Neben mir schluchzte es

11. August 2008 at 21:34 (Spezifisch)

Neben mir schluchzte es, was ein unangenehmes, später ein störendes und schließlich ein nicht mehr zu ignorierendes Geräusch war, und ich drehte den Kopf. Eine ältere, sehr beleibte Dame im Blümchenkleid saß auf den beiden Plätzen im Abteil neben mir. Ihr starrer Blick war nach unten gerichtet, durch ein Buch hindurch, das sie auf dem Schoß hielt. Mein Akustik-Augenwinkel-Unterbewusstsein-Kurzzeitgedächtnis sagte mir, dass sie seit Minuten nicht umgeblättert hatte. Aber die Dame schluchzte nicht. Sie starrte wie in Trance und bewegte sich nicht, selbst als ich meinen Blick länger als anständig gewesen wäre auf sie richtete.

Dann aber sah ich die Ursache des Schluchzens. Die Quasi-Adipöse saß auf einem kleinen Mädchen, das aus den Falten des Kleides herauslugte und vor sich hin weinte. Einige Augenblicke sah ich die Kleine ungläubig an. Dann fragte ich „Aber Kleine, warum weinst du denn?“

Ehe sie mir antworten konnte, tat das ein mir gegenüber sitzender Herr fortgeschrittenen Alters. „Was denken sie denn, warum sie weint? Wonach sieht es denn aus?“ Äbfällig blickte er mich durch seine Altherrenbrille froschartig an, doch ich wandte mich, geblendet vom Karo seines grünbeigen Sakkos, wieder der Kleinen zu. „Bist du etwa traurig?“

Die Kleine nickte zaghaft. „Hm“, machte ich feststellend, „dann würde ich wahrscheinlich auch weinen.“ Sie nickte erneut, und wieder kullerten ihr Tränen über die Wangen. „Aber sag doch mal“, fragte ich weiter, „warum bist du denn überhaupt traurig?“, und nach einem kurzen Moment, in dem sie mit der Antwort zögerte, ergänzte ich „wenn du es mir sagen möchtest.“

Ich hatte mir immer etwas auf meinen verständigen Umgang mit Kindern eingebildet – ich behandelte sie ernsthaft, weil ich glaubte, dass man sie trotz ihres Kind-Seins ernst nehmen sollte. Das hatte ich mal in einem Buch gelesen. Die Kleine sagte es mir: „Weil meine Tante auf mir draufsitzt.“ Ich nickte wieder, und mir fiel so recht nichts ein, was man auf diese Feststellung des Offensichtlichen erwidern konnte. „Und warum tut sie das?“, fragte ich schließlich. Statt mir zu antworten begann sie wieder zu schluchzen.

„Da haben sie´s“, fuhr mich der Herr von gegenüber an, „das hätte ich ihnen gleich sagen können.“ Jetzt war es an mir, ihn verächtlich anzuschauen, doch er fuhr fort: „Ich habe die das selbe nämlich schon vor einer Stunde gefragt, lange bevor sie zugestiegen sind. Und statt mir ordentlich zu antworten hat sie wieder mit dem Geflenne angefangen. Bei der können sie ein vernünftiges Gespräch vergessen.“ Ich runzelte die Stirn, er aber setzte nach: „Das hätt ich ihnen gleich sagen können. Aber die Leute wissen ja immer alles besser.“

Seine anmaßende Art ärgerte mich und ich widmete meine Aufmerksamkeit wieder der Kleinen. „Möchtest Du vielleicht ein Stück Schokolade?“, fragte ich und begann in meinem Rucksack zu kramen, denn da mussten irgendwo noch ein oder zwei Stückchen Traube-Nuss sein. Als ich sie schließlich zwischen meinen Büchern fand – ziemlich weich – war von der Kleinen nichts mehr zu sehen, nur ein leises, sehr konstantes Wimmern ertönte aus den geblümten Falten.

Resigniert packte ich die Schokolade wieder ein und starrte auf die Abteiltür, das höhnische Lächeln des Fremden ständig im Augenwinkel, das leise Geschluchzte der Kleinen wie einen Tinnitus im Ohr, bis nach endlosen Minuten endlich meine Station kam.

Ich verließ das Abteil zügig, ohne mich umzudrehen.

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Inspiration des ersten Satzes:
http://ruhrpottcast.blogspot.com/2008/05/trnen-ohne-sinn.html

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Gerald K.

8. August 2008 at 13:13 (Spezifisch)

Die Komplexität des Seins erschöpfte sich für Gerald K. in der Frage ob er sich auf die linke, die rechte Seite drehen, oder auf dem Rücken liegen sollte. Er schlief seit Wochen allein. Zeit. Es gab so viel davon, nachts. Die Wand zu seiner rechten hatte ein nicht ganz regelmäßiges, tagsüber weißes Muster. Die Decke bildete die Lichtflecken, die durchs Fenster huschten, ab, sie wuchsen und bewegten sich, wenn ein Auto vorbeifuhr. Alle Fragen schrumpften in solchen Nächten, verloren jedes Gewicht und jede Fassbarkeit und wurden zu einem Lichtfleck, der zweidimensional an der Stirn- oder Fußseite des Bettes verschwand. Alle Fragen, alles was er seinerzeit mit Energie, mit Herzblut, wie er zu sagen gepflegt hatte, gedacht, verfolgt, gelebt hatte. Die einzige Frage, die jetzt noch von Bedeutung war, war die nach dem Warum, dem Warum seiner Indifferenz. Und natürlich die der Liegeposition. Er wechselte sie manchmal, obschon ihn diese Entscheidung oft Minuten, die Umsetzung hingegen, von Zweifel behindert, zuweilen halbe oder ganze Stunden in derselben Position verharren ließ.

Gerald K. schlief allein und niemand störte sich daran, ob er auf der linken oder rechten Seite lag, oder ob er sich plötzlich wütend herumwarf. Er hätte es sonst auch nicht getan, dachte er und ärgerte sich über seinen Ärger. Seine Einsamkeit war schließlich Symptom, nicht Ursache seiner, ja, waren das Probleme? Was denn sonst, Idiot. Hatte er das gedacht? Konnte er denn noch denken? Gab es ein Lebewesen auf der Welt, abgesehen vom Menschen, das Selbstkritik übte, das sich selbst in Zweifel zog? War das nicht ein evolutionärer Schwachsinn, eine Krankheit die den Bestand gefährdete? Waren nicht die hirnlosen Hohlbrote, die draußen wie die Irren durch geschlossene Ortschaften rasten und die seine Fragen wie Lichtstreifen über tagsüber weißgekalkte Decken blitzen ließen, waren nicht diese im Wahn ihrer Selbstbestätigung keines Selbstzweifels fähigen Bauern die wahren Gewinner des evolutorischen Selektionsprozesses?

Schwachsinn, schalt er sich, Intelligenz wird nicht unmittelbar vererbt. Hohlbrote konnten Genies zeugen, Genies Idioten. Die statistische Signifikanz war nichts verglichen mit der Bedeutung der Erziehung, mithin des sozialen Status. Die Chancen sind es, die ungleich verteilt sind, dachte er, nicht die Intelligenz. Für eine Sekunde ging es Gerald K. gut, denn er dachte nicht mehr an sich selbst. Als er sich seiner Erregung bewusst wurde, sie in Relation zum Gedachten brachte, war der Moment vorbei.

Er stand auf. Den Blick auf die Uhr vermied er, zog sich an und ging ohne Zeit zu vergeuden. Die nächtliche Stadt war ruhig. Vergleichsweise. Er ging, zügig, schnell, lief fast. Die Richtung war ihm egal. Irgendwelche Idioten überholten ihn in einem dunklen BMW, bogen mit quietschenden Reifen rechts in die Lutherstraße ab. Sonst blieb es ruhig. Die Industrieruinen hoben sich vom bewölkten Himmel, hinter dem irgendwo ein Mond hing, ab, schwarz. Schließlich hörte er das dumpfe Dröhnen und stand wenig später im Underground, diesem der Szene Asyl gewährenden, stacheldrahtatmosphäreverbrämten Bunker. Bier besorgen und einen Nischenplatz finden waren eins, anderes kam.

Wie kam es, dass er sich plötzlich im gähnend geistlosen Gespräch mit dieser Gruftblume befand? Es war ein Brüllen gegen den Lärm. Was sie von ihm wollte, wurde ihm kaum klar, aber selbst das ekelhafte Bier wollte ihn nicht wie gewohnt einlullen und ersetzen, was dem Gespräch fehlte. Die Braut Draculas rückte indes näher und fletschte die Zähne, ein Lächeln vielleicht, und er musste daran denken, dass er kürzlich einmal von Zahnimplantaten für künstliche Fangzähne gehört hatte. Dann fiel ihm ein, dass er im nicht-nüchternen Zustand, in dem er sich bedauerlicherweise immer noch nicht befand, ihren Ausschnitt wahrscheinlich mit den Worten ‚hübscher Bauchnabel’ kommentiert hätte, und sie hätte wahrscheinlich gelächelt, da der Lärm die Worte ohnehin geschluckt haben würde. Dann aber wurde sein Gedankengang abrupt unterbrochen, er zuckte zusammen als sie ihre schwarzen Lippen auf seinen Mund presste, und er schmeckte ihren heißen Atem im eigenen Rachen. Erschrocken riß er die Augen auf und prallte fast zurück als er nichts als die bleiche Wand seines Zimmers vor sich hatte, ihr nicht ganz regelmäßiges Muster, abstoßend gewohnt, und er atmete langsam und lange aus.

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