Die kornblumenblaue Banane

8. Juni 2007 at 14:53 (Lieblinge, Spezifisch)

Die kornblumenblaue Banane lag aufgeschlagen vor mir. Jemand hatte mit viel Geschick ein winziges ‚A’ in ihre Rinde geritzt. Zuerst dachte ich „die Anarchisten werden auch immer kleiner“, doch dann sah ich, dass der Buchstabe zu einem Wort gehörte, das hinter den Falten der üppigen Bananenkerne verborgen gewesen war. Mit Hilfe eines chinesischen Essstäbchens und einer Schere entfernte ich die Kerne und las dann auf blauem Grund: „Arschloch“. „Na danke“, dachte ich und legte einen zimtgrünen Kugelschreiber in die aufgeschlagene Banane, auf den ich gestern das Wort „Selber“ hatte gravieren lassen.

Düpine, eine beleidigend hübsche junge Frau, die sich meist ein wenig hinter ihren großen, runden, moosgrünen Augen versteckte, sah mich schmollmundig an. Zwischen uns lag aufgeschlagen die Banane und in ihr der Stift, auf den sie mit ihrem schlanken Finger zeigte. „Wenn du etwas mehr Grips als Verstand hättest, wüsstest du, dass man das nicht wissen kann“, sagte sie und ich las die Logik aus ihren Worten nur langsam. Also antwortete ich geistreich: „Häh?“ Sie ließ den Finger sinken und sagte: „Du kannst ex ante nicht wissen, dass du hier, heute und auf diese Weise beleidigt werden wirst. Also kannst du dir auch nicht gestern schon die Antwort auf deinen Kugelschreiber graviert haben lassen. Noch dazu eine so phantasielose.“ Mir wurde wattig warm ums Herz, denn sie hatte mit ihrer weidenkätzchenweichen Stimme das ‚Phantasielos’ mit ‚Ph’ gesprochen.

„Grazie, Platitüde, ich gelobe Besserung“, sagte ich lächelnd und holte einen Kieselstein aus dem Goldfischkäfig, auf den ich vor einer Woche die Worte „Ich konnte es nicht wissen und tat es doch“ mit einem feinen Silberstift gemalt hatte. „Du Idiot“, sagte sie nur, „wegen deinen doofen Spielchen hast du den Fisch seit einer Woche nicht gegossen.“ – „Nächstes Mal nehme ich wasserfestes Silber“, antwortete ich achselzuckend-entschuldigend und außerdem war es mein Fisch, nicht ihrer. „Du bist mir zu irrational“, sagte sie, dann drehte sie sich wehenden Haars um und verschwand durch die Tür und aus meinem Leben, was ich sehr, sehr bedauerlich finde. Weit bedauerlicher als die Banane kornblumenblau und der Goldfisch vertrocknet sind. Und es ist der Grund warum ich seit drei Tagen fast ununterbrochen weine. Ich weine in kleine Reagenzgläser. Während ich dies schreibe, sind schon wieder zwei voll geworden.

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1 Kommentar

  1. Scheibster said,

    Frauen, auch solche mit großen, runden, moosgrünen Augen, werden überschätzt.

    Der Goldfisch blieb treu bis in den Tod. 🙂

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