Zuviel Zeit

13. Juni 2007 at 17:12 (Spezifisch, Unspezifisch)

Ich stehe am Bahnsteig und starre auf die Schiene. Sie liegt da unschuldig zwischen Unkraut und Kippen, etwas eingerostet, ziemlich verschraubt, ein Gleis nach irgendwo. Eine ältere Dame, die meinen Blick bemerkt hat, spricht mich nicht an. Ein Pärchen umarmt sich im Schatten des Wartehäuschens. In der Ferne fahren Autos. Blüht Raps. Schwimmt die Hitze auf dem stählernen Band. „Meine Damen und Herren an Gleis eins…“, blechert es durch die Mittagshitze. Ja, natürlich Gleis eins, es gibt auch nur das eine. „Der Zug hat heute eine Verspätung von voraussichtlich zehn Minuten.“ Wie immer. „Wir bitten um ihr Verständnis“, ein neuer Spruch. Seit der Sick es sagte, frage auch ich mich: was gibt es da zu verstehen? Zu entschuldigen gäbe es wohl etwas. Verständnis aber? Natürlich! Bin doch nicht doof, sicher verstehe ich das und es ändert gar nichts an meinem Gleichmut und am genervten Aufstöhnen der älteren Dame.

„Einmal in zehn Jahren fährt man mal mit der Bahn und dann gleich so was“, schimpft sie vor sich hin, sucht jemanden, dem sie es ins Gesicht sagen kann, dass sie einmal in zehn Jahren Bahn fährt und die dann Verspätung hat. Na und? Wenn ich mal Auto fahre, rege ich mich auch nicht über jeden Stau auf. Ich starre auf das Gleis und nehme mir vor, nur und ausschließlich Französisch sprechen zu können, falls sie mich anspricht. „Pardonnez-moi“, würde ich sagen und einen fiesen Akzent simulieren, „je parle pas Allemand“. Mit den Schultern würde ich zucken, entschuldigend lächeln, ein „désolé“ nachschieben. Dann würde wahrscheinlich mein Handy klingeln und ich müsste plötzlich ganz leise reden.

Aber die Dame spricht mich nicht an. Sie spricht den Jungen an, der wohl unvorsichtig aus der Umarmung aufgeblickt hat. „Stellen Sie sich das mal vor. Nie wieder, sage ich ihnen, nie wieder fahr ich Bahn, da ist ja auf nichts Verlass“. Ich blinzle rüber. Die beiden lächeln entschuldigend und zucken mit den Achseln als wollten sie sagen „ja, schade auch, Beileid und so und jetzt geh aus“, zumindest würde ich das sagen, wenn ich wirklich unverschämt wäre, was ich nicht bin, doch ich stelle mir trotzdem vor, wie sie reagieren würde. Aber die zwei sagen gar nichts, denn die ältere Dame setz ihnen en détail auseinander, warum sie ausgerechnet heute einmal mit der Bahn und nicht wie sonst mit dem Auto fahren wollte, und dass sie jetzt erstmal ihre Schwägerin in XY anrufen müsse und ihr sagen, dass sie später kommen wird, und ein Handy habe sie ja auch nicht. Warum sind die Leute eigentlich immer so verbissen?, frage ich mich, während sie erläutert, warum sie kein Handy hat. Verbissen in ihre Termine sind sie. Wenn ich sage, dass ich um siebzehn Uhr komme, dann komme ich um siebzehn Uhr, andernfalls muss ich gleich anrufen und Bescheid sagen, denn ich werde ja um fucking-point-siebzehn-Uhr erwartet. Gibt es eigentlich noch den Spruch „ich komme heute Nachmittag“? Einfach irgendwann? Nicht punktgenau getimed sondern dann, wenn ich da bin? Für so etwas hat offensichtlich keiner Zeit. Aber die Bahn hilft einem dabei, es wieder zu lernen. Ist doch auch nicht schlecht.

„Meine Kinder haben mir ja mal eins geschenkt, aber ich habe es immer zu hause vergessen, und jetzt hat es mein Schwiegersohn, der kann auch mehr damit anfangen. Aber praktisch wäre es schon, von Zeit zu Zeit, und man muss ja auch mit der Zeit gehen, nicht wahr, sagt auch mein Mann immer. Wir können uns vor der Technik ja nicht verschließen, aber ihr jungen Leute habt es doch schon einfacher, ihr seid ja damit aufgewachsen.“ Den beiden ist sichtlich nicht wohl in ihrer Rolle. Sie winden sich, wollen wohl nicht unhöflich sein, aber der Redeschwall ist schwer einzudämmen. Nachdem sie auch noch erfahren haben, warum ihr Mann, der, der mit der Zeit gehen wollte, warum der jetzt pensioniert ist und für nichts mehr Zeit hat, für gar nichts, stellen sie sich das mal vor, und während die Dame aufseufzt, antwortet der Junge: „Pardon, Madame, nous sommes Francais…“. Sein Tonfall klingt ziemlich echt. Ich starre auf die Schiene. No hablo Alemán.

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2 Kommentare

  1. Ole said,

    Fein schraffiertes, toll coloriertes Stimmungsbild. Chapeau!

  2. gnaur said,

    enchanté 😉

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