Unter dem Uhrglas

8. September 2011 at 0:25 (Spezifisch)

Douglas Adams hat in einem nicht unbekannten Buch einmal geschrieben, dass es einige Menschen für einen Fehler hielten, dass ihre Art überhaupt jemals von den Bäumen stieg. Ich würde einen Schritt weiter (zurück)gehen. Nicht, dass ich der Meinung wäre, es sei ein Fehler gewesen jemals auf die Bäume hinauf zu steigen oder gar überhaupt erst das Meer zu verlassen, nein, vielmehr sehe ich den Fehler bereits darin, überhaupt erst geboren zu werden, überhaupt jemals mit dem Existieren angefangen zu haben.

Aber da wir nun einmal da sind, müssen wir schließlich auch etwas mit uns anfangen, und weil Harmonie und Glückseligkeit in absoluten Dosen nicht nur unendlich ätzend, sondern vor allem auch tödlich sind, haben wir uns entschieden uns gegenseitig ein auf individueller Ebene überschaubar befriedigendes, auf globaler Ebene aber unerträgliches und, nicht zu vergessen, tödliches Maß an Schaden, Schmerz und Leid zuzufügen. In diesem mortalen Spannungsfeld breiten sich, in der persönlichen Illusion freie, von außen betrachtet aber lediglich frei mäandernde Existenzen und Lebenswege wie ein Ölteppich über die bis dahin brav den thermodynamischen Gesetzen folgenden und ansonsten glücklich leblosen Wogen der irdischen, den unendlichen Kosmos spiegelnden Materie.

Freilich ist letztere nicht frei von Schuld. Schuld ist ein gänzlich menschlicher Begriff, aber eben doch nicht nur. Die Materie die uns ausgekotzt hat, ist, was wir sind. Wenn romantische Halbaffen von sich als Sternenstaub reden, dann reden sie zugleich vom Sternenstaub, der in sich das Potential trug, sich selbst zu beleben. Scheiß Kohlenstoffketten und Aminosäuren. Insofern ist Schuld ein kosmisches und vor allem universelles Phänomen, eines das bereits jedes Wasserstoffatom in sich trägt wenn es sich zu Sternen ballt um schwerere Elemente – Kohlenstoff zum Beispiel – zu erbrüten, welche Planeten und ähnlichen Unsinn bevölkern und gelegentlich selbstorganisierend aktiv werden.

In dieser Argumentationskette sind die Pflanzen und die Tiere bislang etwas zu kurz gekommen. Sie sind nicht intelligent. Das heißt nicht, dass sie nicht ebenfalls bescheuert wären. Ein auf Evolution basierendes System ist im Resultat effizient, in der Durchführung verschwenderisch. Das Hauptproblem ist jedoch, dass man zur erfolgreichen Teilnahme an der Evolution Mittel und Wege entwickeln sollte – genauer: muss – um mitzubekommen, was um einen herum geschieht. Auf tierischer Ebene sind das Nervenbahnen, die Signale leiten. Diese manifestieren sich als „Schöön“ oder „Aua“. Im Bereich von fressen und gefressen werden gibt es bestenfalls ein Gleichgewicht, wahrscheinlich aber überwiegt in Summe das „Aua“. Ob Pflanzen fühlen ist eine Frage, die entweder neutral oder ebenso beschissen beantwortet werden muss, und das macht die ganze Sache selbst im besten Fall nicht besser, andernfalls aber unendlich schlimmer.

Wir halten fest: Evolution ist vorsätzliches Quälen unschuldiger Organismen. Ihr Schmerz mag auf atomarer Ebene keine Bedeutung haben, die Betroffenen dürften es freilich anders sehen.

„Die Natur“ hat es also so eingerichtet, dass gemordet und geschlachtet, mit anderen Worten gelitten wird, und hat sich damit selbst, in Abgrenzung zur „unbelebten“ Materie, ein formidables Meta-System geschaffen. Aber dort ist sie nicht stehen geblieben. Sie ging einen Schritt weiter und erschuf ein Wesen, das in der Lage ist, über den ganzen Scheiß auch noch reflektieren und nachdenken zu können. Und als sei das noch nicht genug, war das System seiner Entwicklung auch noch stabil genug um Autos, Computer und Vibratoren hervorzubringen, was voraussetzt, dass sich das Tier Mensch in einer wenigstens ansatzweise stabilen Gesellschaft und Wirtschaft organisiert.

An dieser Stelle ein gefühlvoller Seufzer für die Optimisten; für die, für die der Mond halbvoll ist. Es ist doch nicht alles so schlimm. Irgendwann wird der Mond freilich auf die Erde stürzen oder im Weltraum verschwinden, was beides cool oder kacke – je nach Sichtweise – wäre, ersteres (das Stürzen) aus naheliegenden Gründen, letzteres (das Verschwinden) wegen der Gezeiten, den unehelichen Töchtern von Madame Schwerkraft, die für unser kleines Ökosystem nicht ganz unwichtig sind; es sei denn die Sonne würde die Erde und gegebenenfalls ihren Erntemond schon vorher grillen, dann wäre es, wie alles im unbelebten Universum, beruhigend egal. Soviel für die Optimisten.

In Verfolgung seines Glücks, was immer das auch sein mag, ist der Mensch gezwungen zu quälen und, logische Folgerung, gequält zu werden. Und keine Qual ist ebenfalls Qual. So sind wir gepolt. Leben ist Leiden? Zugegeben, Gott hatte in dieser Betrachtung bislang keinen Raum. Es gibt für ihn zwei grundsätzliche Möglichkeiten. Entweder ist er Teil des Systems. Dann spielt er keine Rolle, denn er ist auch nicht besser (Gott kocht auch nur mit Wasser). Oder er ist kein Teil des Systems. Dann gibt es wiederum zwei (Meta-)Möglichkeiten. Entweder beeinflusst er das System nicht. Dann ist er egal (erneut). Oder er tut es, er pfuscht von außen als Laborarbeiter am Rattenlabyrinth, definiert Atomgewichte und Energieniveaus, Gravitationskonstanten und Quantenwechselwirkungen. Dann hat er die Kacke mit zu verantworten. Er hat die Regeln vorgegeben, er hat die Ampel an der Kreuzung auf allen vier Seiten auf grün geschaltet, er schwebte über den Wassern und dachte es sei cool noch mehr draus zu machen, zum Beispiel ein evolutorisches System das den belohnt, der am stärksten zuschlagen kann. Das hätte er aber auch vorhersehen können. Leidensfähige Wesen nach naturwissenschaftlichen Kriterien funktionieren zu lassen ist unfair. Oder anders gesagt: Im Prinzip mag es ja okay sein zu sterben um zu leben, aber warum muss das gleich so wehtun?

Der evolutorische Ausweg in einer ungewissen Zukunft ist kaum absehbar, der angerichtete Schaden allerdings nicht wieder gut zu machen. Vielleicht nutzt der Mensch seine Intelligenz – nein, nicht um die perfekte Welt zu schaffen. Das schafft er nicht, die Regeln erlauben es nicht. Aber vielleicht nutzt er sie um seinerseits ein Wesen zu erschaffen, sagen wir etwas, was wir heute eine künstliche Intelligenz nennen, eines, das entweder neben ihn tritt oder ihn ersetzt. Eines, das die Natur nicht unmittelbar aus sich heraus erschaffen konnte, aber das über den Umweg Leben, Selektion bis zur Intelligenz in Verbindung mit Autarkie doch letztlich aus ihr, der unbelebten Materie des sternenverseuchten Universums, entstand, und das, wiederum autark, als Teil ihrer selbst in ihr selbst alles Mögliche anstellen kann. Das Ende ist nicht abzusehen.

Der Sinn noch viel weniger, aber Sinn ist wiederum eine allzu menschliche Denkweise. Das Scheißuniverum funktioniert einfach, wie ein Uhrwerk. Das große Ganze der jenseitigen Welt wird das Zahnrad nicht verstehen, den Sinn seiner Existenz nicht aus sich heraus ableiten können. Einziger Trost ist, dass der Mensch, der auf seine Uhr schaut, eben so wenig weiß, was der Sinn seiner eigenen Existenz letztlich ist, selbst wenn er weiß wie spät es ist. Gleiches dürfte für Herrn Meta-Universum gelten, zumindest fällt mir nichts ein, was dagegen spräche, aber gerade das, gerade dieser Gedanke, dass jenseits unseres Rationals, jenseits des Uhrglases eine Welt existiert, die so anders ist, dass wir sie nicht fassen können und erklärte man sie uns ein Leben lang, gerade diese Idee ist so entmutigend wie tröstlich, so indifferent, dass sie schon wieder schön ist.

Ob Herr Adams auch zu dem Thema etwas zu sagen hatte weiß ich nicht, und es ist mir eigentlich auch scheißegal.

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