Mein Leben mit mir selbst (7)

17. Juli 2007 at 9:19 (Spezifisch)

WelttraumVorhin habe ich endlich eine Betriebsanleitung gefunden. Für einen Hammer. Na super.

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Ich muss mir langsam einmal Klarheit darüber verschaffen, ob ich wirklich gerettet werden wollen würde, wenn es soweit kommen sollte. Brutus kann mir die Wahrscheinlichkeit für eine Rettung nicht genau sagen („zu viele Unbekannte!“), und ich musste mit ihm schimpfen, bis er mir wenigstens ein Intervall angab („aber das ist völlig ungenau!“). Meine Chancen liegen demnach zwischen 0,0021 und 0,0022 Prozent, im Mittel also bei 0,0000215, und da ist die Boje schon mit eingerechnet. Wenn ich mich darauf einstelle, nicht gerettet zu werden, dann überrascht mich am Ende ein dämlicher Held, während ich gerade nackt durch die Kajüte hüpfe und einen Regentanz vollführe. Das will ich nicht. Umgekehrt würde ich vielleicht in einigen Monaten oder Jahren in tiefste Depressionen verfallen, weil niemand kommt, der mich bei nichts überrascht. Ich denke noch mal drüber nach.

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Ich habe mich gefragt, wie lange dieses Schiff nach meinem Ableben noch existieren könnte, beispielsweise für den Fall, dass doch noch jemand Schiff, Ladung oder meine Memoiren bergen möchte. Angenommen, die Hülle würde nicht vom Meerwasser zerfressen oder eingedrückt, ist die kritische Variable der Reaktor, denn der hält ja alle Systeme am Laufen. Ich habe Brutus gefragt, aber der meinte, der Reaktor könnte unter Umständen schon ausgebrannt sein, bevor ich das Zeitliche segne. Das beunruhigt mich. Brutus hat gesagt, dass er länger halten würde, wenn ich nicht permanent das gesamte Schiff in Festbeleuchtung tauchen würde. Auf meine Frage hin, ob es noch andere Sparmöglichkeiten gäbe, antwortete er nur lakonisch, ich sollte vielleicht nicht dreimal täglich Wäsche waschen. Dabei ist der integrierte Lavomat ungemein praktisch: Klappe auf, Wäsche rein, Klappe zu; und eine Minute später ist sie kuschelweich und sogar noch warm. Und sauber natürlich. Mittlerweile weiß ich, warum Lars, der Bordbiologe, sich immer bereit erklärt hat, die Wäsche aller Crewmitglieder zu waschen.

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Endlich ist Kriemhild mit ihren Neuigkeiten herausgerückt, aber erst, nachdem ich ihr die Klebezettel von einer Linse unter Vorbehalt entfernt hatte. Böse blitzte sie mich mit ihrem Kameraauge an und teilte mir dann mit, dass sie die Musikdatenbank fast entschlüsselt hatte. Gerade wollte ich übellaunig den Klebezettel wieder zurückkleben, als sie hastig ergänzte, dass sie außerdem nebenbei eine Staffel von „Radiology“ gefunden hatte, dieser uralten Quizshow, bei der der Moderator am Schluss im Atommüllendlager landet, wenn nicht alle Kandidaten gewinnen. Als Kind fand ich die Serie schon furchtbar, denn die Kandidaten waren entweder geübte Hirnlegastheniker oder – Langstreckenraumflieger. Entsprechend schwer hatte es der Moderator. Trotzdem habe ich ihr das Auge nicht wieder verklebt.

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Ich habe den Energieverbrauch mal von Hand nachgerechnet. Wenn ich das Licht nur bei Bedarf einschalte und aufs Waschen verzichte, halten die Energiereserven noch gut 68 Jahre. Ich war so motiviert vom Energiesparen, dass ich gleich auch noch ausrechnete, dass sie sogar 290 Jahre halten würden wenn ich Brutus abschaltete. Der wies mich dann aber trocken darauf hin, dass meine Lebenserwartung in diesem Fall im einstelligen Tagesbereich ausgedrückt werden könne. Egozentriker. Trotzdem, ab sofort wird hier gespart. Ich habe Brutus angewiesen, nur in den Räumen Licht zu machen, in denen ich mich aufhalte (plus zwanzig Jahre). Dann habe ich die Heizung ein bisschen hoch gedreht (minus drei Jahre) und verzichte dafür aufs Wäschewaschen (keine Klamotten – kein Waschen. Plus zehn Jahre).

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Habe mir im Dunkeln das Knie an einem Bierfass gestoßen und es zur Strafe dafür angestochen (das Fass, nicht das Knie). Dann habe ich Brutus angeschnauzt, er solle das Licht bitteschön einschalten sobald ich den Raum betrete, nicht erst, wenn ich durch fünfminütige Anwesenheit demonstriert habe, dass ich zu bleiben gedenke. Der Kerl ist manchmal einfach nur doof. Komisch, habe ich mir das nicht schon mal überlegt gehabt?

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„Radiology“ ist schlimmer, als ich dachte, aber auf einmal habe ich wieder Bild und Ton in meinem Wohnzimmer (ehemals Brücke). Alles scheint anders, ich fühle mich, wie nach langer Zeit nach hause gekommen. Brutus nörgelt, wenn ich meine Füße aufs Armaturenbrett lege oder nur in Unterhose rumlaufe, aber das stört mich nicht. Ich bin der König von Okeanos!

(Fortsetzung folgt)

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