Genausogut (1)

26. April 2007 at 0:20 (Spezifisch)

„Wir könnten uns genausogut die Pulsadern aufschneiden“, sage ich und kippe das letzte Glas Sherry, die zerbrochene Flasche nicht aus den Augen lassend. Chérie, die gerade vorgeschlagen hatte, ich sollte die Scherben, auch wenn sie Glück brächten, zusammenkehren und aufhören zu saufen, schaut mich an wie jemanden, der auf einer Silvestergala in die Bowle pinkelt. „Was“, frage ich grantig und streitsüchtig, aber sie geht nur in die Küche und holt den Besen. Ich zünde mir eine Zigarette an, eine von den filterlosen Camel, die, deren Rauch auch nach Tagen noch im Zimmer stehen wird, als wäre er nicht abgeholt worden, egal, selbst wenn man das Fenster öffnet. Natürlich hasst Chérie sie. Desto besser. Ich höre sie zurückkommen, ihre Schritte stoppen hinter mir, aber ich drehe mich nicht um. Dann höre ich ein grässlich lautes Knacken und es wird schwarz um mich.

„Wir könnten uns genausogut die Pulsadern aufschneiden“, sagt Bruno und säuft weiter; nicht die leisesten Anstalten, den Besen für die Scherben zu holen macht er. Mein Blick wandert von den Scherben zu ihm, ich sehe ihm offen ins Gesicht, abwartend. „Was“, fragt er aggressiv, befehlend, wie so oft. Ich stehe auf und gehe in Richtung Küche, während er nach den Zigaretten greift. Kein Wort der Entschuldigung, kein Wort der Reue. Ich kann nichts dafür, dass er die Flasche vom Tisch gefegt hat, als er sich über Heiko aufregte, ich kann nichts dafür, dass er Heiko noch achttausend Euro schuldet, dass sein Unternehmen den Bach runtergeht, auch ohne Heiko, und dass er ein halber Alkoholiker ist. Wie oft hat er mir erzählt von goldenen Zeiten, die uns bevorstehen, dass wir reich werden, und nein, seine Frau habe es doch nicht nötig zu arbeiten. Und jetzt kommt er mit Selbstmordgeschichten, die neben einem hässlichen „Wir“ im Wesentlichen nichts als Selbstmitleid enthalten. Ich werde mich nicht wegen seiner Probleme, die schon lange nicht mehr meine sind, umbringen, aber wenn er Bedarf hat – dem Mann kann geholfen werden. Ich gehe an der Küche vorbei zum Garderobenschrank, nehme den dort auf Gläubiger wartenden Baseballschläger und kehre zurück.

„Wir könnten uns genausogut die Pulsadern aufschneiden“, höre ich aus dem Wohnzimmer, kurz nachdem ich ein hässliches Klirren gehört habe. Ich frage mich, was der da macht. Das Fenster lehne ich hinter mir an und schleiche mich durchs dunkle Zimmer, auf den schmalen Lichtspalt der nicht ganz geschlossenen Tür zu, vorsichtig, ohne Geräusch den Schreibtisch umrundend. „Was“, tönt es gedämpft aus dem Nebenraum. Mein Bein tippt im Dunkel an den Papierkorb, den ich sofort festhalte, dabei wäre der doch nicht… und weiter schreite ich auf Zehenspitzen wie ein Wanderer auf dünnem Eis und spähe dann durch den schmalen Spalt. Bruno sitzt am Tisch und er hat mir den Rücken zugewandt. Perfekt, und er ist allein. Langsam öffne ich die Tür, leise, sacht, sie ist gut geölt. Man hört, oder genauer, hört nicht, wo Heikos Geld geblieben ist. Setzen wir dem ein Ende. Ich ziehe meinen original amerikanischen Polizeischlagstock und hole aus.

Fortsetzung folgt (vielleicht)

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