Linie 300

19. Juli 2007 at 1:34 (Spezifisch)

Der U-Bahnsteig war gedrängt voll, und der Herr mit dem schwarzem Vollbart versperrte den einzigen Durchgang zwischen zwei Menschentrauben. „Könnte ich mal durch bitte?“ Er drehte sich zu mir um, blitzte mich an. Seine Hand fuhr unter das Jackett und er hielt mir ein ziemlich großes, hässlich gezacktes Messer unter die Nase. „Es ist Gesetz, dass ich weder weiche noch aufgebe, und so bleibt mir nur, kämpfend zu sterben!“, brüllte er mich an. Unwillkürlich wich ich einen Schritt zurück. „Schon gut“, versuchte ich ihn zu beruhigen, während ich mich nach einem anderen Weg umsah, aber es gab nur diesen einen, und wenn ich meine Bahn kriegen wollte, musste ich notgedrungen den Durchgang hinter ihm zum anderen Gleis nehmen. „Ich möchte ja nur vorbei“, sagte ich, woraufhin er das Messer mit abgespreiztem Ellbogen in Schulterhöhe hob und schrie: „Niemals werde ich meine Freiheit deinem Diktat unterwerfen! Für mich gibt es kein Weichen von dieser Stelle!“ Ich hoffte auf eine Reaktion der anderen Fahrgäste, doch die taten so, als ob sie das alles nicht interessierte, selbst der, den er mit dem Ellbogen ein blaues Auge geschlagen hatte.

„Werter Herr“, setzte ich noch einmal vorsichtig an, abwechselnd meine Uhr und das Messer beobachtend. „Wenn sie ein Problem haben, gut, jeder hat Probleme, aber vielleicht…“ – „Ich habe kein Problem, denn ich bin ein direkter Nachfahre der Götter, und als Kind hat man mich stundenlang über U-Bahngleise halten können ohne dass ich geweint hätte, ha!“ Ich gab es auf. Der war einfach durch, sollte sich die Polizei um ihn kümmern. Also drehte ich mich um, nahm den langen Weg, würde ich halt die nächste Bahn nehmen. Rolltreppe hoch, Durchgang nehmen… Auf halbem Weg kam ich an einem Blumenladen vorbei, und die Nelken lachten mich an. „Ja“, dachte ich, „besser als Messer“ und fragte den Verkäufer nach dem Preis. „Unkäuflich und unbeugsam stehen ich und meine Getreuen vor dir!“, schrie der, bevor er mir ein langes und hässlich gezacktes Messer bis zum Heft in den Bauch stieß.

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