Es gibt Träume

13. Juli 2007 at 0:51 (Spezifisch)

BildEs gibt Träume, an die kann man sich nicht erinnern, und es gibt solche, die lassen einen den ganzen Tag nicht los, selbst wenn man nur ein oder zwei Szenen vor Augen hat, Szenen die so intensiv waren, dass man selbst abends noch daran denkt. Georg Mantel hatte den ganzen Tag an einen Kuss denken müssen, den er kurz vor dem Erwachen geträumt hatte. Er war im Traum von Trisha geküsst worden, und das machte einen wichtigen Unterschied, denn in der Realität war er es, der sie küsste. Georg fragte sich, ob es so etwas wie einen gleichwertigen Kuss gäbe, einen, bei dem man küsst und gleichzeitig geküsst wird. Natürlich gab es das. Warum kannte die Sprache dann den Unterschied nicht? Wenn man davon redete, dass man jemanden geküsst hatte beziehungsweise von jemandem geküsst worden war, dann gab es nur aktiv oder passiv. Erstaunlich. Aber dann fiel ihm ein, dass man durchaus sagen konnte „wir küssen uns“, und das ergab auch Sinn, denn etwas, das man gemeinsam tut, kann ja nicht von einem allein ausgehen.

Als er abends seine Wohnung betrat, steigerte sich seine latente Unruhe zu leichter Nervosität. Nicht, dass Georg an Vorahnungen oder Hellseherei glaubte, aber er glaubte an Psychologie und fragte sich daher, ob sein Unterbewusstsein vielleicht etwas wahrgenommen oder ausgerechnet hatte, was seiner Aufmerksamkeit in Bezug auf Trishas Verhalten entgangen war. Sie hatte ihn schließlich geküsst.

Kurz darauf stellte er zunächst einmal fest, dass sie nicht da war. Er seufzte. Die Wahrscheinlichkeit dafür lag momentan bei circa sechzig Prozent. Hatte er vorgestern im Büro ausgerechnet. Tendenz steigend. Den Abend verbrachte er daher meist alleine. Was die Nacht anging, die Nacht verbrachte er ohnehin allein, aber er wachte jedes Mal auf wenn sie in den frühen Morgenstunden von ihren nächtlichen Streifzügen durch die Tanzpaläste heimkehrte. Aber kehrt sie überhaupt heim? Oder kam sie einfach nur zurück?

Er hatte sie von der Straße aufgesammelt wie man ein verlorenes Kätzchen aufsammelt. Vor dreiundsechzig Tagen. Seitdem war sie da. Manchmal. Vor allem tagsüber, denn da schlief sie. Sein Gefühl hatte ihm schon immer gesagt, dass er sie nicht würde halten können, irgendwann würde sie einen anderen finden auf ihren nächtlichen Touren. Interessanterweise war es sein Verstand, der ihm das Gegenargument lieferte: er hatte das Geld, und er ließ ihr alle Freiheiten. Sie war ein Mädchen, das die Freiheit liebte. Aber liebte sie deswegen ihn? Georg war sich da nicht so sicher, wusste aber, dass ihn seine Kollegen oder seine Eltern für verrückt erklären würden. Also erzählte er erst gar nichts. Das fiel keinem auf, denn ernstlich interessierte sich ohnehin niemand für sein Leben, das hatte er schon lange bemerkt. Und akzeptiert.

Akzeptiert hatte er auch Trishas Verhalten, aber er interessierte sich für sie, und aus dem gleichen Grund, aus dem er sich weniger einsam fühlte, wenn sie da war, die paar Stunden die sie zusammengerollt neben ihm schlief bevor er zur Arbeit musste, aus dem gleichen Grund tat es ihm weh, wenn sie ihn nicht an ihren Erlebnissen und ihrer Welt teilhaben ließ. Was für ein Mensch war sie, wenn sie mit ihren Freunden abends weg ging, wenn sie die halbe Nacht durchmachte? Sie nahm ihn nie mit. Er wusste es nicht und konnte sich auch keine klare Vorstellung davon machen.

Es gab Tage, an denen war Trisha nicht unterwegs, manchmal auch nur halbe Tage, meistens Samstag oder Sonntag Nachmittag, und dann war sie das Gegenteil von wild und ungebunden, dann suchte sie Anlehnung, schnurrte auf dem Sofa neben ihm, manchmal weinte sie auch in seinen Armen. Warum, wusste er nicht, sagte sie nicht. Sie redeten über Kleinigkeiten, über die Nachbarin, die immer so neugierig ins Treppenhaus schielte wenn jemand vorbei ging, oder über die neuen Möbel, die sie kaufen würden. Manchmal auch über Trishas Vater, der sie nicht mehr sehen wollte und über ihre Ausbildung zur Landschaftsgestalterin, die sie bald fortsetzen würde; und Georg versenkte sich in ihren Anblick, lauschte ihrer Stimme zuweilen mehr als ihren Worten. Später schliefen sie miteinander. Es waren ruhige, verträumte Tage, und er träumte, es könnte immer so sein. Doch er wusste, dass diese Tage deshalb so glücklich waren, weil sie so selten waren.

Georg fing an, Essen zu machen, für zwei, wie immer, den Rest würde er für Trisha in den Kühlschrank stellen. Was würde passieren, wenn er eines Tages wieder allein war? Er seufzte. Es gibt Träume, an die kann man sich nicht erinnern, wenn sie vorbei sind, und es gibt solche, die einen das ganze restliche Leben nicht mehr los lassen.

Bild von Mostroneddo von hier

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2 Kommentare

  1. mostroneddo said,

    🙂 only for info: the girl in the pic if half german

  2. gnaur said,

    She definitively is the better half of this story. That makes up for 1/4. But of what?

    Convey my greetings to her. And good job on the photo, by the way.

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