Sie sitzen bei Kaffee und Kuchen

7. Juni 2007 at 2:28 (Lieblinge, Spezifisch)

Sie sitzen bei Kaffee und Kuchen, sitzen auf plüschigen Sesseln um den niedrigen Tisch mit dem blumigen Porzellangeschirr, sie, das junge Mädchen mit den großen, braunen Augen; ihr gegenüber die alte Nachbarin deren faltiges Gesicht mit den Knittern der Rüschenbluse konkurriert und die sich immer noch die Haare färbt obwohl statt Grau mittlerweile bereits Weiß hindurch scheint; links daneben sitzt Andreas mit den strubbeligen Haaren, der von der Nachbarin immer noch ‚Junge’ genannt wird, wie immer schon, obwohl er mittlerweile fast dreißig ist.

Sie reden über die noch vagen Hochzeitspläne von Andreas und dem Mädchen, sie reden über den Sommer, der so heiß ist, ganz unverschämt heiß und über den letzten Urlaub der Nachbarin auf den Kanaren, und die Themen werden abgelöst und ineinander überführt von den Seufzern der Nachbarin, über ihre Gesundheit, seit Tagen habe sie kaum geschlafen, so heiß wie es ist, und auf Teneriffa habe sie sich erkältet und sich tagelang gequält in dieser schrecklichen Luftfeuchtigkeit; und Andreas und das Mädchen nicken ernst und anteilnehmend und wissen nicht, was sie dazu sagen sollen.

In solchen Momenten schweift Andreas´ Blick ab, über die zerbrechlichen Tassen mit dem Goldrand, über die alten, dunklen Möbel, zwischen denen die Zeit stehen geblieben ist, sie muss wohl langsam im dicken Perserteppich versickert sein, und dann schaut er an der Nachbarin vorbei, durch das Fenster, auf das Panorama der Vorstadtwohntürme; in der Ferne brennt ein Supermarkt. Er wendet Blick und Aufmerksamkeit wieder der Schilderung arthritischer Gelenke zu. Lässt sich Kaffee nachschenken. Ob man denn in Teneriffa schon ins Meer gekonnt hätte, lenkt seine Freundin das Thema in eine neue Bahn.

Ach, sie doch nicht, dazu sei sie ja nun doch schon zu alt, und ein mildes Lächeln erscheint auf ihrem Gesicht, sie versteht die Sicht der jungen Leute ja noch ganz gut, aber nein, sie freundet sich ja schon mit dem Gedanken ans Ende an, und das sagt sie auch häufig. Was sie nicht sagt, was man nur an der Häufigkeit und Eindringlichkeit der Wiederholungen des Mantras erkennt, ist, dass sie sich hinter ihrer Offenheit versteckt, man sieht hinter ihrer Furchtlosigkeit die Furcht genauso wie ihr weißes Haar unter der unechten Farbe hindurchblitzen. Doch die jungen Leute, ja, die seien wohl schon ins Meer gegangen, sagt sie und Andreas schaut auf die Standuhr, froh, den Kopf nicht zur Armbanduhr senken zu müssen, froh, nie ins Meer gegangen sein zu müssen.

Plötzlich stellt er fest, dass er seinen Gedanken nachhängt, und noch ehe er ein schlechtes Gewissen für seine Abwesenheit verspüren kann, bemerkt er überrascht, dass seine Freundin und die Nachbarin in ein Gespräch vertieft sind; es geht um klassische Musik. Er sieht, wie sich die beiden von der Oberflächlichkeit eines Nachmittagskaffeeplauschs verabschiedet haben. Bemerkt, wie aus anfänglicher Fachsimpelei ein Austausch wird, es sind nicht mehr zwei, sich gegenseitig unterbrechende Monologe. Andreas versteht nicht viel von Klassik, aber er weiß, dass er, wenn er sich jetzt einmischt, die beiden auf den Boden der sogenannten Höflichkeit zurückbringen wird. Also nippt er am kalten Kaffee, schaut auf das Ziffernblatt der Standuhr und schweigt zu den Komponisten.

Draußen hinter der sauberen Fensterscheibe ist ein stahlblauer Himmel, der von schmutzigen Vorstadtwohntürmen angeknabbert wird und weiter hinten steigt Rauch in die Luft. Die Klassik ist ohne Andreas´ Zutun der Gicht gewichen und eigentlich es ist auch schon viel zu spät, aber es wird auch immer später. Die Nachbarin will noch neuen Kaffee kochen, aber, sagt Andreas, es ist ja schon viel zu spät. Sie bietet Kuchen an, sie hat viel zu viel Kuchen bei der Bäckerei bestellt, aber es ist ja schon so spät. Was geschieht wohl mit dem Kuchen den sie nicht essen? Das Verabschiedungsritual braucht Zeit, und es ist doch schon so furchtbar, so schrecklich spät.

Wer wird sie das nächste Mal besuchen kommen? Wann? Sie fragt nicht. Was wird sie nun tun? Wahrscheinlich wird sie Geschirr spülen. Alles tun, was wichtig, nützlich und richtig ist und den Menschen davon ablenkt, dass er allein ist. Sie sind bereits auf der Schwelle, als Andreas das denkt, und er blickt das Mädchen an, das Mädchen mit den großen, braunen Augen.

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2 Kommentare

  1. Ole said,

    Ein toller Text, der hier und da auf dem Grat zwischen Bildschönheit und Adjektivflut wandert, doch nirgends ins Wasser fällt. Chapeau. Großartig. 🙂

  2. gnaur said,

    merci

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