Das Märchen vom kleinen Gigant

21. Dezember 2007 at 0:14 (Spezifisch)

Es wird einmal gewesen sein, vor langer Zeit, da herrschte ein großer Krieg. Hügelige Gebirge mächtiger Schutthalden erhoben sich wo einst Städte waren, und in den Spalten und Ritzen des Gewirrs aus verbogenen Stahlträgern, Beton und Resten von Plasmafernsehern lebte Vidad, die Maus. Vidad war eine dunkelbraune Maus, und Mama Maus musste beim Konservendosensuchen mit ihren dreiundzwanzig Kindern aufpassen, dass ihr die kleine Vidad nicht versehentlich aus den Augen geriet. „Vidad!“, rief sie dann, „Bleib bei uns sonst findet Dich der große Mülltreter noch!“ Der große Mülltreter war nämlich ein riesiges Wesen in grauer Stahlmontur, das zwischen den Halden herumstapfte und trampelte und wenn kleine Mäuschen nicht folgsam waren, dann sagte man, er suche nach ihnen. Alle hatten große Angst vor ihm und der alte Tork, die Ratte von nebenan, behauptete sogar er habe einmal gesehen, wie der Riese gewaltige Feuerstöße aus seinem Hightech-Schießgewehr abgegeben hatte.

Eines Tages waren die Mäuse wieder einmal dabei eine Konservendose mit ihren scharfen Zähnchen aufzunagen als plötzlich der Boden zitterte und die Dose in eine Ecke rollte. Und während sie zwischen einem großen Stein und den Trümmern einer Kloschüssel stecken blieb, liefen die Mäuse verängstigt durcheinander und huschten in irgendwelche Löcher und Ecken. Vidad hingegen blickte nach oben und sah einen Schatten vorbeihuschen, und der Boden bebte unter donnernden Tritten. Das musste der große Mülltreter sein! Wie lange hatte sie auf diesen Tag gewartet! Wie lange schon hatte er ihnen allen Angst gemacht, besonders ihrer Mama, die dauernd von ihm sprach, und nun war er da, und sie würde ihn besiegen.

Vidad lief flink durch ein Loch in einer fast waagerecht liegenden Wand, und dann einen langen Stahlträger hinauf, über einige große Steine, hüpfte über eine klaffende Spalte im Boden und landete auf einem leeren Zigarettenautomat, direkt zu Füßen des großen Mülltreters. Seine riesigen, klobigen Füße waren ganz aus Metall, und seine Beine schienen in den Himmel zu wachsen. Darüber ragte sein gepanzerter Leib auf, und sie konnte den Kopf mehr erahnen als sehen. Das Schießgewehr hingegen hielt der Gigant hoch im Anschlag, und der Schatten fiel auf den verbeulten Automaten und auf Vidad, die wütend ihre zur Faust geballte Pfote schüttelte.

Der Gigant senkte den Blick und betrachtete den Zwerg, der vor ihm stand. Höhnisch blitzte es in seinen Augen, starr und verachtungsvoll grinste sein Helmvisier dem Däumling entgegen, der dort in seiner Blechrüstung auf dem Hügel aus Schutt auf einem verrosteten Zigarettenautomaten stand und das Gewehr im Anschlag hatte.

Dann schoss der Mülltreter, die Titankugel blitzte, schlug ein rundes Loch in das verächtliche Grinsen und brachte das Funkeln der Augen des Giganten zum erlöschen. Er zitterte, stand starr, doch bewegte er sich, kaum merklich zunächst, aber er fiel, fiel vornüber, begrub den Mülltreter, den Zigarettenautomat und alles andere donnernd unter sich.

Da waren die Mäuse sehr traurig, als sie sahen, dass nach dem Erdbeben ihre kleine Schwester Vidad verschwunden war, und sie befürchteten schon das Schlimmste. Doch die winzige Vidad wand sich durch die zerborstenen Platten und biß sich durch die verhedderten Kabeladern. Es dauerte fast einen halben Tag, doch dann stand Vidad – zerzaust, aber unversehrt – plötzlich wieder im Mäusenest. Da war war die Freude natürlich riesig, als Mama Maus ihre Kleine wieder hatte, die Kleinste und doch die Mutigste von allen. Denn Vidad war, als einzige ohne Furcht, ganz allein dem großen Mülltreter entgegengetreten, hatte ihn in eine Falle gelockt und unter einem gigantischen Berg von Stahl, der dort vom Himmel fiel, zerschmettert. Selbst der alte Tork konnte nicht umhin zuzugeben, dass er so etwas noch nicht gesehen hatte. Lange noch blieben die Mäuschen an diesem Abend wach und Vidad musste ihre Geschichte wieder und wieder erzählen bevor sie endlich alle im kuschligen Nest einschlummerten.

Nachdem aber der große Mülltreter nun besiegt war, lebten die Mäuse glücklich und zufrieden, und falls sie nicht beim letzten Nuklearschlag gestorben sind, dann leben sie wohl noch heute.

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3 Kommentare

  1. GreenStorm said,

    Hm. Großes HM.

  2. gnaur said,

    Bin immer offen für Kritik – wo hakelt es denn?

  3. Nyme said,

    Toll. ^^

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