Die Plüschkartoffel

12. Juli 2009 at 22:25 (Spezifisch)

Die Plüschkartoffel lag auf der Fensterbank. Draußen trommelte Regen gegen die Doppelglasscheiben. Drinnen strickte Simson neue Absurditäten für die Abendpresse und sein Teekessel summte. Bald würde der Kessel pfeifen. Simson liebte Teekessel. Längst hatte die Konsumwelt auf Wasserkocher umgestellt, in denen sie aktivkohlegefiltertes Wasser kochte. Die meisten Menschen hätten mit einem Wasserkessel und der dazugehörigen Pfeife nicht viel anzufangen gewusst. Simson lächelte, dann wurde ihm bewusst, dass er seine Arbeit schon wieder vernachlässigt und sich in Tag-, oder besser, Spätnachmittagsträumen verlor. „Pfeilgiftkipferl“, schrieb er und erfreute sich einen Moment an der völligen Sinnlosigkeit des Wortes. Hatte es nicht eine unterschwellige Aggressivität? Klang es nicht irgendwie österreichisch? Natürlich, die meisten Wörter, die auf –rl endeten, klangen nach österreichischem Diminuitiv. Außer ‚Kerl’ vielleicht. So wie auch die meisten Wörter, die ein –le angehängt hatten, schwäbische Wörtle zu sein schienen. Außer Plurale.

Simson überlegte kurz, ob er der Abendpresse die Geschichte des österreichischen Kleinbauern mit Zuckerbäckerambitionen einflößen sollte, von jenem Bauern, der nach Jahren einer unglücklichen Ehe, von Magengeschwüre geplagt, nach Brasilien ausgewandert war. Dort hatte er von den Indios die Geheimnisse des Curare erlernt. Mit neuer Hoffnung war er heimgekehrt, neben einigen Fläschchen den teuflischen Plan im Gepäck, seine Frau mit Pfeilgiftkipferln zur Strecke zu bringen. Kurz gesagt, der Plan schlug fehl, da das Gift nicht über den Magen aufgenommen werden kann. Ihn jedoch fand man am folgenden Tag tot auf. Er hatte seine eigenen Kipferl gegessen, doch im Gegensatz zu seiner Frau hatte er blutende Magengeschwüre. Er war wahrscheinlich qualvoll, zumindest aber zügig, an Atemlähmung gestorben. Der Kessel pfiff. Simson entschied sich, die Geschichte nicht an die Abendpresse zu geben. Stattdessen goss er sich einen Tee auf und erzählte später die Geschichte der Pflüschkartoffel, nicht jedoch, bevor er einen langen, nachdenklichen Blick in den trüben Regenspätnachmittag geworfen hatte.

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