Der sechste Beatle

9. Februar 2009 at 1:48 (Spezifisch)

„Mit Musik ist das ja so eine Sache“, sagt der sechste Beatle. „Wir sind ja alle ziemlich optisch fixiert, aber Musik umgeht das, geht direkt in die Seele. Deswegen verknüpft man so viel mit Musik, deswegen kann man gar nicht wirklich objektiv darüber reden, ist viel zu individuell.“ Er kratzt sich an der Nase und rückt die Nickelbrille wieder zurecht. „Schau mal zum Beispiel die Verbindung von Musik mit Bildern und Emotionen – ein Videoclip beispielsweise. Du wirst hinterher das Lied ganz anders wahrnehmen, dein Herz wird sofort aufgehen, wenn du es später wieder hörst, denn die Melodie zerrt deine Emotionen, die du mit den Bildern verknüpft hast, unbewusst, zumindest unaufgefordert wieder ans Licht. Du wirst manipuliert“, fügt er mit einem Stirnrunzeln hinzu. „Gefühle, Stimmungen, Emotionen…“

Er schweigt und ich schiebe ihm noch ein lauwarmes Bier zu, während über uns ein altersschwacher Deckenventilator die stickige Luft über der Bar mit den Schnulzen aus dem Radio verquirlt. Es war nicht leicht den sechsten Beatle zu finden. Kurz nach der Trennung der Band tauchte er unter. Allein das herauszufinden war nicht einfach, denn über den sechsten Beatle sprach man damals nicht. Schließlich stolperte ich im Internet über übellaunige und offensichtlich im Suff geschriebene Kommentare in Beatles-Foren, fand auf Youtube eine mittelmäßige Soloaufnahme von ‚Bésame Mucho’ und die Spur wurde heiß. Und jetzt sitze ich in einer miesen Bar in Guayaquil und höre mich fragen, was er denn sonst so macht. Er hat mir schon beim ‚buenas tardes’ Gewalt angedroht für den Fall, dass ich Johnpaulgeorgeringo auch nur erwähne. Oder einen der fünften Beatles. Vielleicht spricht er wenigstens ja über sich. Und mir fällt nichts Subtileres ein.

„Ich schreibe ein Enthüllungsbuch über die als solche unerkannten Stilelemente indischer Folklore in der amerikanischen Popmusik der fünfziger Jahre. Die ist da überall drin. Die Amis haben geklaut wie die Raben“, sagt er, während er am Bier nippt und sich eine konische Zigarette ansteckt. Der Aschenbecher ist voll von denen, die er schon geraucht hat. Dann schaut er mich an und lacht, als hätte er soeben einen klasse Witz gemacht – und ich ihn nicht verstanden. Ich habe keine Ahnung was er mir eigentlich sagen will. „Geht es um die Lebensfreude in der Musik?“, frage ich etwas hilflos, und mich selbst frage ich, ob die scheinbar seit Liverpooler Zeiten gehegte Hoffnung, einmal die Welt zu verbessern, sein persönlicher Zynismusersatz ist und außerdem, wie viel er schon getrunken hat. „Genau.“, sagte er und starrt in sein Bier. „Um die Lebensfreude.“

Unser Gespräch steht auf der Kippe, doch plötzlich hebt er den Kopf. „Wusstest Du, dass sich die neuen Generationen für uns begeistern? Die haben einen Riesenvorteil. Es gibt zwar keine neuen Stücke, aber es passiert auch nichts Unerwartetes mehr. Wir sind der Zeit total entrückt, jeder von ihnen hat eine Vorstellung im Kopf und ein Gefühl im Herz, wenn er an uns denkt, wenn er unsere Lieder hört. Die waren nichtmal geboren, als wir auf der Bühne standen, aber im Gegensatz zu ihren Eltern mussten sie die hässlichen Seiten der Sechziger auch nie sehen und können sich ganz auf das Schöne der Musik, des Flairs, des Spirits konzentrieren. Toll, oder?“ Ich bin mir nicht sicher, ob sein verklärter Blick nur den Zigaretten zuzuschreiben ist, er schwebt scheinbar gerade selbst in einer entrückten Vergangenheit.

Doch dann passiert es: Canal Uno wechselt das Programm und spielt englische Oldies. Es braucht nur wenige Takte von ‚She´s got a ticket to ride’ und er ist aufgesprungen, der Barhocker zu Boden gestürzt und der sechste Beatle verlässt die Bar so fluchtartig, als sei Yoko Ono persönlich hinter ihm her. Als ich selbst die Straße erreiche, ist er bereits verschwunden.

Ich lächle schwach. „Mein persönliches Lieblingslied war ja immer ‚Eleanor Rigby’“, sage ich der Nacht, doch plötzlich verstehe ich, dass es ganz sicher nicht in einer entrückten Vergangenheit spielt, dass es nie wahrer war, als in diesem Moment, und mein Lächeln erfriert.

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1 Kommentar

  1. Laaaku said,

    wer ist jetzt der sechte beatle ? -.-

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