Mein Leben mit mir selbst (3)

14. Juli 2007 at 21:15 (Spezifisch)

WelttraumIch frage mich, warum ich überhaupt noch Tagebuch führe. Es ist doch alles sinnlos. Ein richtiges Notrufsignal können wir nicht mehr senden, weil die Außenantennen kaputt sind. Mit den Innenantennen geht es zwar, aber das ist nicht Hyperraum, und bis das mal zufällig jemand empfängt, können ohne weiteres ein paar hundert oder tausend Jahre vergehen. Ich habe dem Computer gesagt, er soll es trotzdem tun. Hatte er aber schon, der alte Besserwisser. Mathilda ist auch nicht mehr so gut in Schuss. Frachtsektion zwei und vier sind leck und voller Wasser, unten im Maschinenraum sind auch ein paar Räume geflutet und die Wände ächzen und stöhnen manchmal, als wären sie müde. Kriemhild redet kaum noch, und wenn, erzählt sie mir weinerlich ihre ganzen Sorgen und Ängste. Ich tröste sie so gut ich kann. Das gibt mir in meiner ausweglosen Situation zumindest so etwas wie einen Halt.

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Vorhin habe ich die verbleibenden Frachtsektionen inspiziert. Sie scheinen den Absturz recht gut überstanden zu haben. Bei der Fracht sieht es ein bisschen anders aus. Jetzt, wo die künstliche Schwerkraft weg ist, stehen Sektion drei, fünf und sechs halb bzw. ganz auf dem Kopf (vier auch, aber da komme ich nicht rein). Ein paar Bierfässer haben sich dort gelöst und dabei einige der Kartons mit Chipstüten zerquetscht, was besonders in Sektion fünf dazu führt, dass es bei jedem Schritt unter den Füßen knirscht, aber ansonsten scheint die Fracht weitgehend unversehrt. Die Chips schmecken übrigens gar nicht mal schlecht. Natürlich habe ich nur die gegessen, die in den kaputten Tüten waren. Aber jetzt, wo ich es schreibe, fällt mir auf, dass ich eigentlich auch die anderen Sorten mal probieren könnte, ich bin ja ohnehin verloren. Andererseits würde das wirklich kein gutes Licht auf mich werfen, falls sie mich doch noch finden. Vielleicht kann ich es so einrichten, als ob ein oder zwei von den anderen Kartons ebenfalls von einem Fass getroffen worden seien.

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Dieses verlogene Miststück! Tagelang habe ich sie getröstet und mich um sie gekümmert und jetzt finde ich heraus, dass sie die ganze Zeit über mein Tagebuch gelesen hat. Mein geheimes, ganz persönliches Tagebuch. Kriemhild, dieses weinerliche Psychoprogramm, sie wollte von Anfang an das wissen, was ich ihr in den Psycho-Sitzungen nicht über mich erzählt habe. Mit einem Trojaner muss sie mein Passwort ausgelesen haben, oder sie hat mir mit ihren Kameras über die Schulter geguckt. Jetzt hat sie den Salat, denn jetzt ist sie depressiv. Hat sie sich selbst zuzuschreiben. Miststück.

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Ich habe herausgefunden, wo die Katze herkam. Sie kam aus meiner Phantasie. Das ist die einzig sinnvolle Erklärung, denn von ihr fehlt jede Spur, während sich die Mäuse fröhlich vermehren. Ich hätte das CO2 nehmen sollen, als ich noch die Gelegenheit hatte! Jetzt möchte ich lieber keine Experimente machen, der Druckabfall beim Atmosphärenwechsel könnte die Frachtabteile kollabieren lassen. Es wäre schade um die Chips, besonders die mit Chili-Sahne-Käse-Speck-Geschmack. Leider mögen den auch die Mäuse. Ich bin ratlos. Denke an Flammenwerfer, aber das sind natürlich Hirngespinste.

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Habe mir vom Computer noch mal unsere Lage auseinandersetzen lassen. Es steht zwar schon im Logbuch, aber es beschäftigt mich, und seitdem ich das Passwort geändert habe (nachdem ich Kriemhild gelbe Klebezettel auf die Linsen gepappt habe), ist das hier wieder mein eigenes, ganz geheimes Tagebuch. Wir liegen in dreitausenundelf Metern Tiefe auf dem felsigen Grund eines vollständig mit Wasser bedeckten Planeten. Das Wasser ist angereichert mit irgendwelchen Mineralien und Salzen, die die Außenhaut von Mathilda angreifen, aber wir haben noch mindestens zwanzig Jahre, sagt der Computer. Der Planet selbst hat oberhalb des Wassers noch eine Atmosphäre, deren genaue Zusammensetzung wir nicht kennen, erstens weil ich eh keine Ahnung habe, und zweitens weil die Systeme irgendwie vergessen haben, es bei der Landung zu messen. Ja, meine Technikzweifel verdichten sich.

Die Strömung hier unten ist sehr gering, die Außentemperatur liegt um die vier Grad Celsius, Lebewesen haben wir noch keine gesehen, nicht einmal Plankton, nur ein paar Kalkanhäufungen, von denen mir das System aber nicht sagen konnte, ob sie biologischen Ursprungs sind. Der Computer redet sich damit heraus, dass er nur die Basismodule für Planetenanalyse habe. Ich glaube, er ist nur zu faul um in seinen Datenbanken zu suchen. Ansonsten kann ich davon ausgehen, dass ich hier wohl nie wieder weg komme. Bei näherer Betrachtung ist das gar nicht so furchtbar, wie es sich anhört, denn jahrelange, einsame Weltraumflüge unterscheiden sich auch nicht groß von meiner jetzigen Situation, außer dadurch, dass man zuweilen für ein paar Wochen von lauten und hektischen Menschen umgeben ist. Oder, was vielleicht noch schlimmer ist, dass man mit einer nervtötenden Crew für Monate eingesperrt ist und sich seine Einsamkeit freiwillig im winzigen Quartier sucht. Der Hauptunterschied ist wohl der, dass ich nun niemals irgendwo ankommen werde. Aber ist das im normalen Leben wirklich anders?

(Fortsetzung folgt)

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1 Kommentar

  1. GreenStorm said,

    Bisher wunderbar lesbar. Ich musste beim lesen wirklich eine Tüte Chips holen (da war ich noch nicht an der Stelle mit den Sahne-Käse-Chili-Speck-Chips angekommen, an der Stelle hab ich die Tüte wieder weggebracht).

    Ich warte sehnlichst auf die Fortsetzung !

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