Keine gute Idee

18. Dezember 2007 at 19:50 (Spezifisch)

…war es, in Hanau ausgerechnet diesen Text zu lesen, hab mich schon nach der ersten Zeile geärgert. Hätte gern auch noch was Lockeres und/oder Gereimtes unters Volk gebracht. Momente wie diese sind ein bißchen im „si tacuisses…“ Stil, ich meine jetzt nicht unbedingt philosophus, aber doch irgendwie freundlicher oder einfach gemischter mansisses. Hier ist der Text.

„Keine Gute Idee“, dachte ich, als ich sah wie Helmut sein Hemd zerriss, den Mülleimer über den Kopf stülpte und dann begann, gegen die geschlossene Tür anzurennen. Zwei, Dreimal donnerte er, den Kopf voran, mit aller Macht dagegen, dann ging er zu Boden und blieb vor der immer noch geschlossenen Tür liegen. „Helmut…“, rief ich mit besorgtem Ton in der Stimme, aber er reagierte nicht. Seufzend stand ich auf, nahm die Yuccapalme und begann ihn damit zu streicheln bis er anfing zu bluten.

Maiglöckchen, dachte ich dabei, die sind wohl nichts für ihn. Aber was hätte ich sonst tun sollen? Es war ein schwieriges Gespräch gewesen. Von Anfang an hatte er dagesessen, auf der untersten Stufe der Trittleiter gegenüber meines Schreibtisches, und von dort hatte er, fahrig gestikulierend zu erklären versucht, was ihm an der Arbeit in der Abteilung nicht gefiel.

„Die Zündschlüssel zum Beispiel“, hatte er gesagt, „die zünden gar nichts, die liegen hier rum und man tritt drauf, und das tut weh, und das müsste gar nicht sein, weil…“ – „Helmut“, hatte ich ihn unterbrochen, „willst du andeuten, dass du gerne Schuhe hättest?“ – „Nein, ich meine, verstehen Sie, Herr, weil wir die Zündschlüssel hier haben, und das sind Schmerzen, nicht gerade bei einem Mal, aber so auf die Dauer, und wir bräuchten sie doch eigentlich gar nicht…“ – „Du meinst, die Zündschlüssel, die ich im Rahmen der Prozessnovationen eingeführt habe werden nicht gebraucht; meinst du?“ Er stockte. „Nein, ich meine sie werden, aber ich muss doch nicht…“ – „Also benutzt du sie nicht?“ – „Doch, sicher, aber ja nicht immer alle auf einmal, und die anderen, die hier immer rumliegen…“ – „Wer liegt hier rum?“ – „Na, die Zündschlüssel!“ – „Helmut…“ – „Entschuldigung, Herr, ich meine niemand liegt hier herum, nur die Zündschlüssel, Herr, die schon, Herr.“ – „Aha. So so…“, hatte ich gemurmelt und mir bedächtig das Kinn mit der Faust massiert ohne ihn aus den Augen zu lassen. „Also, du willst dann Schuhe, ja?“ Er hatte so laut aufgeseuzt, dass es sich wie ein Schluchzer angehört hatte. „Ja, Herr. Ja, gut, Schuhe will ich. Ich meine, möchte ich, Herr, Schuhe.“

„Helmut, du kommst zu mir und du fragst mich nach Schuhen. Hast du dir mal darüber Gedanken gemacht, wie fair das gegenüber deinen Kollegen ist? Überleg mal, du fragst mich ganz persönlich nach Schuhen für dich, aber bin ich nicht für das Wohl aller verantwortlich? Was würden die anderen wohl sagen, wenn ich dir Schuhe gebe, ihnen aber keine?“ Er wurde blass und antwortete nicht. „Glaubst du das ist fair von dir, Helmut?“ – „Herr“, stammelte er, „vielleicht… ich meine, vielleicht könnten sie ja für die anderen auch…“ seine Stimme erstarb unter meinem kühlen Blick, doch dann holte er plötzlich Luft und begann neu. „Herr, es geht doch gar nicht um Schuhe…“ Ich sah ihn schweigend an, die Brauen leicht gehoben. „Es geht doch um… um…“ Langsam zog ich die Brauen zusammen. „…um Zündschlüssel… unter anderem…“ beendete er schließlich ganz leise.

Eine zeitlang sagte ich nichts, und Helmut schwieg. Er saß mit gesenktem Kopf auf der untersten Stufe seiner Leiter und blickte abwechselnd seine Handflächen, die Yuccapalme und seine nackten Füße an und nur gelegentlich hob er kurz den Kopf zu mir, um ihn sofort wieder sinken zu lassen. „Helmut“, fuhr ich schließlich fort, „eben noch habe ich mit dir über Schuhe geredet, und nun sagst du, es geht nicht darum? Ich frage dich ganz unter uns, Helmut, warum hast du dann damit begonnen?“ – „Aber… aber sie haben doch damit begonnen… Herr.“ – „Ach so, ich habe das. Hm. Und wenn ich damit begonnen habe, Helmut, dann frage ich dich weiter: glaubst du, dass ich am Thema vorbei rede? Glaubst du, dass ich mir nichts dabei denke, wenn ich etwas sage? Helmut, ich frage nur.“

Er sprang auf, setzte sich aber gleich wieder hin und rutschte nervös hin und her, während er gleichzeitig die Hände um die Rohre der Leiter krampfte. „Herr“, rief er, „die Zündschlüssel sind ja nur das eine, es gibt so viel was uns bedrückt, ich meine, was uns die Arbeit erschwert; da sind die Motten, die das Papier und die Akten fressen und die um die Glühbirnen flattern und dann tot auf unsere Bastmatten fallen, da sind die Ventilatoren, die so laut brummen, ja, einer quietscht sogar sehr, und ein anderer hat unsere Abteilungskatze letzten Monat das Leben gekostet. Und ohne die Katze haben wir wieder viel mehr Mäuse als sonst, und die fressen nicht nur Papier sondern auch unsere Rationen, und wir haben Hunger. Und die tote Katze stinkt ganz fürchterlich, Herr, und ein Fenster aufmachen, wie uns der Herr Oberbuchhaltungsassistent empfohlen hat können wir doch auch nicht, denn bei uns im Keller sind ja gar keine. Herr, ich will nicht jammern, und wir sind alle sehr genügsam. Auch die Bezahlung ist sehr gut, Herr, aber wir könnten alle sicher viel leichter und bestimmt auch mehr arbeiten, wenn es ein wenig mehr Licht und Essen hätten. Und wenn es vielleicht etwas wärmer und weniger feucht wäre, Herr, auch wenn ich zugeben muss, dass die Akten nicht mehr in den Pfützen nass werden sobald die im Winter gefrieren.“

Er seufzte tief und sackte förmlich in sich zusammen. Ich hatte seinen Ausführungen schweigend gelauscht, ich musste lauschen, denn als ich mich wieder meinen Papieren zuwenden wollte, war er immer lauter geworden. Jetzt, da er schwieg, antwortete ich. „Helmut, schau dich einmal um“, sagte ich. Er sah sich fragend um, folgte meiner Handbewegung und lies den Blick über die kahlen Betonwände streichen, über die Yuccapalme, den Mülleimer aus Blech und über den altersschwachen Schreibtisch, dann, zum Fenster, hinter dessen trüben Scheiben sich die graue Stadt abzeichnete. „Siehst du“, antwortete ich, „ich habe es hier oben auch nicht viel besser. Die Firma gibt alles für die Löhne aus. Es ist kein Geld da! Wir wollen ja helfen, aber uns sind die Hände gebunden. Helmut, es tut mir leid.“ Er schüttelte den Kopf apathisch und begrub schließlich das Gesicht in den Händen.

„Helmut“, fuhr ich tröstend und versöhnlich fort, „wenn ihr euch ein wenig mehr anstrengt geht es der Firma sicher bald besser, und dann ist auch wieder mehr Geld da. Und da ich sehe, dass du es ernst meinst, Helmut, bist du ab sofort Mappen-Inspektions-Glockenläuter, und darfst die An- und Ausfertigung der Aktenmappen überwachen. Du weißt ja, wenn alles in Ordnung ist wird das Glöckchen geläutet damit es alle wissen. Du kannst dich beweisen! Alles was ich erwarte ist eine messbare Produktivitätssteigerung, messbar im Sinne von zweistelligen Prozentzahlen, von der – ich verspreche es! – direkt ein großer Teil der Abteilung zugute kommt. Na, ist das nichts?“ – „Ein Maiglöckchen!“, schrie er mir entgegen, und dann, in wildem Gelächter, „Maiglöcken!“ Er war aufgesprungen und hatte dabei fast die Leiter umgestoßen, führte einen zuckenden Tanz vor meinem Schreibtisch auf, und dann war schließlich die Sache mit dem Hemd und dem Mülleimer passiert.

Ich stellte die Yuccapalme wieder an ihren Platz, ging zu meinem Schreibtisch zurück und setzte mich seufzend. Noch einmal warf ich einen Blick auf den leblosen Körper, schüttelte den Kopf und seufzte leise. Dann setzte ich meine Arbeit endlich fort.

Advertisements

4 Kommentare

  1. Erdge Schoss said,

    Dabei, werter Herr Gnaur, ist’s so ein feines Stück.

    Herzlich
    Ihr Erdge Schoss

  2. Scheibster said,

    Ganz ehrlich, sowohl der Text an sich als auch die Darbietung war überaus stimmig. Mir hat’s prima gefallen, und in den Rahmen hat’s gepasst.

    Punkt.

    Hinfort mit Ihrer Selbstkritik, mein lieber Herr Gnaur, hinfort!

  3. christian s. said,

    dem kann ich mich nur anschließen. von wegen, keine gute idee.

  4. gnaur said,

    Da kann ich nur noch leise sagen „plöpp“, und dann, mit weinerlicher Stimme fortfahren „aber, aber…“ um dann schließlich kleinlaut zu nuscheln „…so ein Gedichtchen wäre doch sicher auch… und so… vielleicht, …ganz nett… gewesen“.

    Abgesehen davon bin ich in arge Begründungsnot im Hinblick auf die Zündschlüssel gekommen. Lesson learned: Absurdität sollte man als solche, stilistisch korrekt, kenntlich machen. Und: es wird Zeit, einen Text über Absurdität zu schreiben. So gesehen – super dass ich das gelesen hab. Toll.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: