Mein Leben mit mir selbst (1)

13. Juli 2007 at 14:59 (Spezifisch)

WelttraumSeit heute muss ich Tagebuch führen. Eigentlich wollte ich das vermeiden, denn erstens gibt es in dieser mit Elektronik vollgestopften Pappschachtel namens Mathilda ein Logbuch und zweitens habe ich mir in letzter Zeit immer öfter die Frage gestellt, ob wir Menschen nicht zufriedener leben würden, wenn wir uns auf unsere biologischen Urahnen besinnen und die Tage unseres Lebens einfach so verstreichen lassen würden. Leider war mein neuronales Psychoanalyseprogramm anderer Ansicht. Nachdem wir mehrere Stunden diskutiert hatten, ist dieses Miststück doch tatsächlich darauf verfallen in der Datenbank zu wühlen und mir eine verstaubte Direktive an den Kopf zu werfen, nach der ein Crewmitglied zum Tagebuchführen verpflichtet ist wenn alle anderen Besatzungsmitglieder tot sind. Und das sind sie nun einmal.

Also schreibe ich. Aber was gibt es schon groß zu berichten von einem Flug durch die Weiten des Alls, einem langweiligen Flug zu einer langweiligen Raumstation am Rande der Galaxis, der Bier und Chips ausgegangen ist? Die Fracht steht ja ohnehin in den Transportlisten und im Logbuch und ich muss das nicht auch noch hier erwähnen. Meine Güte, ich habe immer das Gefühl, dass mir der Computer über die Schulter schaut wenn ich schreibe.

o

Meine Seelenklempnersoftware (eigentlich heißt sie präventiv-therapeutisches neuronal-adaptives Psychoanalyse- und Psychodiagrammprogramm) hat mir geraten, über den Tod meiner Kollegen zu schreiben um den Vorfall zu verarbeiten. Schön. Sie sind beim Tennisspielen im Weltraum von einem Staubfeld durchsiebt worden. Ein Staubkörnchen von der Größe eines Sandkorns geht durch einen Raumanzug wie durch Butter wenn die Aufprallgeschwindigkeit nur hoch genug ist. Wir fliegen nach dem letzten Manöver momentan mit 270.000 Stundenkilometern. Friede ihren Teilchen. Mehr gibt es eigentlich nicht zu sagen, außer, dass ich meine Wäsche seitdem selber waschen muss.

o

Seit gestern habe ich einen Rattansessel. Das leise aber permanente Quietschen, Knirschen, Knarzen und Ächzen des Sitzes vertreibt mir ein bisschen die Stille, die mich langsam nervt. Musik kann ich nicht hören, weil Dennis, unser Informatikgenie, den Zugang zum Archiv gesperrt hat. Er wollte Ruhe im Kopfhörer beim Tennisspielen.

o

Heute musste ich Frachtsektion drei für zwei Stunden mit CO2 fluten nachdem ich eine Maus gesehen hatte. Erst saß sie ganz reglos im Gang und huschte dann den Frachtraum. Ich hoffe, ich habe das Vieh erwischt. Trotzdem frage ich mich, woher sie kam.

o

Ich mache jetzt regelmäßig Jogging. Immer geradeaus durch die ringförmig rotierenden Frachtsektionen, und ich stelle fest, dass es komisch ist, wenn man schnurgeradeaus läuft und trotzdem da ankommt, wo man zehn Minuten zuvor gestartet ist. Würde ich nicht Laufen um des Laufens Willen, es wäre eine schöne Metapher für die inhärente Ziellosigkeit unseres Strebens. Huch. Habe ich das wirklich geschrieben? Ich denke wohl ein bisschen viel, aber das macht nichts. Sagt zumindest meine Software, die ich Kriemhild genannt habe, denn nachgewiesenermaßen fällt der IQ von Langstreckenfliegern um bis zu zehn Punkten, wenn sie sich nicht fit halten. Ich frage mich, ob das Leben nicht einfacher wird, wenn man ein bisschen blöder ist. Wahrscheinlich nicht.

(Fortsetzung folgt)

An dieser Stelle schreibe ich einen Mini-Wettbewerb aus: „Finde einen Titel!“. Ich hatte es erst überschrieben mit „Fernreisenotizen“, und der Arbeitstitel war „Bier und Chips“. Beide gefallen mir nicht. Wer eine Idee hat, immer her damit, entweder in die Kommentare oder an meine Mailadresse unter louis (dann Punkt) lex (Klammerprimat) gmx (noch ein Punkt) de. Zu gewinnen gibt es einen Wunschbeitrag (Text, Bild, Gedicht; was auch immer, Thema frei wählbar)! Ansonsten: La jury, c´est moi, und Einsendeschluss ist ungefähr der kommende Sonntag (15.) plusminus ein bißchen was. Merci!

Advertisements

2 Kommentare

  1. Petra said,

    ‚Bier und Chips‘ finde ich so schlecht nun nicht. Anderes fällt mit aktuell auch nicht ein, da wahrscheinlich noch zu wenig Input. Was passiert denn nun unter Wasser?

  2. gnaur said,

    Klar, wenn man das Ende kennt ist es einfacher, sich einen Titel einfallen zu lassen. Gebe ich zu. Andererseits ist es eine Fortsetzungsgeschichte, die kann ich schlecht komplett auf einmal posten (will ich zumindest nicht *g*). Nichtsdestotrotz, es ist mir eine Ehre, Ihre mich nicht minder ehrende Neugier zu befriedigen. Teil 3 ist da.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: