Jazz

10. Februar 2009 at 0:21 (Spezifisch)

Bei Jazz muss ich immer weinen. Das mag sich vielleicht ganz putzig anhören, aber wenn man sich mal vor Augen hält, wie das wirkt, wenn man im Bus sitzt und im MP3-Player plötzlich ein Miles oder Keith loslegt: das kann dann ganz schön peinlich sein. Selbst im Jazzkeller kommt es nicht besonders professionell. Deutsche weinen nicht wenn Jazz läuft. Niemand weint wenn Jazz läuft. Das Frappierende ist, dass ich sogar bei den Stücken weinen muss, die gar nicht traurig oder melancholisch sind. Sobald ein paar Polyrhythmen oder Bluenotes fallen, kullern bei mir die Tränen.

Das ist so demütigend. Neulich zum Beispiel, ich war in der Pizzeria, hab mir gemütlich eine Margherita mit mir selber geteilt und plötzlich stellt dieser Depp von Pizzabäcker das Radio auf HR1, und parallel zur Thelonious Monk Gedächtnissendung hatte ich die Pizza in wenigen Minuten klatschnass geheult, an Essen war nicht mehr zu denken. Die überwiegend italienischen Gäste haben mich erst irritiert angeschaut, und schließlich ist eine dicke, italienische Mama ist zu mir gekommen, hat mir auf die Schulter geklopft und gesagt, das werd schon wieder, und sie kommt bestimmt zurück. Ich hab nur genickt, sprechen konnte ich gerade nicht. Besser wurde es erst, als jemand auf die Idee kam, wenigstens mal ne aufmunternde Musik für den „armen Ragazzo“ aufzulegen.

Ein Freund hat mich gefragt: „Warum? Was hast du für´n Problem mit Jazz?“ Ich sagte: „Ich habe kein Problem mit Jazz. Ich liebe die Musik. Ich muss trotzdem weinen. Das ist ne rein körperliche Reaktion. Das hat überhaupt nichts Emotionales, das ist völlig ruhig, entspannt, ja, rational sozusagen schnürt sich mir die Brust zusammen, bekomme ich keine Luft mehr, verschwimmt mir alles vor den Augen, fängt die Nase an zu laufen… Das ist überhaupt nicht – gefühlsbedingt. Ist ´ne rein körperliche Sache. So, wie wenn man schwitzt. Genau. Wie wenn man schwitzt, so wie man beim Schwitzen eben auch ein bisschen in sich zusammensackt, ein bisschen zuviel rotzt und dann… einfach schluchzt.“

Dass es wirklich Zeit wurde etwas zu tun hab ich dann gemerkt, als ich damit anfing die Tapete nass zu heulen wenn ich nur an Jazz dachte. Erst hatte ich ja überlegte, mir die Tränendrüsen veröden zu lassen, aber mein Arzt fragte mich, ob ich das Problem nicht lieber etwas grundsätzlicher angehen wolle. „Die Ohren auch?“ Er meinte nur, ich solle versuchen der Ursache meiner emotionalen Beeinträchtigung auf den Grund zu gehen, und alles mal gründlich analysieren.

Also hab ich mich mal hingesetzt. Zu hause, gemütlich. Ein Gläschen Wein dazu, ein bisschen Musik angemacht… Skip-Taste gedrückt, noch mal, erneut, die CD gewechselt (klar, Best of Jazz)… hab mich langsam wieder gefangen und nachgedacht. Ohne Musik dann. Irgendwann rief mich ein guter Freund an und fragte, was ich so mache… nachdenken… er war es auch, der mich wieder davon abbrachte, dass der Dalai Lama sich mit den Illuminaten und Herbie Hancock gegen mich verschworen hätte. Ich denke, er hat mir in dem Gespräch ein bisschen die Augen geöffnet, ich war überrascht, aber er meinte, dass es gar nicht an der Musik liege. Dass Jazz ursächlich gar keine Schuld an meinem Zustand habe.

Und wie das mit den wirklich guten Freunden so ist: meistens haben sie Recht. Ich habe den Jazz da wohl völlig zu Unrecht mit etwas verknüpft, mit dem er gar nichts zu tun hat. Aber wer kann’s mir verdenken. Hatte mich, als das losging, schließlich gefühlt wie der Gelegenheitsjazzer, der das Stück seines Lebens hört und während es ihm die Seele schmilzt, versteht er, dass er selbst niemals im Leben ein solches Stück schreiben oder auch nur wird spielen können. Er wird dieses Stück nie begreifen können, sei es, weil er´s nicht kann, vielleicht aber auch nur, weil es nicht seins ist. – Na ja. Beruhige dich, sage ich mir, mach dir nicht so viele Gedanken. Take it easy, und Jazz ist nur Musik wie andere auch. Und was soll ich sagen. Ich weine jetzt auch bei Metal.

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3 Kommentare

  1. Maak said,

    am besten weint es sich zu marschmusik.

  2. jufjuf said,

    Ich empfehle Menschen wie Ihnen gerne, in eine Tasse zu weinen und in die heißen Tränen einen Teebeutel zu hängen. Der Geschmack wird Ihnen die Tränen in die Augen treiben.

  3. gnaur said,

    Das Perpetuum Mobile der Teetasse, ein Mini-Wasserkreislauf. Keine schlechte Idee. Ich hatte auch schon darüber nachgedacht in Eiswürfelbeutel zu heulen und die eingefrorenen Tränen dann in Bloody Mary zu versenken, aber Mary hat protestiert.

    @Maak: aber warum?

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