Zur nervigen Ruhm- und Moraldiskussion

19. August 2007 at 16:27 (Spezifisch)

Mir geht die ganze Ruhmesdiskussion gewaltig auf den Keks; der Herr Gernahrdt, der zwar nicht mit Unrecht aber mit enervierender Vehemenz die ganze Bagage der selbstverliebt Bescheidenen vorführt, es geht mir auf den Keks, dass in den Werken, und schlimmer noch, in der Person eines Poppers seine eigenen moralischen Ansprüche als moralisierend entwertet werden, um hier nur zwei Extrempunkte der Diskussion zu nennen, zwischen denen sie sich größtenteils abzuspielen scheint. Mir erscheint sie wenig fruchtbar, die Frage falsch gestellt, das Sujet falsch gewählt, oder, wenn doch nicht falsch, so zumindest unglücklich, denn wer als Künstler über Künstler, bzw. als Philosoph über Philosophen spricht, der kann sich selbst schlecht ausnehmen, und läuft damit notwendigerweise in einen Zirkelschluss.

Die Lösung müsste demzufolge darin gesucht werden, nicht als Künstler oder Philosoph, sondern als Außenstehender das Thema anzugehen. Der Betrachter schließt sich aus der Betrachtung aus und begibt sich damit auf eine Metaebene. Damit aber handelt es sich plötzlich um eine Sozialstudie mit eingeschränktem Untersuchungs- und Geltungsbereich, oder anders gesagt, aus der subjektiven Untersuchung wird eine „objektive“. Im Verlauf der Sektion des Themas landet aber früher oder später die Moral in der Nierenschale, und dann beginnt das Problem der Reziprozität erneut: wer Moral untersucht, muss moralische Maßstäbe anlegen, und damit entpuppt sich die schöne Objektivität letztlich als Schein und der Untersuchende als gar nicht mehr objektiver Kannibale.

Dieser Rollenwechsel des Betrachters erfolgt allerdings gar nicht durch ihn, der sich ja vom Sujet ausgenommen hat, sondern durch den Rezipienten seiner Gedanken. Man müsste also argumentieren, dass der Grund für das Versagen der Untersuchung in der Wahrnehmung seiner Untersuchung liegt, nicht in der Untersuchung selbst, denn der Wahrnehmende ist es, der das Untersuchungsergebnis auf den Untersuchenden anwendet und damit erneut den scheinbaren Verstoß gegen die elementaren Regeln der Logik in Form eines Zirkelschlusses evoziert.

Natürlich tut er das nicht aus Langeweile, sondern aus der Überlegung heraus, aus den deskriptiven Aussagen des Untersuchenden auf seine eigenen normativen Beweggründe zu schließen, und damit schließlich auf seine Glaubwürdigkeit. Es wird deutlich, dass das das Glaubwürdigkeitsproblem des Schreibenden, besser, das Glaubwürdigkeitsproblem des selbst Betroffenen so nicht lösbar ist. Um das Beispiel zu Ende zu denken: der einzige Weg, das Problem der Glaubwürdigkeit zu umgehen wäre, nicht darüber zu schreiben.

Immerhin, das ist Unsinn. Es müsste ja aus diesem Umstand geschlossen werden, hier könne es keine Erkenntnis geben, nichts könne gesagt werden. Ich halte das für einen verlockend nahe liegenden und grundfalschen Gedanken. Es bleibt, mangels Alternativen, tatsächlich zunächst nur der Schritt auf eine Metaebene, wo die Untersuchung stattfindet, die Synthese aber erfolgt hier noch nicht.

Eine mögliche Metaebene ist die Betrachtungsweise des Problems nicht mit den Mitteln der streng zweiwertigen Logik, sondern mit den verfeinerten Methoden der Statistik. Es lässt sich damit sodann eine Unbestimmtheitsrelation konstruieren, in der sich der einzelne Betrachter als unbestimmtes Element einer bestimmten Regelmäßigkeit darstellen lässt, oder, in der sich der Betrachter als bestimmtes Element einer in diesem Fall nicht bestimmbaren Menge zeigt. Das ist eine hübsche, sogar recht wissenschaftliche Betrachtungsweise, leider krankt sie noch daran, dass der Gegenstand der Betrachtung ein Gegenstand der Moral ist, und solange Moral als universell gesehen wird, ist hier keine wirkliche übergeordnete Basis der Betrachtung möglich.

An dieser Stelle ist die Lösung nun aber auf Seiten des Rezipienten zu suchen, und zwar schlicht in der Überwindung der Sicht von Moral und Moralträger als Einheit. Die Aufspaltung in abstrakte, allgemeine moralische Grundsätze auf der einen, individuelle und subjektive Moralinterpretation auf der anderen Seite führt im ersten Schritt zu einer Isolierung des über Moral Schreibenden, welcher im zweiten Schritt unbeschadet der inhaltlichen Qualität seiner Aussagen denselben unterworfen werden kann, dies aber, Schritt drei, gar nicht mehr nötig ist, da eine Aussage über seine Qualitäten keinen Rückschluss mehr auf die Qualität seiner Aussagen zulässt. Die Trennung zwischen Medium und Inhalt ist der Schnitt, der der Reziprozität das Paradoxon nimmt.

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