Irgendwie nicht normal

20. August 2007 at 14:08 (Spezifisch)

Am dreizehnten August wurde der Blumenhändler Arno P. während des Bindens eines aufwendigen Blumenstraußes Zeuge des Gesprächs zweier Menschen, die sich vor seinem Laden unterhielten. Zwar konnte er die Sprechenden nicht sehen, da ihm die Hängegeranien die Sicht nahmen, im Verlauf des Dialogs unterliefen ihm dennoch mehrere Fehler beim Binden.

„Ist das eigentlich normal, dass ich dauernd an dieses Mädchen denken muss?“ – „Kommt drauf an… schuldet sie ihnen noch Geld?“ – „Äh, nein, ich glaube nicht. Aber ans Geld denke ich gar nicht.“ – „An was denken sie denn?“ – „Na, an sie eben. Einfach nur an sie.“ – „An mich?“ – „Ähm, nein.“ – „Ach so, sie reden noch vom Mädchen, Entschuldigung.“ – „Wissen sie, ich denke auch an andere Leute; weiß ich, an meinen Chef, an den Gemüsehändler. Und natürlich an meine Freunde. Aber das ist immer… also meistens, also eben nicht immer, eher manchmal, und dann vergesse ich sie wieder, natürlich nicht vergessen, nur, ich höre dann auch wieder auf. Aber dieses Mädchen, an das denke ich dauernd… also auch nicht ständig, ununterbrochen, ist ja klar, ich meine, man muss sich ja auch auf das konzentrieren, was man gerade tut, aber sobald meine Gedanken eine freie Sekunde haben – zack – da fällt sie mir wieder ein.“ – „Ach du liebe Güte, das ist aber nicht normal.“ –

„Wirklich?“ – „Ich kann ja nur für mich sprechen, aber ich denke nicht so obsessiv an immer die selbe Person. Wie fühlen sie sich denn?“ – „Gerade jetzt?“ – „Eigentlich eher wenn sie an sie denken.“ – „Ganz komisch irgendwie.“ – „Aha. Komisch. Sagen sie, was genau verstehen sie unter komisch?“ – „Naja, irgendwie unwohl fühl ich mich, ich werde dann ganz nervös, auch wenn ich gerade etwas mache, wo ich gar nicht nervös sein sollte, es… naja, das hört sich jetzt sicher auch komisch an, aber es kribbelt so irgendwie.“ – „Das hört sich allerdings komisch an. Sagen sie, wenn sie an dieses Mädchen denken, was denken sie da genau?“ –

„Schwierig, hm… Also wenn ich zum Beispiel koche, dann frage ich mich, ob ihr so was schmecken würde. Oder wenn ich etwas lustig finde, frage ich mich, ob sie das auch lustig finden würde. Ich hab heut zum Beispiel einen Dackel gesehen, so einen ganz fetten, den das Muttchen, der er gehörte, regelrecht an der Leine hinter sich her…“ – „Ja, ich verstehe schon. Sie verbinden ihre Gedanken unterbewusst mit dieser Person, und zwar bei ihren normalen Tätigkeiten.“ – „Ja, hm, ich glaub ja, oder nein, manchmal fällt sie mir nämlich auch einfach so ein, und ich versuche mir vorzustellen, wo sie gerade ist, oder was sie gerade tut…“ – „Aha, also nicht nur bei den normalen Tätigkeiten. Das hört sich für mich tatsächlich ziemlich nach Besessenheit an.“ – „Besessenheit? Das ist aber keine Krankheit oder so, …oder?“ – „Kommt drauf an, würde ich sagen. Wie oft sehen sie sie denn?“ –

„Sie meinen, in echt?“ – „Äh, ja, in natura.“ – „Also eigentlich gar nicht. Ich wollt sie ja auch schon mal anrufen…“ – „Tatsächlich? Das ist ja interessant.“ – „Ja, aber dann hab ich gemerkt, dass ich ihre Telefonnummer gar nicht hab. Kein Problem, dachte ich mir, hab im Internet geschaut, Telefonbuch Online, und als ich nix gefunden habe, hab ich gegoogelt um mehr über sie rauszubekommen, also, mehr als das, was ich schon wusste, da war schon einiges, und dann hab ich versucht mir da ein Bild draus zu machen, und überlegt, wie ich von da aus an die Nummer komm. Dann hab ich…“ – „Das haben sie alles gemacht!?“ – „Ja, naja, aber ihre Telefonnummer hab ich nicht gefunden.“ – „Ich möchte ihnen nicht zu nahe treten, aber sie sind schon beinahe ein Stalker. Sie sollten sich ernsthaft einen Psychologen suchen, der ihnen hilft, und zwar, bevor etwas passiert.“ – „Etwas passiert?“ – „Ja, etwas Schlimmes. Gehen sie zum Arzt. Am besten noch heute!“ –

„Oh Gott, ich wusste ja nicht… Dann muss ich ja jetzt… aber…“ – „Schieben sie es nicht auf. Ich meine es ernst.“ — „Oh, äh, wie bitte?“ – „Wie, ‚wie bitte’; ich meine das Ernst.“ – „Äh, ja, nein, Entschuldigung, ich hab mich gerade gefragt, was sie wohl denkt, wenn sie hört, dass ich so bin… so… so irgendwie nicht normal.“ – „Was würden sie denn denken?“ – „Sie meinen, wenn sie, wenn sie so…“ – „Wenn sie so obsessiv wie sie veranlagt wäre.“ – „Ja, ich… ich würd wohl drüber nachdenken, glaube ich.“ – „Sie denken ohnehin den ganzen Tag an sie. Was noch?“ – „Ich glaube, ja, ich würde ihr helfen wollen.“ – „Sehr gut. Dann helfen sie sich jetzt mal selbst indem sie zum Arzt gehen.“ – „Ja, also wie sie das so sagen… ich glaube sie haben Recht.“ – „Ich denke auch, und ich denke sie haben Glück, dass sie mich getroffen haben.“ – „Danke. Vielen Dank. Auf Wiedersehen dann!“ – „Alles Gute.“

Update: Ein paar inhaltlich sinnlose aber lesbarkeitsfördernde Absätze eingefügt, damit auch geheime Raketenwissenschaftler mitkommen.

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