Keine Versprechen

8. April 2007 at 2:55 (Lieblinge, Spezifisch)

„Ich mach dir keine Versprechungen, darauf kannst du dich verlassen“, sagt er und kratzt sich am Ohrläppchen. „Ich werde dich beim Wort nehmen“, antwortet sie und macht das Licht aus. „Stell dir das mal vor“, lacht er, „Wie sich das anhört! ‚Ich liebe dich, versprochen’!“ Sie lacht leise. „Meinst du, dass wir einmal den finden, den wir suchen?“, fragt sie. Eine zeitlang hört sie nur sein Atmen, doch dann sagt er: „Falls wir suchen. Nur dann.“ – „Das ist schön“, seufzt sie und kuschelt sich an ihn. „Hm-h“, brummt er, „Eigentlich schon. Aber weißt du, dieses Suchen macht mich auf die Dauer fertig. Eben habe ich daran denken müssen, wie lange wir jetzt schon von einem Selbstbetrug in den anderen fallen. Manchmal glaube ich selbst nicht mehr an das Finden.“ – „Mach dir nicht so viele Gedanken“, flüstert sie und küsst ihn, doch dann fügt sie hinzu:

„Unsere Reise unterscheidet sich. Du taumelst von einer zur anderen, wirst immer gestoßen, umso mehr, je mehr Halt du suchst.“ – „Mag sein, aber ich habe mich daran fast schon gewöhnt. Bei dir ist es jedenfalls umgekehrt. Du suchst zwar auch Halt, aber immer wenn du einen sicheren Hafen erreicht hast, fliehst du mit voll gesetzten Segeln.“ – „Ich habe Angst.“ Er schweigt einen Moment und fragt dann „Wovor?“ –„Ich habe Angst, dass ich nicht mehr weg kann, wenn ich zu lange bleibe. Weiß nicht, wegen mir vielleicht, vielleicht wegen ihm.“ – „Wegen ihm? Du hast Angst, dass er dich an sich fesselt…“ – „…und mich erstickt. Ja.“ Er echot: „Freiheit.“

Eine Weile liegen sie da, schweigend, sie hat ihren Kopf auf seine Brust gelegt. „Wir haben so viel Freiheit“, sagt er dann, „dass wir uns in unserer Einsamkeit schon ganz daran gewöhnt haben.“ Sie hebt ihren Kopf. „Du meinst doch nicht, dass man in einer Beziehung seine Freiheit aufgeben sollte?“ – „Ein bisschen davon, doch.“ – „Nein!“, sie ruckt energisch hoch und dann, etwas leiser, fügt sie hinzu: „Das ist es ja gerade, was ich suche. Einen, der mir meine Freiheit lässt.“ – „Was stellst du dir denn unter Freiheit vor? Denk doch mal ganz pragmatisch. Du kannst doch nicht mit jemandem zusammen leben und gleichzeitig alles tun, was dir gerade in den Sinn kommt. Man würde ja nebeneinander her leben und sich nur dann und wann mal…“ – „Das verstehe ich aber nicht unter Freiheit“, unterbricht sie ihn kurz.

Nach einem Moment legt sie ihren Kopf wieder an die alte Stelle. „Sie verlangen immer“, sagt sie schließlich, „Ich weiß, dass man seine Zeit teilt, aber ich will sie teilen, weil ich sie teilen will, nicht, weil ich muss. Verstehst du?“ – „Ja“, antwortet er sanft, „Ich denke, schon“. – „Oder sehe ich das falsch?“, fragt sie plötzlich, „Ist meine Sicht so ungewöhnlich, dass sie keiner teilen könnte?“ – „Nein, ‚könnte’ schon, wie deine Zeit. Du wirst trotzdem lange suchen müssen. Vielleicht, vielleicht hast du aber auch die Chance, dass der andere lernfähig ist. Dann geht es unter Umständen schneller.“ – „Ich soll mir einen Mann erziehen? Manipulieren? Nur weil die Welt voll von manipulativen Menschen ist, muss ich mich nicht einreihen.“ – „Nein. Aber überleg doch mal, einen Einfluss übt man immer auf den anderen aus, ob man will oder nicht.“ – „Bitte“, sagt sie etwas vorwurfsvoll. „Das mag ja stimmen, aber dasselbe ist es deshalb noch lange nicht.“ Er legt seinen Arm um sie. „Es geht um Vorsatz?“ – „Ja, das auch. Weißt du, ich lasse mich gerne von anderen Menschen inspirieren, denn das lässt mir die Freiheit, selbst zu entscheiden, was ich mit diesem Einfluss anstellen soll. Alles andere ist dann wirklich Vorsatz, Manipulation. Sind die Leute eigentlich zu blöd, das zu erkennen?“

„Nein, sie sind nicht zu blöd. Du solltest nicht so hart sein und von deinem Unglück auf das Leben anderer Leute schließen. Viele Menschen suchen vielleicht gerade das, suchen gerade jemand, der ihnen sagt, was sie tun sollen.“ – „Aber das ist doch Herdenvieh!“ – „Und wenn sie glücklich sind? Willst du den ersten Stein werfen? Sei nicht unfair. Außerdem, Menschen sind meistens ganz vernünftige Leute.“ Sie seufzt und dreht sich in seinem Arm. „Sind sie. Bis sie anfangen, eine Beziehung zu führen. Allein dieser Ausdruck: ‚Beziehung führen’, wie ‚Krieg führen’ oder ‚Langfristige Kapitalanlage’. Da will man Sicherheit, und zwar haben. Und weil es die nicht umsonst gibt, gibt man eben selbst auch ein bisschen Sicherheit. Eine langfristige Bindung eben. Am Ende zählt man auf, wie oft man für den anderen da gewesen ist, und wie oft der für einen selbst da war, und dann weiß man, ob unter dem Strich ein Gewinn oder Verlust steht. Das passiert, wenn sie anfangen Beziehungen zu führen. Es passiert wirklich!“ – „Ich weiß.“ – „Und die Schlauen, die reden darüber, so, als würde das nur den Karlheinz vom Kiosk betreffen, aber sie machen es selbst nicht anders.“ – „Und du, wie hältst du es?“ – „Ich verschwinde wenn es anfängt. Spätestens.“ – „Glaubst du, dass das ein prinzipielles Problem unserer Gesellschaft ist?“ Einen Augenblick sagt sie nichts, dann lacht sie laut auf. „Du Spinner. Aber schön gesagt.“

Ein bisschen vom Lachen schwingt noch in seiner Stimme mit als er sagt: „Also mal umgekehrt: Dein Traumprinz muss nicht immer für dich da sein?“ – „Richtig.“ – „Und wenn du ihn mal brauchst?“ – „Wofür?“ – „Wofür brauchst du ihn denn überhaupt?“ – „Falsch! Es geht nicht ums Brauchen. Ich brauche eine Mikrowelle oder ein Auto, aber hier geht es ums Geben. Ich will ihn um seinetwillen lieben.“ – „Liebe ist doch nicht selbstlos, du Dummerchen. Aua.“ – „Dummerchen. Sag das noch mal und ich beiße richtig zu, mein Schwan, ich sag dir jetzt was: du denkst ein bisschen viel in Kategorien. Natürlich ist Liebe nicht selbstlos, schließlich liebe ich und nicht irgendetwas ihn, den hypothetischen Märchenprinz, den du vorhin in die Welt gesetzt hast.“ – „Du brauchst also das Geben?“ Sie zögert einen Augenblick. „Und als nächstes fragst du dann wahrscheinlich, ob ich das Nehmen auch brauche.“ – „An so was in der Art hatte ich gedacht.“ – „Nicht mit mir, mein Süßer, nicht mit mir.“ – „Aber schau mal, du kannst doch nicht ewig Beziehungen… pardon, Freunde für ein oder zwei Nächte, eine Woche oder mit viel Glück auch mal einen knappen Monat haben.“ – „Und du kannst es?“ – „Nein, habe ich auch nicht behauptet.“ – „Und warum sollte ich es nicht können?“ – „Weil zu einer – auch wenn du das Wort nicht magst – Beziehung nun mal eben mehr als nur Sex und kurze Verliebtheit gehört.“ – „Kurze Verliebtheit sollte überhaupt nicht zu einer Beziehung gehören.“ – „Du sagst es.“ – „Na schön, was gehört denn dann so unbedingt noch dazu?“ – „Im besten Fall so etwas wie Seelenverwandtschaft.“ Sie lacht leise. „Gar nicht mehr so rational, gefällt mir. Mach weiter!“ – „Miteinander reden können. Sich verstehen. Sich, wenn du willst, inspirieren.“ – „Wie schön sich das aus deinem Mund anhört. Fast romantisch. Ehrlich.“ – „Kein Aber?“ – „Doch, mein Lieber, du schöner, einfältiger Schwan, leider doch. Wir sind nämlich wieder am Anfang: Wo soll ich diesen Menschen finden?“ Er seufzt. „Wir werden sie schon finden, unsere Gesuchten. Irgendwann. Versuch und Irrtum, einfältig genug sind wir. Irgendwann – Glaubst du nicht?“ – „Was sind schon ein paar harmlose Lügen, noch dazu aus deinem Mund, gegen eine hässliche, alte Wahrheit? Natürlich glaube ich dir, die ganze Nacht, weil du es bist. Versprochen.“

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