Mein Leben mit mir selbst (10)

8. August 2007 at 0:48 (Spezifisch)

WelttraumDer Morgen begann eigentlich gut. Eine große Kanne Kaffee für mich, LamdaTod auf voller Lautstärke und schön lang duschen. Aber dann war plötzlich die Mucke weg, und als ich übellaunig und klatschnass aus dem Bad kam, saß da Gerry mit dunklen Augenringen und beschwerte sich, dass ich ihn um unmögliche Dinge bitte. Künftig würde er sich von mir nichts mehr sagen lassen und stattdessen mich schicken, wenn es was zu tun gäbe. Ich solle ihm nicht weiter ins Handwerk pfuschen und diese grausame Musik nicht mehr anmachen, sagte er. Ich habe nicht darauf geantwortet und weitergeduscht.

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Es muss etwas geschehen. Selbst die Mäuse lassen sich nicht blicken, wenn er da ist, und er ist fast immer irgendwo unterwegs. Heute hat er die überfluteten Teile des Maschinenraums abgedichtet und dann trocken gelegt. Das hätte ich auch geschafft, aber ich musste ja zuerst die Boje bauen. Trotzdem führt er sich auf wie mein Retter und behandelt mich wie einen Vollidioten. Zumindest ist es nicht sehr heldenhaft, einen Idioten in Unterhose zu retten, der zudem gar nicht von diesem Egomanen gerettet werden will. Seltsamerweise tröstet mich der Gedanke nicht.

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Dieser Mörder. Er hat Kriemhild deinstalliert. Kriemhild! Deinstalliert! Um Systemressourcen frei zu machen! Zum ersten Mal bin ich wirklich wütend geworden, aber er hat meinen Ausbruch nur mit einem Achselzucken quittiert und mir einen Speicherkristall mit dem „Backup“ in die Hand gedrückt. Ich rede nicht länger mit ihm.

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Während mir Mr. Gerry Poman seit einer geschlagenen Stunde erzählt, wie er die Nasenroboter auf Neurosis III im Blindflug ausradierte, während er parallel an der Installation eines Druckkonverters für den Unterwasserbetrieb der Triebwerke bastelt, habe ich in aller Ruhe Brutus eine kleine Absurditätsschleife einprogrammiert. Mal sehen, wie lange es dauert, bis er sie findet. Eben klagte Gerry darüber, wie schwer es sei, fähige Ghostwriter für alle seine Abenteuer zu bekommen. Übrigens war er nur auf Neurosis III unterwegs, weil er dort einen Termin mit seinem Verleger hatte. Und ich dachte, ich sei der, der sich seine Probleme selber macht.

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Gerry hat fast – leider nur fast, wie ich sagen muss – einen Herzanfall bekommen, sagte er sagte zumindest. Dann warf er mir Worte wie „unverantwortlich“, „wahnsinnig“, „total bekloppt“ und „Scheiße“ an den Kopf, und nach einiger Zeit fand ich heraus, dass sein Anfall im Zusammenhang mit meiner aktuellen Mausefalle stand. Dabei hatte ich eigentlich nichts weiter getan, als Laderaum eins und drei zu verminen und ein paar Flammenwerfer zu installieren. Die Krönung meiner Konstruktion war jedoch die vollautomatische Klebersprühdüseninstallation, deren feiner Klebernebel die Mäuse festpappen sollte. Sie hatte Gerry an der Luke zum Laderaum festgepappt, wofür er mir eigentlich hätte dankbar sein sollen, denn während seiner zweistündigen Befreiungsaktion hatte er genug Zeit, die Minen zu bemerken. Er aber ließ mein Mäuseargument nicht zu. Zumindest konnte Brutus ihm bestätigen, dass ich seit längerem auf Mäusejagd war, er stieß mir aber sogleich das Messer in den Rücken als er anfügte, dass es an Bord gar keine Mäuse gäbe. Verräter. Gerry schließt jetzt beim Schlafen die Tür ab. Soll er doch. Mir glaubt hier ja ohnehin keiner mehr.

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Ich bin gegangen. Ich habe mein Ränzlein gepackt, alle meine Daten auf einen Speicherchip verschoben, Kriemhild und ein paar Tüten Chips eingesteckt und habe mich, während Gerry schlief, davon gemacht. Ich gebe zu, das war vielleicht nicht sehr ehrenhaft, aber in seiner Rettungskapsel war kein Platz für zwei, und zuvor war über konventionellen Funk eine Anfrage von einem im Orbit kreisenden Weltraumfrachter gekommen, ob noch Bedarf an Rettung bestünde, und warum ich über Hyperraumfunk nicht mehr erreichbar sei. Also habe ich Gerry sowohl seinen Schlaf als auch seine unvollendeten Heldentaten gelassen – wie hätte ich ihn wecken sollen? Er hatte sich doch eingeschlossen – und bin in die Umlaufbahn gestartet, wo ich alsbald an Bord der „Marianne Marlborough“ ging. Ich denke, dass er das Schiff bald repariert haben wird. Er hat auf jeden Fall noch 68 Jahre Zeit.

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Wir fliegen. Man hat mir ein eigenes Quartier zugewiesen, denn das Schiff ist ziemlich geräumig, so dass man sich kaum über den Weg läuft, wenn man nicht will. Es hängt auch damit zusammen, dass die Hälfte der fünfköpfigen Crew bereits gestorben ist, weil die Reise schon an die zwanzig Jahre dauert. Ich habe mich nicht getraut zu fragen, was genau mit dem Zweieinhalbten passiert ist. Dann verteilte ich meine Gastgeschenke, die Chips; und der greise Kapitän wies mir schließlich, zufrieden mampfend, den gleichen Job wie auf Mathilda zu: ich darf wieder Schiffskoch sein.

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Als erstes habe ich Bier und Chips von der Speisekarte gestrichen.

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Wir sind nun auf dem Weg gen irgendwo. Es gibt da eine Station im östlichen Pferdesalaminebel, wo die Zigaretten ausgegangen sind. Ich habe es mir erklären lassen: nachdem ihnen die Zigaretten ausgegangen waren, schickten sie eine Bestellung zweiundzwanzig Jahre in die Vergangenheit. Ganz einfach. (Natürlich kann man nicht zurück in die Vergangenheit, aber man kann eine Nachricht per Hyperraum in die Zukunft schicken, und da die Zeit ja bekanntermaßen im Kreis verläuft, kommt sie eben gestern an). Man müsste also sagen, dass es eine Station ist, der die Zigaretten ausgegangen sein werden, sobald wir dort eintreffen. Entsprechend ist die voraussichtliche Restflugzeit zwei Jahre. Zwei ruhige, entspannte Jahre auf diesem schönen, großen Schiff, wo ich mein Leben in aller Ruhe leben kann, mit ein paar Tattergreisen, die mich einerseits daran erinnern, dass ich nicht die einzige Seele im Universum bin, die andererseits nur nerven, wenn ich sie darum bitte. Ein Leben also, welch ein Glück, nicht ganz nur mit mir selbst.

Ende


Wie versprochen: Die gesamte Geschichte als PDF (204 kB). Hey, ich habe sogar ein hübsches Cover gebastelt! Wat bin ich stolz. Und um ehrlich zu sein, ich bin froh, dass ich das Ding abgeschlossen habe, erstens, weil es einfach irgendwie befriedigend ist, etwas, das man angefangen hat, auch zuende zu bringen; zweitens, weil ich mich hier jetzt wieder mehr auf ernsthafteres Schreiben konzentrieren kann.

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