Die Hölle hat Freitags länger auf

23. Juli 2009 at 19:49 (Spezifisch)

Ikea ist ja bekanntlich die Hölle der männlichen Singles auf Erden.* Dutzende bezaubernde Geschöpfe weiblichen Geschlechts, denkt der Durchschnittschauvi, und alle mit ihrem Typen da. Hier gibt es keine weiblichen Singles. Dafür haben sie ihre Kinder dabei. Gut die Hälfte der Frauen demonstriert dem Single dadurch, dass sie ihren mehr oder weniger plärrenden Kleinkindnachwuchs mitschleppt, dass für ihn endgültig der Zug abgefahren ist. Wahrscheinlich ist er der letzte Mann auf der Erde, der eine, der übriggeblieben ist. Es ging nicht ganz auf, einer war zuviel. Und dieser Eine starrt ihm nun aus dem Blödholmen Rasierspiegel heraus aufs stoppelige Kinn.

Hinter ihm tragen die erstaunlich langweiligen Typen, die sich gemeinsam mit den Kleinkindern in der Gefolgschaft der jungen Inneneinrichtungs- und Prödelfanatikerinnen befinden, einen Gesichtsausdruck vor sich her, der zwischen gelähmter Interesseheuchelei und leiser Verzweiflung alterniert. Luxusprobleme sind das. Wahrscheinlich beneiden sie ihn auch noch, ihn, der hier aufrecht die Duftkerzen und diese unglaublich praktischen Tragekörbe ignoriert, zügig daran vorbei schreitet. Sehen sie nicht, dass er flieht? Und wahrscheinlich denken sie sich, wie schön es wäre, zuhause einmal die Kleider nicht wegräumen zu müssen und nur einmal pro Woche das Geschirr zu spülen. Tiefkühlpizza statt Bruschetta und Babybrei. Abends mal mit Freunden einen Trinken zu gehen. – Und mit was für Freunden, bitteschön? Die planen doch alle gerade ihre erste Hochzeit und suchen wahrscheinlich jetzt in diesem Moment in einem anderen Ikea noch die passende Deko für die Feier! Arschlöcher, ignorante.

Papa, meldet sich eine Stimme im Kopf des Durchschnittschauvis, wenn ich groß bin, möchte ich auch mal Arschloch werden. – Nicht eher Spießer? – Nein, Arschloch ist cooler. – Sei still, Junge. Arschloch bist du wahrscheinlich jetzt schon, und das mit dem Großwerden überlass lieber den Großen, die verstehen mehr davon. Was macht überhaupt ein achtjähriges Kind in meinem Kopf? Hallo? Verdammt, jetzt haben sie mich. Sie sind in mir, wie Aliens, und geben mir diese Gedanken ein, diesen Blödsinn mit Familie und Kindern und ähnlichen Knechtschaftsinstrumenten. Lasst mich bloß in Ruhe! Ich gehe heute Abend einen saufen, und zwar alleine, und zwar so lange wie ich will. Noch schnell ein paar Klötbullar als Grundlage, dann bin ich hier weg. Aber so was von.

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*) Ich weiß, ich bin nicht der erste, der auf diese Idee kommt. Aber man muss nicht Jaud gelesen haben um zu wissen, dass es stimmt. Interessant wäre es einmal herauszufinden, wie die Controller gemeinsam mit der Marketingabteilung diese grausige Tatsache auch noch ausbauen und in optimierte Rendite ummünzen. Es müssen Menschen sein ohne Moral.

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Die Plüschkartoffel

12. Juli 2009 at 22:25 (Spezifisch)

Die Plüschkartoffel lag auf der Fensterbank. Draußen trommelte Regen gegen die Doppelglasscheiben. Drinnen strickte Simson neue Absurditäten für die Abendpresse und sein Teekessel summte. Bald würde der Kessel pfeifen. Simson liebte Teekessel. Längst hatte die Konsumwelt auf Wasserkocher umgestellt, in denen sie aktivkohlegefiltertes Wasser kochte. Die meisten Menschen hätten mit einem Wasserkessel und der dazugehörigen Pfeife nicht viel anzufangen gewusst. Simson lächelte, dann wurde ihm bewusst, dass er seine Arbeit schon wieder vernachlässigt und sich in Tag-, oder besser, Spätnachmittagsträumen verlor. „Pfeilgiftkipferl“, schrieb er und erfreute sich einen Moment an der völligen Sinnlosigkeit des Wortes. Hatte es nicht eine unterschwellige Aggressivität? Klang es nicht irgendwie österreichisch? Natürlich, die meisten Wörter, die auf –rl endeten, klangen nach österreichischem Diminuitiv. Außer ‚Kerl’ vielleicht. So wie auch die meisten Wörter, die ein –le angehängt hatten, schwäbische Wörtle zu sein schienen. Außer Plurale.

Simson überlegte kurz, ob er der Abendpresse die Geschichte des österreichischen Kleinbauern mit Zuckerbäckerambitionen einflößen sollte, von jenem Bauern, der nach Jahren einer unglücklichen Ehe, von Magengeschwüre geplagt, nach Brasilien ausgewandert war. Dort hatte er von den Indios die Geheimnisse des Curare erlernt. Mit neuer Hoffnung war er heimgekehrt, neben einigen Fläschchen den teuflischen Plan im Gepäck, seine Frau mit Pfeilgiftkipferln zur Strecke zu bringen. Kurz gesagt, der Plan schlug fehl, da das Gift nicht über den Magen aufgenommen werden kann. Ihn jedoch fand man am folgenden Tag tot auf. Er hatte seine eigenen Kipferl gegessen, doch im Gegensatz zu seiner Frau hatte er blutende Magengeschwüre. Er war wahrscheinlich qualvoll, zumindest aber zügig, an Atemlähmung gestorben. Der Kessel pfiff. Simson entschied sich, die Geschichte nicht an die Abendpresse zu geben. Stattdessen goss er sich einen Tee auf und erzählte später die Geschichte der Pflüschkartoffel, nicht jedoch, bevor er einen langen, nachdenklichen Blick in den trüben Regenspätnachmittag geworfen hatte.

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