Wellen auf einem Wassertropfen

9. Dezember 2008 at 1:02 (Spezifisch)

Die funktionslose Else band das schmale Drachenhalstuch um den dünnen Hals und blickte aus ihrer Kiste in die sie umstehende Welt. Zweifachkatzen hatten in der Dunkelheit Kerzen entzündet, deren türkisliches Licht sich zitternd auf haarfeinen Ovalwellen reflektiert sah, welche sich auf der Oberfläche der Kiesgrubenpfützen ausbreiteten. Herr Honma lief knirschenden Schritts durch die lichtarme Halbwelt und ließ aus einer Pipette Tropen in die Pfützen fallen während er unablässig summte, grün, hoch, und sehr jazzig, und fütterte die Wellen mit neuen ovalen Ringen. Das war eine Welt, die sich kaum stärker von den vermöhrten Äckern Elses Heimatgewebes hätte unterscheiden können, dies war eine quietschige Kugeldimension ohne Schnittmenge mit ihrer gewohnten schollenackerdurchwachsenen, raubereiften Gegend mit großen Farnferkeln mit den erdigen Zehen, und sie dachte an die riesigen Buntwälder, die die Hügel und Berge zugedeckt hatten, bevor Honma sie entführt hatte, und die das jetzt möglicherweise nicht mehr taten.

Sie hörte jetzt ein zweites, ein kleineres Knirschen, und als sie sich herumklackte leckte sich drei Handbreit neben ihr die infrarübliche Flamme eines Rabiatenschneiders durch die Holzimitatkistenbretter, einen spärlich säuerlichen Dunst über einem unsichtbaren Schnitt hinterlassend. Und dann flog ein schnapsgroßer Kiesel durch die Luft und feitschte in eine der Pfützen. Honma wirbelte und Kies spritzte vor seinen Füßen als er zum Ort der Unruhe eilte. „Störet meine Ovale nicht!“ rief er dabei mit mehr pläppsender als donnernder Stimme, riß einen Wellenkamm aus der Tasche und begann die Oberfläche des Tümpels zu glätten. Er bemerkte offenbar nicht, wie Else ihre zweigeteilte Kiste auseinander schob und sich vom Ort des Geschehens subtrahierte.

Den verwoberten Honma hinter sich lassend erreichte Else bald darauf das Ende der finsteren Kiesgründe, darin ein Tor, das von zwei Zweifachkatzen bewacht wurde. Vielleicht standen sie auch nur zufällig dort, die Fischschwerter im Anschlag, Statuen ihrer selbst, Else aber knüllte sich hinter einen sehr, sehr großen Schwarzkiesel und verharrte. Erst passierte gar nichts. Dann sagte jemand neben ihrem Ohr: „Hallo“. – – „Hallo Umbra“, sagte sie und hörte wie dieser spitz einatmete. „Woher kennst du meinen Namen?“, fragte er gestolpert. „Danke für den Rabiatenschneider“, entgegnete sie ungerührt, wenn auch gedämpft, denn Zweifachkatzen könnten ein gutes Gehör haben. „Woher kennst du meinen Namen?“, beharrte Umbra. „Hilfst Du mir fliehen?“, fragte sie gegen. „Woher kennst du meinen…“ – „Psch! Du nervst.“ – „Ja, aber, woher…“ – „Ich sag es Dir ja, wenn wir einen halben Scheffel Zeit haben, aber für den Moment haben wir keinen, denn die Steinschaben sind in fünfundzwanzig bis dreißig Lidschlägen da, und sie sind völlig letal, vertrau mir. Zeit verschleppern können wir später, aber jetzt muss ich von dir wissen ob du mit mir fliehst oder zu den Baumdieben zurückkehrst.“ – „Weißt du das nicht auch schon?“ – „Nein.“ Er blinzelte. „Na gut: ja.“ – „Ja oder ja?“ – „Ja.“ – „Dann los!“

Später. Die leicht im Wind wobernden, baumgroßen Buckelpilze links und rechts ihres Weges zeigten ihnen, dass sie in Sicherheit waren, und der hinter den Stämmen glimmernde Stäubelsee zäubelte sich im Morgenhabit. Umbra war selbst im Licht der gerade aufgegangenen, zweieinhalbten Sonne von ziemlich schattenhaftem Aussehen, verfand den Weg aber sicheren Tritts. „Danke, dass du mir hilfst“, sagte Else plötzlich und fand, dass sie das auch schon viel früher hätte fürlangen können. „Wie heißt du?“ – „Else.“ – „Woher kanntest du meinen Namen? Und woher wusstest du von den Baumdieben?“, fragte Umbra, „Kannst Du Gedanken lesen?“. Er war nett, dachte sie, aber von ziemlich jungen Gedanken. „Das ist Unsinn, Umbra, niemand kann Gedanken lesen“, entgegnete sie, und er flanschte. „Ich hatte abgespeichert und neu geladen.“

Ein kleiner Skorobutus rollte einen türkisfarbenen Katzenzahn über den Weg und sie hielten inne um ihn passieren zu lassen. „Sie sind harmlos“, sagte Umbra zu Else, „aber leider auch völlig humorlos“. Dann gingen sie weiter. „Zweiunddreißig Rosen hatten wir geladen, doch dann kam der Sturm“, sang der Käfer hinter ihnen leise.

Am Ende des Weges standen sie auf einer kahlen Felsscholle am Rand eines tiefen Taltrichters, der gefüllt war mit dichtem, grünen Wald. „Da sind die ganzen Bäume also“, sagte Else, und Umbra grinste parabolisch. „Das ist mein Zweck“, sagte er brustgeschwellt. „Kleine Pilzbäume stehlen, du weißt schon, die, die auf Pilzen wachsen, oder Vorgartenkoniferen, Einzeleichen, sogar Elefantenbäume und ganze Waldecken haben wir bei Nacht und Nerz geklaut und nur die Lichtungen zurückgelassen.“ – „Wer ist Nerz?“ – „Sanguinus Nerz, der Robbensammler, hat den größten baumlosen Park diesseits der Pole.“ – „Seit kurzem baumlos, verstehe.“ Umbra zwinkerte grinsend zurück.

„Warum hast du mir fliehen geholfen?“, fragte Else, die Fäden frisch verhäkelnd. „Weil du ein Baum bist“, sagte Umbra lächelnd. Ihr Kopf klappte leicht nach vorn und sie blickte von unten. „Ich bin aus Holz. Aber kein Baum.“ – „Was ist dein Zweck?“, fragte er. Sie schurlte. „Ich habe keinen… Zweck.“ – „Dann bist Du ein Baum“, folgerte er schlussreich, „Bäume haben auch keine Funktion.“ – „Da nöl mir einer ´n Biber“, schneppte sie, „Ich bin eine Varionette. Selbstverständlich habe ich eine Funktion.“ – „Welche?“ – „Zu… zu sein…“, begann sie die einelementige Aufzählung. „Und überhaupt, wieso sollte ich denn eine Funktion haben sollen müssen können?“ Er schien das zu bewerten, und es dauerte viele Lidschläge. „Das tut mir leid für dich“, sagte er schließlich, „aber ich mag dich trotzdem gern.“

Else klepperte schwerherzig ins Tal hinab, denn am Trichtergrund würde sie den Knotenpunkt zur Lateralidylle ihrer Heimatgewebe erreichen, das hatte Umbra ihr zu verstehen gegeben bevor er sich in der heranziehenden Dunkelheit verschattet hatte. Was war denn passiert? Nicht einmal das Drachenhalstuch das sie ihm darte, hatte er genommen. Eben stolperte sie über einen Fittichbau, als im nächsten Herzschlag wie eingeschaltet eine Zweifachkatze vor ihr stand und schneller als sie denken konnte eine Schnappkiste über sie geworfen hatte. „Honma“, graulte der Tatzenlanger, warf sich die Kiste auf den Rücken und machte sich mit der funktionslosen Else darin auf den Weg.

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