Zweiundsiebzig

25. Februar 2009 at 1:28 (Spezifisch)

Zweiundsiebzig Konsuln saßen in einer Reihe nebeneinander. Einer von ihnen aß Müsli, die anderen einundsiebzig waren tot. Konsul Maiglock betrachtete intensiv eine in der Milch aufgequollene Haferflocke, doch dann ließ er den Löffel appetitlos sinken und seufzte. Er hasste es, wenn die Verwandtschaft mit zu Tisch saß. Aber das ging nicht anders. Erstens war es Tradition und zweitens war es im Uboot eng. Es wäre nicht nur pietätlos sondern auch technisch nahezu unmöglich gewesen, die Einundsiebzig in den Ecken zu stapeln, völlig undenkbar dagegen, sie durch eines der Torpedorohre ins Meer zu schießen, und so ließ er sie notgedrungen, wo sie waren, am Tisch. Die trübe Gedankenfolge durchtrennte die eintretende Frida mit den Worten „Chef, der Fisch is tot.“.

Karl stand vom Frühstückstisch auf. Die Konsuln und das Uboot verschwanden, und Frida wurde zu Frauke, die gerade ein müdes „Morgen“ gemurmelt hatte und nun seinen Platz, den einzigen Stuhl am winzigen Tisch in der winzigen Küche einnahm. Karls morgendliches Gedankenspiel, das ihn von der Verrücktheit der Welt distanzierte, verblasste. Er nahm noch einen Schluck lauwarmen Kaffee, reichte Frauke den Zucker und ging ins Bad.

Während des Zähneputzens befielen ihn die unruhigen Gedanken, wie er sie nannte, und während er sich ärgerte, dass sein Uboot-Gedankenexperiment noch vor dem Versinken in der Realität versunken war und diese früher als sonst von ihm Besitz ergriff, fragte er sich, warum die Kinder der neuen Generation nicht wussten, dass der gepresste Fisch, den sie Freitags in der Kantine bekamen, einmal ein fühlendes, lebendiges und freies Wesen gewesen war. Warum man ihnen Remouladensauce gab, in der die grünlichen, in Buchstabenform gepressten Gewürzflöckchen träge vor sich hin mäanderten. Miniaturbuchstabensuppe für die, deren Augen noch gut genug waren, um sie sehen zu können, aber schon jetzt zu kurzsichtig um ihre Botschaft jemals zu verstehen. Eine zähflüssig fette Pampe. Die Zahnpasta schmeckte scheußlich.

Auf der Fahrt ins Büro, durch fast menschenleere Straßen, saß Frieda neben ihm, schweigend, und er nahm sie nicht wahr. Die einzigen Anzeichen für Leben, die er zwischen Straßenschluchten und Industrieruinen sah, waren ein Jogger mit Rundrücken, eine alte Knusperhexe mit Einkaufswagen und ein paar Punks, die so verzweifelt wie erfolglos versuchten ein Feuer in einer Mülltonne (aus Plastik) zu entzünden. Die Luft schmeckte trocken und kalt nach rußigem Schnee. Eine Müllabfuhr hätte der Stadt gut getan. Es war Mai und Karl hatte noch immer Probleme, sich mit der Realität anzufreunden.

In solchen Momenten passieren manchmal Dinge, die von außen betrachtet banal erscheinen, die der subjektiven Wahrnehmung der Welt aber dann und wann einen guten Stoß versetzen. Vielleicht ist es die Phantasie, der Zwang zur Interpretation der Welt, was den Mensch zu dem macht, was er ist. Den Menschen Karl brachten zwei Spatzen auf eine Spur zurück, Spatzen, die sich auf der Straße, in die er abbog – ob im Spiel, im Ernst, wer weiß das schon bei so kleinen Tieren und vor allem, wenn man kein Biologe ist – gegenseitig jagten, die eng an- und umeinander zu Boden flatterten und die er ungewollt aber zügig überfuhr. Als er ans Bremsen dachte, hatte er das leise Knacken unter den Rädern schon zu hören geglaubt, und beim hastigen Blick in den Rückspiegel sah er weder ein Auto, das ein hektisches Bremsmanöver ausgeschlossen hätte, noch ein Paar aufflatternde Spatzen, nur Flecken auf einer fleckigen Straße. Entschieden und hart trat er auf die Bremse.

Frauke in ihrer weißen Uniform sah ihn an wie ein vorsätzliches Erdbeben als er plötzlich dastand und wich unwillkürlich zurück. Einundsiebzig Kinderaugenpaare verfolgten, wie er dennoch ihre Hand ergriff und sie am Pult vorbei, auf dem der Teddy neben dem Rohrstock saß, zur Tür hinaus halb drängte, halb stützte. Es waren weit mehr Zeugen als gerichtlich notwendig, die weitgehend zwangsfrei eine Aufsichtspflichtverletzung bestätigen und daraus resultierende psychische Belastungsstörungen attestiert bekommen konnten. Wer in diesen Zeiten ein Kind sein Eigen nannte, verstand verständlicherweise keinen Spaß. Vor allem nicht, wenn er ernst gemeint war.

Die Pietät untersagte es, das Urteil über Frauke und Karl in Details zu reflektieren, und die Gewohnheit war schon immer ein Tier, welches das Knacken eines leisen Knochenbrechens einer wenig zeitgerechten Phantasterei illiterat zuzuschreiben vermochte. Karl und Frauke hingegen hatten sich der Industrie und deren Anordnungen durch Abwesenheit entzogen und irgendein Uboot gefunden, das sie zusammen mit dem Ort ihr Schicksal hatte wechseln lassen. Zumindest in der Phantasie, steht zu vermuten.

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Das Pfeifen des Hohlbeinmantelgeschosses neben dem Ohr

18. Februar 2009 at 21:39 (Unspezifisch)

Oh, ich habe unerwartet einen dritten Platz belegt. Welch Freude. Und dann auch noch der Dritte, das ist deutlich besser als der Erste, denn dort hätte ich ein vom Autor selbst gelesenes Hohlbein Hörbuch gewinnen müssen. Na, ist ja nochmal gut gegangen.

Danke an Herrn Lott für den erheiternden Wettbewerb 🙂

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Überbleibsel

12. Februar 2009 at 1:08 (Spezifisch)

Der Regen schimmert grau,
die Nacht ist ganz verbogen.
Das bleibt. Du bist im Morgentau
ins Irgendwo, ins Ungenau
unbekannt verzogen.

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Süß

11. Februar 2009 at 21:04 (Unspezifisch)

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Jazz

10. Februar 2009 at 0:21 (Spezifisch)

Bei Jazz muss ich immer weinen. Das mag sich vielleicht ganz putzig anhören, aber wenn man sich mal vor Augen hält, wie das wirkt, wenn man im Bus sitzt und im MP3-Player plötzlich ein Miles oder Keith loslegt: das kann dann ganz schön peinlich sein. Selbst im Jazzkeller kommt es nicht besonders professionell. Deutsche weinen nicht wenn Jazz läuft. Niemand weint wenn Jazz läuft. Das Frappierende ist, dass ich sogar bei den Stücken weinen muss, die gar nicht traurig oder melancholisch sind. Sobald ein paar Polyrhythmen oder Bluenotes fallen, kullern bei mir die Tränen.

Das ist so demütigend. Neulich zum Beispiel, ich war in der Pizzeria, hab mir gemütlich eine Margherita mit mir selber geteilt und plötzlich stellt dieser Depp von Pizzabäcker das Radio auf HR1, und parallel zur Thelonious Monk Gedächtnissendung hatte ich die Pizza in wenigen Minuten klatschnass geheult, an Essen war nicht mehr zu denken. Die überwiegend italienischen Gäste haben mich erst irritiert angeschaut, und schließlich ist eine dicke, italienische Mama ist zu mir gekommen, hat mir auf die Schulter geklopft und gesagt, das werd schon wieder, und sie kommt bestimmt zurück. Ich hab nur genickt, sprechen konnte ich gerade nicht. Besser wurde es erst, als jemand auf die Idee kam, wenigstens mal ne aufmunternde Musik für den „armen Ragazzo“ aufzulegen.

Ein Freund hat mich gefragt: „Warum? Was hast du für´n Problem mit Jazz?“ Ich sagte: „Ich habe kein Problem mit Jazz. Ich liebe die Musik. Ich muss trotzdem weinen. Das ist ne rein körperliche Reaktion. Das hat überhaupt nichts Emotionales, das ist völlig ruhig, entspannt, ja, rational sozusagen schnürt sich mir die Brust zusammen, bekomme ich keine Luft mehr, verschwimmt mir alles vor den Augen, fängt die Nase an zu laufen… Das ist überhaupt nicht – gefühlsbedingt. Ist ´ne rein körperliche Sache. So, wie wenn man schwitzt. Genau. Wie wenn man schwitzt, so wie man beim Schwitzen eben auch ein bisschen in sich zusammensackt, ein bisschen zuviel rotzt und dann… einfach schluchzt.“

Dass es wirklich Zeit wurde etwas zu tun hab ich dann gemerkt, als ich damit anfing die Tapete nass zu heulen wenn ich nur an Jazz dachte. Erst hatte ich ja überlegte, mir die Tränendrüsen veröden zu lassen, aber mein Arzt fragte mich, ob ich das Problem nicht lieber etwas grundsätzlicher angehen wolle. „Die Ohren auch?“ Er meinte nur, ich solle versuchen der Ursache meiner emotionalen Beeinträchtigung auf den Grund zu gehen, und alles mal gründlich analysieren.

Also hab ich mich mal hingesetzt. Zu hause, gemütlich. Ein Gläschen Wein dazu, ein bisschen Musik angemacht… Skip-Taste gedrückt, noch mal, erneut, die CD gewechselt (klar, Best of Jazz)… hab mich langsam wieder gefangen und nachgedacht. Ohne Musik dann. Irgendwann rief mich ein guter Freund an und fragte, was ich so mache… nachdenken… er war es auch, der mich wieder davon abbrachte, dass der Dalai Lama sich mit den Illuminaten und Herbie Hancock gegen mich verschworen hätte. Ich denke, er hat mir in dem Gespräch ein bisschen die Augen geöffnet, ich war überrascht, aber er meinte, dass es gar nicht an der Musik liege. Dass Jazz ursächlich gar keine Schuld an meinem Zustand habe.

Und wie das mit den wirklich guten Freunden so ist: meistens haben sie Recht. Ich habe den Jazz da wohl völlig zu Unrecht mit etwas verknüpft, mit dem er gar nichts zu tun hat. Aber wer kann’s mir verdenken. Hatte mich, als das losging, schließlich gefühlt wie der Gelegenheitsjazzer, der das Stück seines Lebens hört und während es ihm die Seele schmilzt, versteht er, dass er selbst niemals im Leben ein solches Stück schreiben oder auch nur wird spielen können. Er wird dieses Stück nie begreifen können, sei es, weil er´s nicht kann, vielleicht aber auch nur, weil es nicht seins ist. – Na ja. Beruhige dich, sage ich mir, mach dir nicht so viele Gedanken. Take it easy, und Jazz ist nur Musik wie andere auch. Und was soll ich sagen. Ich weine jetzt auch bei Metal.

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Der sechste Beatle

9. Februar 2009 at 1:48 (Spezifisch)

„Mit Musik ist das ja so eine Sache“, sagt der sechste Beatle. „Wir sind ja alle ziemlich optisch fixiert, aber Musik umgeht das, geht direkt in die Seele. Deswegen verknüpft man so viel mit Musik, deswegen kann man gar nicht wirklich objektiv darüber reden, ist viel zu individuell.“ Er kratzt sich an der Nase und rückt die Nickelbrille wieder zurecht. „Schau mal zum Beispiel die Verbindung von Musik mit Bildern und Emotionen – ein Videoclip beispielsweise. Du wirst hinterher das Lied ganz anders wahrnehmen, dein Herz wird sofort aufgehen, wenn du es später wieder hörst, denn die Melodie zerrt deine Emotionen, die du mit den Bildern verknüpft hast, unbewusst, zumindest unaufgefordert wieder ans Licht. Du wirst manipuliert“, fügt er mit einem Stirnrunzeln hinzu. „Gefühle, Stimmungen, Emotionen…“

Er schweigt und ich schiebe ihm noch ein lauwarmes Bier zu, während über uns ein altersschwacher Deckenventilator die stickige Luft über der Bar mit den Schnulzen aus dem Radio verquirlt. Es war nicht leicht den sechsten Beatle zu finden. Kurz nach der Trennung der Band tauchte er unter. Allein das herauszufinden war nicht einfach, denn über den sechsten Beatle sprach man damals nicht. Schließlich stolperte ich im Internet über übellaunige und offensichtlich im Suff geschriebene Kommentare in Beatles-Foren, fand auf Youtube eine mittelmäßige Soloaufnahme von ‚Bésame Mucho’ und die Spur wurde heiß. Und jetzt sitze ich in einer miesen Bar in Guayaquil und höre mich fragen, was er denn sonst so macht. Er hat mir schon beim ‚buenas tardes’ Gewalt angedroht für den Fall, dass ich Johnpaulgeorgeringo auch nur erwähne. Oder einen der fünften Beatles. Vielleicht spricht er wenigstens ja über sich. Und mir fällt nichts Subtileres ein.

„Ich schreibe ein Enthüllungsbuch über die als solche unerkannten Stilelemente indischer Folklore in der amerikanischen Popmusik der fünfziger Jahre. Die ist da überall drin. Die Amis haben geklaut wie die Raben“, sagt er, während er am Bier nippt und sich eine konische Zigarette ansteckt. Der Aschenbecher ist voll von denen, die er schon geraucht hat. Dann schaut er mich an und lacht, als hätte er soeben einen klasse Witz gemacht – und ich ihn nicht verstanden. Ich habe keine Ahnung was er mir eigentlich sagen will. „Geht es um die Lebensfreude in der Musik?“, frage ich etwas hilflos, und mich selbst frage ich, ob die scheinbar seit Liverpooler Zeiten gehegte Hoffnung, einmal die Welt zu verbessern, sein persönlicher Zynismusersatz ist und außerdem, wie viel er schon getrunken hat. „Genau.“, sagte er und starrt in sein Bier. „Um die Lebensfreude.“

Unser Gespräch steht auf der Kippe, doch plötzlich hebt er den Kopf. „Wusstest Du, dass sich die neuen Generationen für uns begeistern? Die haben einen Riesenvorteil. Es gibt zwar keine neuen Stücke, aber es passiert auch nichts Unerwartetes mehr. Wir sind der Zeit total entrückt, jeder von ihnen hat eine Vorstellung im Kopf und ein Gefühl im Herz, wenn er an uns denkt, wenn er unsere Lieder hört. Die waren nichtmal geboren, als wir auf der Bühne standen, aber im Gegensatz zu ihren Eltern mussten sie die hässlichen Seiten der Sechziger auch nie sehen und können sich ganz auf das Schöne der Musik, des Flairs, des Spirits konzentrieren. Toll, oder?“ Ich bin mir nicht sicher, ob sein verklärter Blick nur den Zigaretten zuzuschreiben ist, er schwebt scheinbar gerade selbst in einer entrückten Vergangenheit.

Doch dann passiert es: Canal Uno wechselt das Programm und spielt englische Oldies. Es braucht nur wenige Takte von ‚She´s got a ticket to ride’ und er ist aufgesprungen, der Barhocker zu Boden gestürzt und der sechste Beatle verlässt die Bar so fluchtartig, als sei Yoko Ono persönlich hinter ihm her. Als ich selbst die Straße erreiche, ist er bereits verschwunden.

Ich lächle schwach. „Mein persönliches Lieblingslied war ja immer ‚Eleanor Rigby’“, sage ich der Nacht, doch plötzlich verstehe ich, dass es ganz sicher nicht in einer entrückten Vergangenheit spielt, dass es nie wahrer war, als in diesem Moment, und mein Lächeln erfriert.

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Lesen! Lesen!

5. Februar 2009 at 0:09 (Unspezifisch)

Dieses Mannes Buch gehörte mal zu den Bestsellern, aber für den, der wie ich zu der Zeit, als es geschrieben – und gelesen – und sogar verfilmt – wurde, noch nicht mal als Joghurt im Kühlregal stand, ist es eine Neuentdeckung der besonderen Güte, und ab heute steht das Buch dessen, der Sätze wie: „Sie trägt einen Rock, den kann man nicht beschreiben, denn schon ein einziges Wort wäre zu lang“ zu Papier und Magnetband gebracht hat, auf meiner Bücher-die-ich-demnächst-unbedingt-kaufen-muss-Liste: Reiner Kunze, Die wunderbaren Jahre.

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Fragmente integrierter Antonyme

4. Februar 2009 at 0:13 (Spezifisch)

Ein paar hundert Jahre später standen die Toren vor den Türken Wiens und schmähten echauffiert vor sich her. Als ein Dönermann am Donaukanal ein „Geht’s schäißen, Alder, geht´s schäißen all mit’nand“ in den trüben Winternachmittag krakeelte, verlagerte sich die Integrationspolitikdiskussion aufs Klischee. Fern im Süden glühte ein Alp.

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Hören! Lesen!

2. Februar 2009 at 20:33 (Unspezifisch)

In Sachen Mann im Mond – köstlich! Wenn ich eine Blogroll hätte, würde ich Jan-Uwe Fitz ganz oben drauf setzen. Habe leider keine. Schade.

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