Die kleinen Dinge

9. Oktober 2009 at 23:46 (Spezifisch)

„Es sind die kleinen Dinge, die das Leben lebenswert machen.“ Ich weiß nicht, welcher Idiot das gesagt hat, aber er hat unterschlagen, dass es auch die kleinen Dinge sind, die einen um den Verstand bringen und gelegentlich zu rasenden, potentiellen Massenmördern werden lassen, wie zum Beispiel im Falle der kleinen Jacqueline Koschinsky-Bauer, die nach der nachweislich zweihunderfünfzehnten Ermahnung, endlich still zu sitzen, im örtlichen Gemeindekindergarten mit einer elektrischen Heckenschere eine Spur der Verwüstung hinterließ, zumindest im näheren Umkreis der Steckdose. Einzig die sichere Verwahrung der Verlängerungskabel im abgeschlossenen Schrank der Verwaltung verhinderte, dass es hier schlimmere Folgen als ein paar abgetrennte Finger gab. Es konnte im Übrigen nachgewiesen werden, dass Jacqueline schon seit vielen Jahren Gewaltspiele konsumierte, und das, obwohl sie erst vier war – aber das nur am Rande.

Die Behauptung, das Leben sei lebenswert, würde ein Minimaloptimist mit dem Fakt zu belegen versuchen, dass die meisten Menschen sich immerhin noch nicht umgebracht haben und die wenigsten es – statistisch gesehen – tun. Aber auch hier wird eine Tatsache unterschlagen, und zwar die schlichte Wahrheit, dass es zu diesen beiden Optionen einfach keine Alternativen gibt. Was soll man denn tun, wenn einem der Selbstmord nicht liegt?

Auf die kleinen Dinge des Lebens achten. Zum Beispiel Schuhcreme am Hosenaufschlag oder Salz im Kaffee. Schale Witze zu unpassenden Gelegenheiten. Freunde und Kollegen, denen es noch schlechter geht. Welke Pizza im Ausguss neben ein paar nachdenklichen Zigarettenkippen. Solche Sachen.

Vor allem aber soll man in den kleinen Dingen des Lebens das Ganze erkennen: so wie jedes Bruchstück des Rasierspiegels immer noch das ganze Ausmaß der Unrasiertheit zeigt, spiegelt jedes kleine Ding des Alltags die ganze Gemeinheit des Lebens. Erkenne im Kleinen das Große! Das hilft zwar kein bisschen bei dessen Bewältigung, verhindert aber falschen Trost. Wenn das zynisch klingt, dann darf man, ob im Glauben an die ubiquitäre Ungerechtigkeit oder nicht, annehmen, dass es das auch ist.

Selbst der Minimaloptimist muss anerkennen, dass ein zur Hälfte gefülltes Glas einmal ganz leer war, genauso wie ein ganz voller Nachbar, der Samstag morgens um sieben auf dem Rückweg von der Party in den Hausflur kotzt, auf dem Weg ist, irgendwann wieder nüchtern zu werden. Das hat mit der richtigen Sichtweise rein gar nichts zu tun. Sicher gibt es die Menschen die darauf beharren, dass es hilft, sich die Welt schön zu reden. Fakt bleibt jedoch, dass die kleinen Dinge – wie beispielsweise eine elektrische Heckenschere – sich nicht für Sichtweisen interessieren.

Der einzige Trost liegt wahrscheinlich irgendwann im unbemerkten Eingang in die nicht selbst verschuldete Unmündigkeit, wenn die derzeit noch ungezeugten Kinder den Rollstuhl samstagnachmittags einmal ums Heim schieben, falls es nicht regnet, wenn die Blumen dabei ein bisschen blühen und der Waschbetonweg so hübsch unter uns hinweg gleitet. Dann – aber erst dann – haben wir es geschafft.

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