„Wer bist du eigentlich?“

31. Mai 2007 at 14:04 (Spezifisch)

„Wer bist du eigentlich?“ fragt sie mich und ich hebe zum ersten Mal den Blick, nachdem ich wohl fünf Minuten das halbleere Glas Wein fixiert hatte, sehe sie an, ihr Gesicht, das im Halbdunkel des Abendlichts hier in der Küche irgendwie auch nicht mehr ganz jung aussieht. Dann schaue ich nach draußen, die Aussicht kenne ich auswendig, trotzdem betrachte ich die Hochhäuser, diese graubunten Wohntürme, damit ich sie nicht anschauen muss. „Wer bist du?“ Woher soll ich denn das wissen. Das hat mir doch nie jemand gesagt. Und wenn ich es wüsste, dann würde ich es ihr wahrscheinlich ohnehin nicht erzählen. Aber das sage ich ihr nicht. Sie will eine richtige Antwort, eine Antwort auf die Frage, die sie eigentlich gestellt hat, und die Antwort kann ich ihr nicht geben, weil es sie nicht gibt. Ich zucke mit den Schultern. Sie seufzt, lässt ihren Kopf nach vorn kippen, die Locken fallen vor ihr Gesicht. Ganz leise sagt sie: „Du hast mir nie gezeigt, wer du wirklich bist. Nie. Ich kenne all deine Masken, aber dich kenne ich nicht. Seltsam, findest du nicht?“ Ihre Stimme ist ganz sanft, zärtlich, so habe ich sie lange nicht gehört. Diese Stimme erinnert mich daran, warum ich mit ihr zusammen war. Ihre hagere Gestalt mit dem hängenden Kopf als Silhouette vorm Fenster wirkt zerbrechlich, beschützenswert; doch dann merke ich, dass ich Mitleid mit ihr habe, und ich will sie nicht mit meinem Mitleid demütigen, denke ich mir, und schweige.

In den Ecken der kleinen Küche hat sich die Dunkelheit gesammelt und angehäuft, sie verdichtet sich und streckt ihre schwarzen Tentakel und Spinnenbeine aus, kriechend, langsam. „Wir hätten Kinder haben können“, höre ich, und die ersten Tropfen der Dunkelheit fallen von der Decke, bedecken den Boden, die Möbel, mich – sie nicht. Ich nehme einen Schluck vom Glas, das bereits halb mit Schwärze vollgelaufen ist. Schmeckt wie Rotwein. Die Küchenuhr tickt leise, aber deutlich hörbar zwischen ihren tiefen Atemzügen. Jetzt würde ich gern rauchen, denke ich, aber ich habe ihretwegen schließlich aufgehört. Es in ihrer Gegenwart zu tun, wäre denkbar unhöflich. Und was würde es ändern, wenn wir Kinder hätten? Es würde doch alles verkomplizieren. Oder glaubt sie etwa, ich würde sie nicht verlassen wenn wir welche hätten? Was denkt sie überhaupt? Ich weiß es nicht. Woher denn auch. „Soll ich das Licht anmachen?“, frage ich.

Sie sagt jetzt gar nichts, vergräbt nur den Kopf in den Händen, weint lautlos. Ich mache das Licht nicht an. Stattdessen sehe ich, wie sich die Tür langsam und lautlos öffnet. In einer Minute wird es soweit sein. Jemand räuspert sich leise. Wir sind nicht länger allein. Es bleibt dunkel, und ich frage mich, ob er denn kein Licht braucht, wage aber nicht, zu fragen. Ich höre eine sanfte, tiefe Stimme, die meinen Namen sagt. „Ja“, antworte ich leise, ich bin hier. „Sie sind sich der Konsequenzen ihrer Entscheidung bewusst?“ Ja, ich bin es. Die Dunkelheit zieht armdicke Fäden zwischen Boden und Decke, und das Viereck des Fensters ist wie ein Licht am Anfang des Tunnels, wie ein Rahmen, in dem die Dunkelheit ihre Form angenommen hat, nachzeichnet, und ich fühle ihre Gegenwart nicht mehr. Dann höre ich ein gedankenkurzes Knirschen und spüre einen sehr kurzen, sehr heftigen Schmerz im Nacken bevor ich ganz weg bin: ich kippe; in den Tunnel am Ende des Lichts.

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Assoziationen

30. Mai 2007 at 0:14 (Unspezifisch)

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Habe darüber nachgedacht, konnte mich aber nicht festlegen: der Kerl ist eine einzige Metapher. Für alles. Ich sag nur: fehlende Körperteile aller Art, ziemlich kopflos, halb im Stein stecken geblieben, und dann der Kontrast zum bleigrauen Himmel, welcher nur wenige Minuten später Sturm und Hagel über die sündige Welt fegen ließ.

Ach so: der steinerne Kollege steht in Itálica, einer römischen Siedlung nahe Sevilla.

Nachtrag: vielleicht sollte ich erwähnen, dass es sich um Trajan handelt. Oder um einige Teile von ihm. ‚Wesentliche‘ wäre wohl nur mengenmäßig korrekt. Außerdem ist der auf dem Foto nur eine Kopie vom antiken Original. Metaphern, Metaphern…

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Unterschiede

25. Mai 2007 at 9:51 (Unspezifisch)

Für viele Deutsche ist es wichtig, gutes Geschirr zu haben. Für einen Spanier ist es meistens wesentlich wichtiger, was darin bzw. darauf ist. Oh, und was man alles darauf packen kann. Abgesehen von den Dingen, die es in Deutschland gar nicht erst gibt, ist es besoders interessant zu sehen, dass Dinge, die wir ‚dahaam‘ sehr wohl haben hier ungleich schmackhafter sind. España, me gustas tú.

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Bissige Absurditäten

23. Mai 2007 at 7:16 (Unspezifisch)

Neulich in einer fränkischen Kleinstadt, gerade als ich bei grün über die Fußgängerampel ging (das macht man da so), kam mir eine Familie entgegen. Zumindest vermute ich, dass sie verwandt waren, denn außer der Tatsache, dass sie alle im mittleren Schwergewichtsbereich bei tropfenförmigen Körperbau und vergleichbarer Körpergröße angesiedelt waren, erstreckte sich ihre Ähnlichkeit vor allem auch auf ihre Zähne. Ich kann mich nicht erinnern, warum ich von jedem dieser vier oder fünf Leute im Vorbeigehen die Zähne zu Gesicht bekam – sie bleckten sie nicht. Ich glaube sie sprachen oder lachten oder sowas. Auffällig war dabei der allgegenwärtige Zahnschief-, -krumm- und -querstand. Bei allen. Normalerweise hätte ich das alles, wie bei Passanten meist üblich, auch gleich wieder vergessen, doch mir schossen plötzlich blöde Sprüche über Mengenrabatt beim ersten Familien-Zahnarztbesuch und ähnliches durch den Kopf. Unfair, ich weiß, denn ich weiß ja nichts über diese Menschen, nicht einmal, ob sie überhaupt etwas miteinander zu tun haben.

Zwei Sekunden später, ich war irgendwo beim Mutmaßen zwischen Zahnarztdauerkartenkunde und Praxis-nie-von-innen-gesehen, schlug die Absurdität zu: auf der Heckklappe eines parkenden, schwarzen Smart stach mir die weiße Silhoutte eines stilisierten Zahnes entgegen. Faszinierend, wie man Dinge in einen Kontext setzen kann, den es objektiv eigentlich gar nicht gibt. Meine verzahnten Gedankengänge waren durch eine zufällige Begegnung ausgelöst worden, und wurden durch eine andere zufällige Begegnung passend ergänzt. Viel Zufall und wenig Sinn. Ich verzichtete deswegen auch auf eine Interpretation, grinste und dachte zugleich etwas bedröppelt daran, wie schwierig es wäre, jemandem dieses Grinsen ohne weiteres zu erklären. Aber wozu hat man ein Blog.

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Fur-Sellers Limerick

21. Mai 2007 at 3:20 (English, Lieblinge, Spezifisch)

There was a fur-seller from Perth
who sold old umbrellas of furs.
Though cheap and of lightness,
quite soon their poor tightness
made quit him untimely this earth.

Yes! My very first limerick. Stop me, or I might continue.

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Die Sache mit den Amseln

20. Mai 2007 at 19:45 (Spezifisch)

Alle Amseln sind schwarz. Das war nicht immer so. Früher gab es außer schwarzen auch rote und grüne Amseln, die fröhlich zwitschernd unsere Felder, Wälder, Wiesen und natürlich auch unsere Städte und Müllhalden bevölkerten. An schönen Tagen konnte man beispielsweise in den Parks Berlins durch bunt befiederte Wiesen flanieren. Doch dann kam der dreizehnte Oktober 1961 – natürlich, ein Freitag. Aber beginnen wir am Anfang.

Lieselotte Schelling, eine Frau von schon damals nicht mehr ganz geringem Alter, arbeitete seit 1922 bei wechselnden Arbeitgebern als Sekretärin. Ungefähr ein Jahr vor diesem schicksalhaften Freitag saß sie in ihrem kleinen Zimmer beim Stadtbauamt, schräg vor der schlecht geölten Milchglasscheibentür zum Chef, zwischen Bergen von teilweise leicht staubigen, allerdings sauber getürmten Akten und Briefen, und sie tippte Bestellformulare auf ihrer treuen Optima. In diesem Moment, kurz hinter einem „A“, bog tief in ihrem Innern ein kleines Signal, das für den linken Ringfinger bestimmt war, hinter einer im Nachhinein nicht mehr zu ermittelnden Synapse falsch ab und wanderte zum rechten Ringfinger. Ohne diesen Irrtum zu bemerken, gab sie die Bestellung für „je ein (1) Amselmännchen der Farben rot und grün“ heraus.

Ein halbes Jahr später, der Frühling grünte gerade durch die Stadt, hatten einige Ingenieure ein massives Konstruktionsproblem, das sie aber unter Zuhilfenahme einiger ausgedienter Varta-Volkssturm-Birnen, einer großen Walze sowie einer Schere beheben konnten. Und so ging schließlich am Freitag, dem dreizehnten Oktober 1961 in Ost-Berlin die erste Fußgängerampel Deutschlands in Betrieb, während gleichzeitig das Ende der roten und grünen Amselmännchen anbrach. Es bleibt zu erwähnen, dass nach der nur wenige Jahre später erfolgten Ausrottung der Amselmännchen konsequenterweise auch die Amselweibchen ausstarben. Und deshalb sind heute alle Amseln schwarz. So einfach ist das. Fertig.

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Nonverbal

20. Mai 2007 at 12:47 (Spezifisch, Unspezifisch)

Dies lässt sich einrichten. Ich fange mal mit etwas einfachem an. Voilá!

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Aber es stimmt schon: Pleonasmen im Zusammenhang mit A-Bloggern und Körperflüssigkeiten sind ein bißchen wie ein Sahnehäubchen auf einem Hundehaufen.

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Goldie

18. Mai 2007 at 22:21 (English, Spezifisch)

The pretty little story of the goldfish Goldie who lived in a nice little 500-liter-tank next to the cornerstore of an old Chinese man who had been trading illegal Sushi for the illegal Japanese workers in town via Nowgorod, Saint-Petersburg, and Kowloon, and who used to hide the contraband inside Goldies tank every time after weary time before he finally got caught; this story of Goldie who decided that an ugly old tank would not suit his golden future dreams and of the very same Goldie who began starting to preparing to going outside, stepping into the unknown, exploring the next valley and the great, green forests, the fluffy clouds and the little sparkling stars, is pretty short.

To be quite frank, he didn’t die of suffocation, he wasn’t overrun by a car, not eaten by any beast, he survived the greenhouse-effect without any complaint or the faintest sign of indisposition, nor did he end up as Sushi. Also, Goldie didn’t die in the forest, not in the valley nor in the clouds and most prominently not in the little, sparkling stars. However, he died. Heart attack. It looks as if it spared him many potential complications.

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Die Ritter der Hohlen Hand

14. Mai 2007 at 2:19 (Spezifisch)

Klein-Peterchen ist Ritter der Hohlen Hand. Er raucht und schweigt.

Die Ritter der Hohlen Hand stehen Schlange in der Dunkelheit. Längst hat die Suppenküche geschlossen, längst haben sich Falten um die Augen der Wartenden gelegt, Müdigkeit ist das Einzige, was alle haben, zusammengenommen würde sie für etwa zweitausend Stunden Schlaf und drei Tode genügen. Aber sie sind individuell, die wartenden Ritter, jeder wartet für sich, jeder runzelt allein in Nacht hinein und ihre Müdigkeit übermannt sie nicht. Der Mond gießt ein bisschen Wachs in die Furchen ihrer Gesichter und das leichte Rascheln der Blätter im Wind ist ihre Warteschlangenmusik. Ein Kauz schuhuht den unregelmäßigen Beat dazu, während die Ritter der Hohlen Hand warten und rauchen. Eine Zigarette nach der anderen löst sich im Nebel der Nacht auf, ein aufglimmender Punkt nach dem anderen durchpiekst ihr waberndes Laken und erinnert sie an die Morgenröte, an die Stunde, wenn die Suppenküche wieder öffnet.

Die Schwestern der Barmherzigen Lunge stehen an langen, schwarzen Bändern, die sich durch das gleißende Licht winden und in der Ferne verschwinden. Die Schwestern sehen die Ferne nicht, ihr Blick ist auf ihre barmherzigen Hände gerichtet, die unablässig greifen und sich öffnen, deren Finger die kleinen Stengel der Barmherzigkeit sacht und zugleich sicher fassen und sortieren, prüfen und ihr Geschick zum Guten wenden, ihren Weg vom schwarzen Band hinfort, hin zu einer anderen Zukunft lenken. Die Schwestern denken nicht mehr bei der Arbeit, sie träumen allenthalben, sinnieren gelegentlich, den Rest der Zeit ihrer Arbeit verbringen sie in völliger Versenkung, in Abwesenheit bei gleichzeitiger Anwesenheit, fern des bewussten Wissens um die eigene Existenz: ganz in Zen (obwohl sie nicht einmal die Beine kreuzen). Auch sonst kreuzen sie die Beine nicht, auch sonst halten sie sich mit Denken zurück.

Die Wisser reden. Sie müssen reden, denn sie können vor lauter Wissen die Zunge nicht still halten, sie haben so eine Art oralen ADS, vielleicht auch einfach zuviel Luft. Sie atmen sie ein, und aus atmen sie Worte, reihen sie, winden Bänder daraus, ganze Würmer von Bändern, eine Bandwurmhydra. Die Wisser haben nicht zuviel gegessen, aber sie haben zuviel verdaut. Mit ihnen zu reden ist für Klein-Peterchen wie angeln ohne Köder. Und zwar im Kühlschrank eines Veganers. Vielleicht auch wie Pingpong mit Ping aber ohne Pong. Klein-Peterchen redet jetzt nicht mehr viel, und sein Kühlschrank ist leer. Die Wisser haben das noch nicht bemerkt.

Klein-Peterchen ist Ritter der Hohlen Hand. Er raucht und schweigt.

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Reisen

13. Mai 2007 at 23:37 (Unspezifisch)

seit einigen Tagen mal wieder alles anders – und je anders desto weniger Zeit für mein armes Blog. Ich könnte ja behaupten, dass ich keinen Zugang zum Netz hätte, aber dass stimmt nicht. Nur Zeit zum Schreiben habe ich fast keine. Und immer nur Konserve ist ja auch wenig originell. Also schön, ich will ganz ganz ehrlich sein. Ich habe sogar ein bißchen geschrieben. Aber das sind keine Sachen, die man hier veröffentlichen würde. Sagen wir mal so: die Sonne schien. Auch nachts.

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