Esel

27. Juni 2007 at 0:52 (Spezifisch)

„Lass doch den Esel ein bißchen warten“, sagt Frau Ilse zu mir, und ich nicke. „Lass ihn warten und wir werden sehen, wie er sich verkauft.“ Ich nicke. Der Esel heißt Georg Schumann und ist neunundzwanzig. Er hat sich bei unserem Unternehmen auf eine Stelle als Junior Assistant Manager beworben. Das ist irgendwas zwischen Putze und Hilfssekretär. Was genau, weiß eigentlich keiner, aber wir wissen, dass er gestorben ist, wenn er im Bewerbungsgespräch mehr als dreißigtausend verlangt. Dann werden wir uns bei ihm melden. Ganz bald und so. Müssen nur noch die zweiunddreißig anderen Bewerber prüfen, der Vollständigkeit halber, aber es sieht ganz toll aus, ehrlich.

Aber vorher müssen wir ihn noch ein bisschen warten lassen, weil er nämlich ein Esel ist, und weil Frau Ilse es gesagt hat. Die Frau Ilse, die noch Wörter wie Esel benutzt, weil sie aus einer Generation stammt, wo das ein echt fieses Schimpfwort war. Ich hätte jetzt eher Spacken gesagt, aber so was ist wohl nicht bürotauglich. Außerdem nicke ich sowieso meistens wenn Frau Ilse was sagt. Dann geht’s der gut, dann fühlt die sich bestätigt. Braucht man in ihrem Alter wohl auch. Ist mir eigentlich scheißegal. Nicke ich halt.

„Frau Ilse, der Schumann hat mir grad ne Mail geschrieben.“ Sie guckt mich an, als ob ich ihren Sohn gevögelt hätte. Echt jetzt und so. „Ihnen!?“ Ja verdammt, mir, nicht dir, du Schabracke. „Der hat ja gar keinen Schimmer von unserer internen Organisation.“ Gibt’s eine externe? Ach, egal. „Er hätte ihnen schreiben sollen, nicht?“ Doofe Frage, doofes, selbstgefälliges Augenbrauenhochziehen. „Was schreibt er denn?“ Na was wohl. Hat seit Wochen nix von uns gehört und fragt nach dem Stand der Dinge. „Würde sich freuen, von uns zu hören.“ – „Leit mal weiter.“ Ich nicke.

Dann ist plötzlich Donnerstag und alles ist anders. Dieser Typ ist mehr als der Hammer. Er ist so ne Art irgendwo zwischen Latin Lover und schüchstern-süß, und er hat echt krass blaue Augen. Ich bin ja nur die Tipse im Hintergrund, aber mir geht das echt auf den Keks wie die Frau Ilse den auseinander nimmt, und gleichzeitig bin ich echt gedazzelt wenn der mich anguckt, dabei tut der das nur dreieinhalb Mal. Und dann kommt der Punkt. Das Gehalt. Seine Vorstellungen und so. Achtunddreißig bis vierzig. Ich sacke echt in mich zusammen. Scheiße. Dabei hat der keine schlechten Referenzen, finde ich, aber die Frau Ilse wird mir was husten, wenn ich nicht nicke. Ja, und dann werden wir uns bald bei ihm melden und so. Echt, gleich nachdem wir diese zweiunddreißig…

Ich lächle, wie er geht. Ganz bald wird er von uns hören. Wirklich. Vielleicht. Scheiße.

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2 Kommentare

  1. GreenStorm said,

    Mir kommt der Verdacht, dass Gnaur weiblich ist. Könnte aber auch ein raffiniertes Täuschungsmanöver sein.

  2. gnaur said,

    Androgyner Hermaphrodit, was denn sonst.

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