die Dose mit den Münzen, glitt über die Menschen, die ihn wie Zaunpfähle umstanden, heftete sich auf das Instrument in seinen Händen. „Spiel, Flöte! Spiel!“ Er holte erneut Luft. Nichts. Kein einziger Ton. Atemnot. Er senkte die Flöte. Blickte entschuldigend auf. Die Zaunpfähle zerstreuten sich. Die Eingangstüren wurden klar erkennbar. Plötzlich, heftig, riß er die Flöte empor. Nichts. Nichts. Keine Luft. Langsam ließ er die Flöte sinken, lächelnd blickte er in Richtung der vorbeihuschenden Menschen. Und die Zeit verging, verging, wie sie immer vergangen war, nur dass er diesmal nicht spielte. Er wartete. Von Zeit zu Zeit hob er die Flöte an die Lippen, doch sie schwieg beharrlich. Keine Melodie formte sich in seinem Innern, wie sie es sonst immer getan hatte, keine Erinnerung regte ihn mehr, inspirierte ihn mehr, nicht mehr, nichts mehr.

Lächelnd blickte er auf die gegen Abend wachsende Glatze der Einkaufsstraße. Schließlich, kam José. José, wie immer, immer gegen Abend. Leerte die Blechdose, drückte ihm etwas in die Hand, schickte ihn nach Hause. Nach Hause schickte er ihn immer, doch heute, heute schickte er ihn nicht. Er sah ihn an, sie sahen sich gegenseitig an, er lächelte entschuldigend, zuckte vielleicht mit den Schultern, deutete etwa auf die Flöte. Verstehst du? José verstand nicht, konnte, wollte, durfte nicht? Packte ihn beim Arm, schüttelte ihn. Warum? Griff nach der Dose, so heftig, dass sie umfiel, Geld klimperte auf dem Pflasterstein, José bückte sich nicht einmal. Zerrte ihn mit sich. Und dann, dann waren sie gegangen, lang, weit, es war dunkel geworden. Schließlich war er in dieses Haus gekommen, ein schönes, großes Haus mit hoch hallendem Treppenhaus, gebohnerten Dielen, mit lackierten Türen und Briefkästen unten. José nahm ihn mit, all die melodisch hölzern schwingenden Stufen hinauf, nahm ihn mit in eine hübsche, warme Wohnung. Dort redeten sie laut mit ihm, zeigten ihm die leere Konservendose, die doch fast halbvoll gewesen wäre, wenn José nicht… Von seiner Flöte wollten sie nichts wissen, sie schickten ihn auf den Balkon. Allein. Mit seiner einen, mit seiner einzigen, mit seiner nutzlosen Flöte, allein. Der Sprühregen legte ein Netz aus Tropfpunkten und Fließlinien auf sein dunkles Gesicht und sickerte in die arme, stumme Panflöte, während unten gelblich schimmernde Straßen ein Netz ins Nichts auswarfen.

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