Primel, Zweiter Akt

24. September 2007 at 20:31 (Spezifisch)

Das Glas ist immer halb leer für mich, antwortete er, und ich bemerkte mit einem Seitenblick auf seinen Cocktail, naja, eigentlich ganz leer. Man konnte sehen, wie sein Kopf noch ein bisschen tiefer zwischen die Schultern sackte, er angelte sich eine Zigarette aus dem Päckchen, wurde aber vom Barkeeper daran erinnert, dass hier Rauchverbot war. Komm Alter, sagte ich und klopfte ihm auf die Schulter, das Ganze ist doch nicht so schlimm, sieh halt mal die guten Seiten. Hast jetzt viel mehr Zeit für dich, kannst die Wohnung mal in Ordnung bringen oder dir ordentliche Klamotten kaufen. Er stierte auf das Glas in seiner Hand und die einzige Reaktion, die er zeigte, war ein leichtes Schwingen nach vorn, was aber wahrscheinlich vom Schulterklaps kam. Hey, komm, bestell dir doch einfach noch nen Cocktail, dann ist das Glas zumindest wieder ganz voll, sagte ich, er nur: ich dann auch. Nee, korrigierte ich, erst wenn das Glas wieder leer ist. Er ignorierte die Logik und mich. Barmann, rief ich, mach mal’n Klavier on the Rocks und ne Kindercola für die Partybombe hier! In diesem Moment stand die Partybombe auf und ließ mich mit meinem Humor und meinen zwei Drinks in spe allein.

Er ging zwei Meter weit, blieb dann neben einer Box stehen und schaute auf die Tanzfläche. Ich konnte sein Gesicht im Profil sehen und plötzlich hellte sich seine Miene von total deprimiert auf ansatzweise erstaunt auf, zumindest sah das so aus, wie er die Augenbrauen plötzlich hob und gebannt in eine Richtung schaute. Ich versuchte seinem Blick zu folgen, sah aber nur eine Menge Abiturienten, ein paar Leute am Rand der Tanzfläche und den DJ, der hinter den Turntables den Dicken markierte. Und dann sah ich Agatha. Alles klar, dachte ich, der ist durch für heute. Seine große Liebe, die er nie bekommen hat, jeder weiß es, nur sie nicht. Seine Biene hatte ihn wenigstens für ein paar Wochen abgelenkt, aber nachdem sie ihn vor ein paar Tagen in die Wüste geschickt hatte, war jetzt wohl wieder Status quo angesagt.

Zwei Minuten später war Agatha weg und Partybombe wieder da. Er reagierte nicht mal dankbar, als ich ihm den Long Island zuschob, den ich fürsorglich schon mal geordert hatte, trank nur. Halbvoll, versuchte ich den alten Faden wieder aufzunehmen, aber er hatte schon wieder ausgetrunken. Komm Alter, versuchte ich es neu, wenigstens bist du über Biene weg. Er zuckte nicht einmal. War wohl schon zwischen prall und ganz weg.

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