Mein Leben mit mir selbst (9)

3. August 2007 at 14:19 (Spezifisch)

WelttraumWieder ist einige Zeit vergangen, viel passiert und ich habe kaum Zeit gefunden, all das aufzuschreiben. Das Wichtigste zuerst: ich bin nun nicht mehr allein an Bord. Seit gestern ist mein Rettungsteam da. Und das gibt mir nun wiederum jede Menge Stoff zum Schreiben. Aber ich fange mal vorne an.

Natürlich hing alles mit der Boje und dem Frequenzspektogramm zusammen. Nachdem ich die Boje durch die Schleuse ins Meer gesetzt hatte, ließ ich sie auf Erkundungstour gehen, genauer, Brutus steuerte sie, während ich dafür sorgte, dass er weiterhin die Analyse der verschiedenen Frequenzbänder des Hyper-, Super- und Ottonormalraumes durchführte. Gegen Mittag hatte er festgestellt, dass wir uns in einem Wurmfortsatz der dritten Wellenlänge des Hyperraumes befinden, und setzte über die Boje unser Notrufsignal ab. Weiterhin gelangen uns ein paar hübsche Außenaufnahmen im Röntgenspektrum: wir sitzen auf einem schönen, kleinen Plateau aus Uranerz, das von einer sirupzähen Flüssigkeit aus einer teerähnlichen Substanz umspült wird. Der Ozean selbst könnte aus Wasser bestehen, aber Genaues konnten wir mangels Sensoren (und Fachwissen) nicht herausfinden.

Gegen Mittag des nächsten Tages kam dann eine Antwort auf unseren Notruf. Ein Sternenfahrer und bekannter Held war ganz zufällig gerade in der Nähe und versprach uns, uns nebenbei zu retten. Und ehe wir uns versahen, hatte er mit seinem Schiff auch schon an der Schleuse angedockt. Dass er dabei das Kabel zur Boje durchtrennt hatte, war ihm gar nicht bewusst geworden. Und dann stand er auch schon in der Tür: Gerry Poman, größter Held diesseits der Milchstraße und mein einköpfiges Rettungsteam. Das erste, was er sagte war: „Hunger“, und das zweite: „Warum hast´n du nur ne Unterhose an?“.

Um die Sache kurz zu machen: Er hatte nicht mit seinem Schiff sondern nur mit seiner Rettungskapsel angedockt, nachdem er seinen tollen Raumschlitten nämlich im pechschwarzen Tiefenozean versenkt hatte und selbst nur mit knapper Not entkommen war. Toller Held. Seitdem frisst er mir die Chips weg.

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Gerry geht mir permanent auf den Keks. Wenn er nicht gerade den Mund voller Chips oder Bier oder beidem hat, erzählt er unaufhörlich von seinen zahlreichen Abenteuern, die er alle bravourös gemeistert hat, und wenn er ausnahmsweise doch einmal nicht davon spricht, pfuscht er mir im Bordcomputer oder der Elektronik herum. Sage ich ihm, er soll die Finger davon lassen, fängt mit Fachdiskussionen an, von denen ich nichts verstehe, und die er früher oder später mit einer Anekdote aus einem seiner zahlreichen, dämlichen Abenteuern verbindet, womit er wieder beim Schwadronieren ist. Die einzige Möglichkeit, ihn gewaltfrei zum Schweigen zu bringen ist, ihm Chips oder Bier anzubieten.

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Aus Frust habe ich mir die Außenaufnahmen der Boje noch einmal angesehen. Unser Schiff sieht von außen aus wie ein wakirischer Schlotapfel, oder, um es mit irdischen Begriffen zu sagen, wie ein Baum, dem man alle Äste abgeknickt hat. Die ganzen ehemaligen Außenaufbauten hängen traurig herab oder fehlen ganz. Der Mast der Fockantenne baumelt sanft in der schwachen Strömung, und ich habe den Verdacht, dass er für das Klopfen neulich verantwortlich sein könnte.

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Die Mausefalle hat funktioniert. Leider habe ich doch keine Bilder von der Maus aufnehmen können, weil die Kameras dabei beschädigt wurden. Ich muss das Konzept noch einmal überprüfen, habe aber die Vermutung, dass es mit der sternförmigen Anordnung der Brenndüsen zusammenhängt – die es übrigens auch nicht mehr gibt. Überhaupt hat sich die Konstruktion restlos selbst vernichtet, nur ein schwarzer Fleck und zwei leckgeschlagene Fässer Altbier zeugen noch von ihrer Existenz. Ich habe es Brutus gar nicht erst erzählt.

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Zwei Stunden habe ich gebraucht, um Kriemhild in einen tränenreichen Schlaf zu wiegen, sofern man bei einem Computerprogramm von Wiegen sprechen kann. Zwei Stunden, denn nachdem Gerry sie einer Psychoanalyse unterzogen hatte, konnte ich ihren Heulkrämpfen gerade noch entnehmen, dass sie nun erwiesenermaßen neurotisch-depressiv mit schizophren-suizidalen Zügen und introvertiert-frustrativen Sprenkeln sei, und dass sie sterben wolle und ihr der Sinn des Lebens ebenso egal wie gleichgültig, und außerdem schnuppe sei. Ich musste ihr auf Schaltkreisebene ein hartes Chipsedidativum verabreichen und alte Wiegenlieder singen, bis sie endlich in einen Hibernate-Modus mit Schluckauf fiel. Ich frage mich, warum ich Gerry überhaupt gewaltfrei zum Schweigen bringen will.

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Das ist mein letzter Eintrag für heute. Eigentlich war ich schon im Bett, aber Gerry, dieser aufgeblasene Vollheld, hat mich eben noch einmal geweckt und mir mitgeteilt, dass er das Schiff demnächst soweit repariert hätte, dass wir damit wieder starten könnten. Dann schüttete er sein Fachchinesisch über mich aus, bis ich ihm eine halbvolle Tüte Crustmaxx Ultra an den Kopf warf und ihn bat, er möge den Zündschleifenlauf der Anionisierungseinheit in Turbine 12-B galvanisch überprüfen. Der Trick klappte, wie immer. Ich habe ihn mir vor Jahren bei meinem technischen Ausbilder abgeschaut. Irgendwer hat mir mal erklärt, dass eine galvanische Überprüfung von Zündschleifenläufen wie die Quadratwurzel aus minus Eins sei, aber solange der Trick funktioniert, muss ich das nicht verstehen. Hauptsache, ich habe meine Ruhe.

(Fortsetzung folgt)

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2 Kommentare

  1. GreenStorm said,

    Sehr schön ! Wenn die Geschichte einmal fertig ist, darf ich sie komplett herunterladen, und an Bekannte, die es wert sind weiterverteilen ?

  2. gnaur said,

    Natürlich. Ich werde zusammen mit dem letzten Teil ein PDF posten.

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