Die Ruhe in der sich das unsichtbare Seil strafft und zu zerreißen droht

21. April 2008 at 0:05 (Spezifisch)

Der Regen tropfte bedröppelt durch die halbleere Nacht, und den Halbmond hatte ich auch schon ganz versoffen. Draußen schliefen Autos leise hupend miteinander und ich saß hier drin, inmitten eines halben Päckchens Kippen, das ich in Rauch aufgelöst hatte. In einem Wort – es war alles ganz furchtbar halb, und ganz schrecklich überhaupt. In dieser Stimmung, und in dem Moment als ich apathisch einen Eiswürfel aus dem ansonsten leeren Glas in den zuvor halbvollen Aschenbecher rutschen ließ, traf mich Stefffi an. Stefffi, die wesenlose Schönheit mit drei F. Sie erschien selbstreferentiell in meiner Wohnung, doch statt mich zu trösten ignorierte sie mich zunächst eine Weile, was mich ein bisschen von meiner Melancholie ablenkte.

Dann begab sie sich in die Küche und warf dort ein paar Dinge aus dem Kühlschrank, die Gurken, den Käse, ein Bier. Ich hörte ihr dabei zu und seufzte vor mich hin, seufzte ein bisschen lauter, als sie zurückkehrte. Was ich zerschlagen konnte, hatte ich längst zerschlagen. Was kümmerte mich mein Kühlschrankinhalt. Umso erstaunter war ich, als sie unstet an mir vorbeidiffundierte und dabei eine Gurke vor sich herschubste. Ich hustete ein bisschen und bot ihr, während sie aus dem Fenster blickte, eine Zigarette an. Sie ignorierte mich weiterhin, was mich nicht erstaunte, also zündete ich mir die Zigarette selbst an. „Stefffi“, sagte ich schließlich, weil mir sonst nichts einfiel und das Gefühl hatte, dass sie mir das Gefühl geben wollte, es müsse langsam etwas gesagt werden, und zwar von mir. Doch sie drehte sich nicht um. „Hömma“, setzte ich neu an, „Ich habs am Splittern gehört, dass es mein vorletztes Bier war, und am Klatschen, dass es der Käse… aber die Gurken, Stefffi, die Gurken hatt ich ganz vergessen. Danke, dass du mich erinnert hast. Die waren längst fällig. Danke, dass du mich an diesen Teil meines Lebens…“ Sie wirbelte herum, so zwei, drei Mal, und blickte mich, glaube ich, eindringlich, zumindest aber durchdringend an und sagte: „Hömma mich nicht, und lass den Unsinn. Wo ist der Martini?“ Vor Erstaunen über die Gesprächswendung antwortete ich wahrheitsgemäß: „In mir drin“.

Damit war unser Gespräch nach nur zweieinhalb Sätzen abrupt tot, oder besser, unsere Interessen schienen auf einmal verdammt inkongruent zu sein. Um Stefffi zu beruhigen bot ich ihr ein Bier an (das letzte) doch sie erwiderte nur: „Ceno cetmarpe. Du bietest mir dein Bier an? Trinks selbst. Deine Umgebung ängstigt mich. Du auch. Ich brauche Alkohol mit Stil, keine Sprudelgerste. Und wieso unterstehst du dich zu unterstellen, dass Selbstreferentialismen nur unter der Voraussetzung materieller Existenz überhaupt, oder im luftleeren Raum der Logik theoretisch denkbar seien? Mir weder das eine noch das andere zuzugestehen macht dich zu einem Paradoxenschusterer sonder gleichen. Überleg es dir noch mal. Ob du das wirklich willst, meine ich. Ansonsten leck mich und sieh zu, dass ich hier Martini bekomme.“ Ich saß benommen, senkte den Kopf und sah zu wie sich der Eiswürfel im Aschenbecher schmolz.

Dann aber gab ich mir einen Ruck der mich vom Stuhl hob, tappte durch das Zimmer und angelte hinter den Möhren, die hinter dem Plattenspieler lagen, eine zweite Flasche Martini hervor, die ich dort einmal mit Bedacht deponiert hatte. Öffnen und Einschenken waren eins, und ich näherte mich Stefffi, der gewürzessigsauren Gurkenspur auf dem Boden folgend. Ich erinnere mich mit Erstaunen an das Gefühl gleichzeitig umarmt, möglicherweise geküsst zu werden, und im selben Moment von der selben Gestalt Glas und Flasche aus der Hand genommen zu bekommen. Als ich auf meinen Stuhl sank hatte ich jedenfalls einen leichten Martinigeschmack auf den Lippen und ein lavendelfarbenes Kribbeln im Hals.

Das Kribbeln blieb, im Gegensatz zu Stefffi, die ihren Besuch gegen ihre Abwesenheit eintauschte indem sie durch irgendwelche Wände oder Fenster diffundierte und mich schneller als erwartet ihrer Gegenwart enthob. Langsam, wie die Erinnerung an einen absurden Traum, sickerte die Erkenntnis in mein Bewusstsein zurück, dass die Welt, ja, die Welt im Allgemeinen und meine im Besonderen, eine ganz schreckliche, eine ganz halbe war. Das hatte ich fast vergessen. Es hatte aufgehört zu regnen.

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1 Kommentar

  1. Scheibster said,

    War sie nun halb da oder halb weg, die gute Stefffi?

    Sehr schön geschrieben!

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