Freiwillig hier

7. August 2007 at 18:23 (Spezifisch)

„Bist du freiwillig hier?“, fragte mich das Mädchen mit den kurzen, schwarzen Haaren und ein leises, pieksiges Kribbeln lief mir den Rücken herab, denn sie hatte mir die Worte aus dem Mund genommen und mir gleichzeitig klar gemacht, dass ich mir diese Frage selbst nicht gestellt hatte. „Ich glaub schon“, sagte ich und lächelte entschuldigend. Neben uns an der Hafenmole lag ihr Citroen am Anleger, das ehemals weiße Auto hatte sie mit einem verwirrenden, nautilusartigen Muster aus cremefarbenen und erdbraunen Bändern bemalt, der kleine Mast sah viel zu winzig aus, um ein anständiges Segel tragen zu können, passte aber von den Proportionen her sehr gut zum Wagen. „Ich habe mir gleich gedacht, dass das dein Auto ist“, hatte ich ihr gesagt, „er ist mir schon bei meiner Ankunft aufgefallen.“ Und dann hatte ich gesagt: „Zeig mir mehr.“

Während wir durch die weitläufigen Flure der im modernen Betongraubaustil errichteten Institution, einer Art Melange aus Universität und Pensionat – also entweder einer Institution mit Privatflair oder einem Wohnheim mit offiziellem Anstrich – geschlendert waren, hatte sie mir die Frage in dem Moment gestellt, als ich sie, am Ende meines Gedankenganges, der sich um das Verstehen dieses Ortes drehte, angelangt war, selber stellen wollte. „Welche Frage hast du dir zuletzt gestellt?“, entgegnete sie, ohne auf die Unbestimmtheit meiner Antwort einzugehen, und ergänzte: „Ich meine, dir selbst.“

„Manchmal brauchen wir jemanden, der uns sagt: ‚Was du denkst, ist Unsinn’“, antwortete ich nach einer Sekunde, in der ich mich, statt mich nach der Bedeutung ihrer Frage zu fragen, fragte, was Gegenstand dieser mir selbst gestellten Frage gewesen war, „und manchmal brauchen wir einen Menschen der sagt: ‚Ja, dein Gedanke ist völlig richtig!’. Leider haben die meisten Menschen die Fähigkeit, entweder nur zustimmen oder nur ablehnen zu können, so dass man sich zuweilen mit den einen, zuweilen mit den anderen umgeben sollte, oder gleich die aufwendige Suche nach einem, der beides kann, beginnen muss.“ Wir kamen durch ein breites, helles, aber menschenleeres Treppenhaus während sie entgegnete: „Also, ich halte das für eine etwas eingeengte Sichtweise. Natürlich stimmt es irgendwo, aber du übersiehst, dass ‚die Anderen’ nicht so einfach gestrickt sind. Ein Mensch besteht aus mehr als seiner Reaktion auf deine Gedanken und wenn du die Leute nur unter diesem Gesichtspunkt betrachtest, wirst du zwangsläufig in eine Sackgasse kommen.“ – „Ich gebe es zu, mein Blickwinkel mag etwas eng sein. Ich denke, dass man eben das fokussiert, was einen momentan am meisten beschäftigt. Danach hast du ja gefragt.“ – „Wieso sprichst du dann von ‚uns’ und ‚man’? Es geht doch um dich, oder nicht?“ – „Entschuldige, ich versuche eben immer, die Dinge zu verallgemeinern; eine Regelmäßigkeit zu finden“, sagte ich, doch sie entgegnete: „Ich glaube, wenn ich dich so ansehe, dass du etwas anderes dabei fühlst als das.“ Überrascht, während ich kaum mitbekam, wie uns der Weg die Treppen hinauf auf ein parkdeckartiges Dach geführt hatte, sagte ich: „Es ist fast, als könntest du Gedanken lesen, vor allem die, die ich selbst kaum wahrnehme.“ – „Zuhören und Telepathie… wahrscheinlich nicht dasselbe.“ – „Also schön, meine wenig ich-bezogenen Antworten kommen wahrscheinlich daher, dass ich es nicht gewohnt bin, von mir selbst zu sprechen. Mangelnde Gewohnheit oder mangelnder Mut, oder beides. Ich bin es nicht gewohnt, dass man mir zuhört, oder dass sich jemand für meine Gedanken interessiert.“ – „Im Moment interessiere ich mich für dich.“ – „Entschuldige wenn ich gerührt bin, ich bin es wirklich.“ – „Warum entschuldigst du dich eigentlich für alles?“

„Findest du es nicht auch lustig, dass es ‚sich entschuldigen’ heißt? Als könne man sich seiner Schuld selbst entledigen. Das muss doch der andere tun, nicht? Und er kann es nur, wenn er der Meinung ist, ich habe tatsächlich eine Schuld.“ – „Ich glaube, ich weiß, was du meinst, aber warum beginnst du immer mit dem Fazit? Was für ein Beispiel hast du denn im Kopf?“ – „Okay, Beispiel. Nehmen wir an, ich trete jemandem auf den Fuß und sage artig mein ‚Entschuldigung“. Nehmen wir weiter an, dass ich nicht weiß, dass es ein Holzfuß war. Er blickt mich also verständnislos an und fragt: ‚Wofür?’. Ich kann mich also nicht ent-schuldigen, die Schuld kann nur er mir erlassen, und das geht nur, wenn er glaubt, dass ich eine Schuld habe.“ – „Aha. Du antwortest auf seine Frage also: ‚Ich dachte, dass ich Ihnen auf den Fuß getreten bin, aber es scheint ja nichts passiert zu sein.’ Er wird auf seinen Fuß blicken und den hässlichen Fußabdruck auf seinem frisch polierten Schuh sehen. Dann sagt er: ‚Was, nichts passiert? Sie sind mir auf den Fuß getreten!’. Jetzt kannst du nur noch hoffen, dass du mit deinen zwei gesunden Füßen schneller laufen kannst, als er mit seinem Holzfuß, denn er ist einsneunzig und Bodybuilder.“ – „Wenn er das nicht wäre, hätte ich mich gar nicht erst zu entschuldigen versucht.“ – „Ein klassisches Dilemma.“ – „Tragisch.“

„Wenn das Problem darin liegt, dass keiner dir zuhört, warum stellst du dir dann Fragen danach, wie man dir zuhört?“, fragte sie mich, während wir die Wendeltreppe aus blau lackiertem Stahl hinuntergingen. Jeder Schritt hallte und brachte die ganze Konstruktion leise zum Zittern. „Warum fragst du?“, fragte ich, und sie sagte „oh“.

Die Sonne hatte sich verschluckt, der Tag war zu Ende gegangen und wir hatten uns verabschiedet; jeder war in die Halbheit seiner Welt zurückgekehrt, während der Mond blass die leer zurückgebliebene Nacht ausleuchtete.

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3 Kommentare

  1. Phil said,

    gemerkt. gutes stichwort. ein satz lieferte das stichwort für einen längst fälligen beitrag bei mir … 😉

    merci!

  2. gnaur said,

    Man hilft ja gern. Welcher war´s denn?

  3. Phil said,

    „eingeengte Sichtweise“ – Stichwort für ein paar vielleicht böse Zeilen 😉

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