Gerald K.

8. August 2008 at 13:13 (Spezifisch)

Die Komplexität des Seins erschöpfte sich für Gerald K. in der Frage ob er sich auf die linke, die rechte Seite drehen, oder auf dem Rücken liegen sollte. Er schlief seit Wochen allein. Zeit. Es gab so viel davon, nachts. Die Wand zu seiner rechten hatte ein nicht ganz regelmäßiges, tagsüber weißes Muster. Die Decke bildete die Lichtflecken, die durchs Fenster huschten, ab, sie wuchsen und bewegten sich, wenn ein Auto vorbeifuhr. Alle Fragen schrumpften in solchen Nächten, verloren jedes Gewicht und jede Fassbarkeit und wurden zu einem Lichtfleck, der zweidimensional an der Stirn- oder Fußseite des Bettes verschwand. Alle Fragen, alles was er seinerzeit mit Energie, mit Herzblut, wie er zu sagen gepflegt hatte, gedacht, verfolgt, gelebt hatte. Die einzige Frage, die jetzt noch von Bedeutung war, war die nach dem Warum, dem Warum seiner Indifferenz. Und natürlich die der Liegeposition. Er wechselte sie manchmal, obschon ihn diese Entscheidung oft Minuten, die Umsetzung hingegen, von Zweifel behindert, zuweilen halbe oder ganze Stunden in derselben Position verharren ließ.

Gerald K. schlief allein und niemand störte sich daran, ob er auf der linken oder rechten Seite lag, oder ob er sich plötzlich wütend herumwarf. Er hätte es sonst auch nicht getan, dachte er und ärgerte sich über seinen Ärger. Seine Einsamkeit war schließlich Symptom, nicht Ursache seiner, ja, waren das Probleme? Was denn sonst, Idiot. Hatte er das gedacht? Konnte er denn noch denken? Gab es ein Lebewesen auf der Welt, abgesehen vom Menschen, das Selbstkritik übte, das sich selbst in Zweifel zog? War das nicht ein evolutionärer Schwachsinn, eine Krankheit die den Bestand gefährdete? Waren nicht die hirnlosen Hohlbrote, die draußen wie die Irren durch geschlossene Ortschaften rasten und die seine Fragen wie Lichtstreifen über tagsüber weißgekalkte Decken blitzen ließen, waren nicht diese im Wahn ihrer Selbstbestätigung keines Selbstzweifels fähigen Bauern die wahren Gewinner des evolutorischen Selektionsprozesses?

Schwachsinn, schalt er sich, Intelligenz wird nicht unmittelbar vererbt. Hohlbrote konnten Genies zeugen, Genies Idioten. Die statistische Signifikanz war nichts verglichen mit der Bedeutung der Erziehung, mithin des sozialen Status. Die Chancen sind es, die ungleich verteilt sind, dachte er, nicht die Intelligenz. Für eine Sekunde ging es Gerald K. gut, denn er dachte nicht mehr an sich selbst. Als er sich seiner Erregung bewusst wurde, sie in Relation zum Gedachten brachte, war der Moment vorbei.

Er stand auf. Den Blick auf die Uhr vermied er, zog sich an und ging ohne Zeit zu vergeuden. Die nächtliche Stadt war ruhig. Vergleichsweise. Er ging, zügig, schnell, lief fast. Die Richtung war ihm egal. Irgendwelche Idioten überholten ihn in einem dunklen BMW, bogen mit quietschenden Reifen rechts in die Lutherstraße ab. Sonst blieb es ruhig. Die Industrieruinen hoben sich vom bewölkten Himmel, hinter dem irgendwo ein Mond hing, ab, schwarz. Schließlich hörte er das dumpfe Dröhnen und stand wenig später im Underground, diesem der Szene Asyl gewährenden, stacheldrahtatmosphäreverbrämten Bunker. Bier besorgen und einen Nischenplatz finden waren eins, anderes kam.

Wie kam es, dass er sich plötzlich im gähnend geistlosen Gespräch mit dieser Gruftblume befand? Es war ein Brüllen gegen den Lärm. Was sie von ihm wollte, wurde ihm kaum klar, aber selbst das ekelhafte Bier wollte ihn nicht wie gewohnt einlullen und ersetzen, was dem Gespräch fehlte. Die Braut Draculas rückte indes näher und fletschte die Zähne, ein Lächeln vielleicht, und er musste daran denken, dass er kürzlich einmal von Zahnimplantaten für künstliche Fangzähne gehört hatte. Dann fiel ihm ein, dass er im nicht-nüchternen Zustand, in dem er sich bedauerlicherweise immer noch nicht befand, ihren Ausschnitt wahrscheinlich mit den Worten ‚hübscher Bauchnabel’ kommentiert hätte, und sie hätte wahrscheinlich gelächelt, da der Lärm die Worte ohnehin geschluckt haben würde. Dann aber wurde sein Gedankengang abrupt unterbrochen, er zuckte zusammen als sie ihre schwarzen Lippen auf seinen Mund presste, und er schmeckte ihren heißen Atem im eigenen Rachen. Erschrocken riß er die Augen auf und prallte fast zurück als er nichts als die bleiche Wand seines Zimmers vor sich hatte, ihr nicht ganz regelmäßiges Muster, abstoßend gewohnt, und er atmete langsam und lange aus.

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2 Kommentare

  1. Petra said,

    Das ist verdammt super.

  2. gnaur said,

    Ich fühle mich geehrt Ihren Geschmack getroffen zu haben.

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