Rück ruhig ein wenig näher

13. August 2007 at 1:07 (Lieblinge, Spezifisch)

Rück ruhig ein wenig näher,
trotz Sommer ist es kalt,
rück ruhig an meine Seite,
dann wärmen wir uns bald.

Die Schulter reicht Dir völlig?
Dann biet ich auch den Arm
auf den ich Dich, so wie Du mich,
ich nehme an, wohl nahm.

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Die kornblumenblaue Banane

8. Juni 2007 at 14:53 (Lieblinge, Spezifisch)

Die kornblumenblaue Banane lag aufgeschlagen vor mir. Jemand hatte mit viel Geschick ein winziges ‚A’ in ihre Rinde geritzt. Zuerst dachte ich „die Anarchisten werden auch immer kleiner“, doch dann sah ich, dass der Buchstabe zu einem Wort gehörte, das hinter den Falten der üppigen Bananenkerne verborgen gewesen war. Mit Hilfe eines chinesischen Essstäbchens und einer Schere entfernte ich die Kerne und las dann auf blauem Grund: „Arschloch“. „Na danke“, dachte ich und legte einen zimtgrünen Kugelschreiber in die aufgeschlagene Banane, auf den ich gestern das Wort „Selber“ hatte gravieren lassen.

Düpine, eine beleidigend hübsche junge Frau, die sich meist ein wenig hinter ihren großen, runden, moosgrünen Augen versteckte, sah mich schmollmundig an. Zwischen uns lag aufgeschlagen die Banane und in ihr der Stift, auf den sie mit ihrem schlanken Finger zeigte. „Wenn du etwas mehr Grips als Verstand hättest, wüsstest du, dass man das nicht wissen kann“, sagte sie und ich las die Logik aus ihren Worten nur langsam. Also antwortete ich geistreich: „Häh?“ Sie ließ den Finger sinken und sagte: „Du kannst ex ante nicht wissen, dass du hier, heute und auf diese Weise beleidigt werden wirst. Also kannst du dir auch nicht gestern schon die Antwort auf deinen Kugelschreiber graviert haben lassen. Noch dazu eine so phantasielose.“ Mir wurde wattig warm ums Herz, denn sie hatte mit ihrer weidenkätzchenweichen Stimme das ‚Phantasielos’ mit ‚Ph’ gesprochen.

„Grazie, Platitüde, ich gelobe Besserung“, sagte ich lächelnd und holte einen Kieselstein aus dem Goldfischkäfig, auf den ich vor einer Woche die Worte „Ich konnte es nicht wissen und tat es doch“ mit einem feinen Silberstift gemalt hatte. „Du Idiot“, sagte sie nur, „wegen deinen doofen Spielchen hast du den Fisch seit einer Woche nicht gegossen.“ – „Nächstes Mal nehme ich wasserfestes Silber“, antwortete ich achselzuckend-entschuldigend und außerdem war es mein Fisch, nicht ihrer. „Du bist mir zu irrational“, sagte sie, dann drehte sie sich wehenden Haars um und verschwand durch die Tür und aus meinem Leben, was ich sehr, sehr bedauerlich finde. Weit bedauerlicher als die Banane kornblumenblau und der Goldfisch vertrocknet sind. Und es ist der Grund warum ich seit drei Tagen fast ununterbrochen weine. Ich weine in kleine Reagenzgläser. Während ich dies schreibe, sind schon wieder zwei voll geworden.

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Sie sitzen bei Kaffee und Kuchen

7. Juni 2007 at 2:28 (Lieblinge, Spezifisch)

Sie sitzen bei Kaffee und Kuchen, sitzen auf plüschigen Sesseln um den niedrigen Tisch mit dem blumigen Porzellangeschirr, sie, das junge Mädchen mit den großen, braunen Augen; ihr gegenüber die alte Nachbarin deren faltiges Gesicht mit den Knittern der Rüschenbluse konkurriert und die sich immer noch die Haare färbt obwohl statt Grau mittlerweile bereits Weiß hindurch scheint; links daneben sitzt Andreas mit den strubbeligen Haaren, der von der Nachbarin immer noch ‚Junge’ genannt wird, wie immer schon, obwohl er mittlerweile fast dreißig ist.

Sie reden über die noch vagen Hochzeitspläne von Andreas und dem Mädchen, sie reden über den Sommer, der so heiß ist, ganz unverschämt heiß und über den letzten Urlaub der Nachbarin auf den Kanaren, und die Themen werden abgelöst und ineinander überführt von den Seufzern der Nachbarin, über ihre Gesundheit, seit Tagen habe sie kaum geschlafen, so heiß wie es ist, und auf Teneriffa habe sie sich erkältet und sich tagelang gequält in dieser schrecklichen Luftfeuchtigkeit; und Andreas und das Mädchen nicken ernst und anteilnehmend und wissen nicht, was sie dazu sagen sollen.

In solchen Momenten schweift Andreas´ Blick ab, über die zerbrechlichen Tassen mit dem Goldrand, über die alten, dunklen Möbel, zwischen denen die Zeit stehen geblieben ist, sie muss wohl langsam im dicken Perserteppich versickert sein, und dann schaut er an der Nachbarin vorbei, durch das Fenster, auf das Panorama der Vorstadtwohntürme; in der Ferne brennt ein Supermarkt. Er wendet Blick und Aufmerksamkeit wieder der Schilderung arthritischer Gelenke zu. Lässt sich Kaffee nachschenken. Ob man denn in Teneriffa schon ins Meer gekonnt hätte, lenkt seine Freundin das Thema in eine neue Bahn.

Ach, sie doch nicht, dazu sei sie ja nun doch schon zu alt, und ein mildes Lächeln erscheint auf ihrem Gesicht, sie versteht die Sicht der jungen Leute ja noch ganz gut, aber nein, sie freundet sich ja schon mit dem Gedanken ans Ende an, und das sagt sie auch häufig. Was sie nicht sagt, was man nur an der Häufigkeit und Eindringlichkeit der Wiederholungen des Mantras erkennt, ist, dass sie sich hinter ihrer Offenheit versteckt, man sieht hinter ihrer Furchtlosigkeit die Furcht genauso wie ihr weißes Haar unter der unechten Farbe hindurchblitzen. Doch die jungen Leute, ja, die seien wohl schon ins Meer gegangen, sagt sie und Andreas schaut auf die Standuhr, froh, den Kopf nicht zur Armbanduhr senken zu müssen, froh, nie ins Meer gegangen sein zu müssen.

Plötzlich stellt er fest, dass er seinen Gedanken nachhängt, und noch ehe er ein schlechtes Gewissen für seine Abwesenheit verspüren kann, bemerkt er überrascht, dass seine Freundin und die Nachbarin in ein Gespräch vertieft sind; es geht um klassische Musik. Er sieht, wie sich die beiden von der Oberflächlichkeit eines Nachmittagskaffeeplauschs verabschiedet haben. Bemerkt, wie aus anfänglicher Fachsimpelei ein Austausch wird, es sind nicht mehr zwei, sich gegenseitig unterbrechende Monologe. Andreas versteht nicht viel von Klassik, aber er weiß, dass er, wenn er sich jetzt einmischt, die beiden auf den Boden der sogenannten Höflichkeit zurückbringen wird. Also nippt er am kalten Kaffee, schaut auf das Ziffernblatt der Standuhr und schweigt zu den Komponisten.

Draußen hinter der sauberen Fensterscheibe ist ein stahlblauer Himmel, der von schmutzigen Vorstadtwohntürmen angeknabbert wird und weiter hinten steigt Rauch in die Luft. Die Klassik ist ohne Andreas´ Zutun der Gicht gewichen und eigentlich es ist auch schon viel zu spät, aber es wird auch immer später. Die Nachbarin will noch neuen Kaffee kochen, aber, sagt Andreas, es ist ja schon viel zu spät. Sie bietet Kuchen an, sie hat viel zu viel Kuchen bei der Bäckerei bestellt, aber es ist ja schon so spät. Was geschieht wohl mit dem Kuchen den sie nicht essen? Das Verabschiedungsritual braucht Zeit, und es ist doch schon so furchtbar, so schrecklich spät.

Wer wird sie das nächste Mal besuchen kommen? Wann? Sie fragt nicht. Was wird sie nun tun? Wahrscheinlich wird sie Geschirr spülen. Alles tun, was wichtig, nützlich und richtig ist und den Menschen davon ablenkt, dass er allein ist. Sie sind bereits auf der Schwelle, als Andreas das denkt, und er blickt das Mädchen an, das Mädchen mit den großen, braunen Augen.

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Fur-Sellers Limerick

21. Mai 2007 at 3:20 (English, Lieblinge, Spezifisch)

There was a fur-seller from Perth
who sold old umbrellas of furs.
Though cheap and of lightness,
quite soon their poor tightness
made quit him untimely this earth.

Yes! My very first limerick. Stop me, or I might continue.

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(n)

20. April 2007 at 20:46 (Lieblinge, Spezifisch)

Ich habe am Dienstag von Petra ein geklammertes n geschenkt bekommen. Eigentlich dachte ich, dass so ein n ja nicht nach viel aussieht, umso erstaunter war ich, als ich es mal von oben betrachtete, um 90 Grad drehte und auseinanderfaltete. Im Schutze seiner Klammern hatte der kleine Buchstabe nämlich einiges an traurigen Gedanken angesammelt. Ohne den Kleinen gefragt zu haben, breite ich sie hier nun aus. (Wäre er ein geklammertes c gewesen, hätte ich mir das noch mal überlegt…)

(n)

Nebelschwaden ziehen leise
Nieselregen tropft im Wald
Nicht die Reute, nicht die Schneise
Nichts bleibt trocken, es ist kalt.

Neumond deckt das Land in Finster
Nacht und Schatten sind verhängt
Noch blüht nicht der gelbe Ginster
Nur die nasse Kälte drängt.

Nochmals suche ich im Schatten
Nach dem rechten Weg, doch bald
Nähert auch mir sich ein Ermatten
Nichts bleibt trocken, es ist kalt.

Nirgends wird mein Schritt mich führen
Nebel, hast du mich gelenkt?
Nimmer will ich mich mehr spüren
Nur die nasse Kälte drängt.

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Keine Versprechen

8. April 2007 at 2:55 (Lieblinge, Spezifisch)

„Ich mach dir keine Versprechungen, darauf kannst du dich verlassen“, sagt er und kratzt sich am Ohrläppchen. „Ich werde dich beim Wort nehmen“, antwortet sie und macht das Licht aus. „Stell dir das mal vor“, lacht er, „Wie sich das anhört! ‚Ich liebe dich, versprochen’!“ Sie lacht leise. „Meinst du, dass wir einmal den finden, den wir suchen?“, fragt sie. Eine zeitlang hört sie nur sein Atmen, doch dann sagt er: „Falls wir suchen. Nur dann.“ – „Das ist schön“, seufzt sie und kuschelt sich an ihn. „Hm-h“, brummt er, „Eigentlich schon. Aber weißt du, dieses Suchen macht mich auf die Dauer fertig. Eben habe ich daran denken müssen, wie lange wir jetzt schon von einem Selbstbetrug in den anderen fallen. Manchmal glaube ich selbst nicht mehr an das Finden.“ – „Mach dir nicht so viele Gedanken“, flüstert sie und küsst ihn, doch dann fügt sie hinzu:

„Unsere Reise unterscheidet sich. Du taumelst von einer zur anderen, wirst immer gestoßen, umso mehr, je mehr Halt du suchst.“ – „Mag sein, aber ich habe mich daran fast schon gewöhnt. Bei dir ist es jedenfalls umgekehrt. Du suchst zwar auch Halt, aber immer wenn du einen sicheren Hafen erreicht hast, fliehst du mit voll gesetzten Segeln.“ – „Ich habe Angst.“ Er schweigt einen Moment und fragt dann „Wovor?“ –„Ich habe Angst, dass ich nicht mehr weg kann, wenn ich zu lange bleibe. Weiß nicht, wegen mir vielleicht, vielleicht wegen ihm.“ – „Wegen ihm? Du hast Angst, dass er dich an sich fesselt…“ – „…und mich erstickt. Ja.“ Er echot: „Freiheit.“

Eine Weile liegen sie da, schweigend, sie hat ihren Kopf auf seine Brust gelegt. „Wir haben so viel Freiheit“, sagt er dann, „dass wir uns in unserer Einsamkeit schon ganz daran gewöhnt haben.“ Sie hebt ihren Kopf. „Du meinst doch nicht, dass man in einer Beziehung seine Freiheit aufgeben sollte?“ – „Ein bisschen davon, doch.“ – „Nein!“, sie ruckt energisch hoch und dann, etwas leiser, fügt sie hinzu: „Das ist es ja gerade, was ich suche. Einen, der mir meine Freiheit lässt.“ – „Was stellst du dir denn unter Freiheit vor? Denk doch mal ganz pragmatisch. Du kannst doch nicht mit jemandem zusammen leben und gleichzeitig alles tun, was dir gerade in den Sinn kommt. Man würde ja nebeneinander her leben und sich nur dann und wann mal…“ – „Das verstehe ich aber nicht unter Freiheit“, unterbricht sie ihn kurz.

Nach einem Moment legt sie ihren Kopf wieder an die alte Stelle. „Sie verlangen immer“, sagt sie schließlich, „Ich weiß, dass man seine Zeit teilt, aber ich will sie teilen, weil ich sie teilen will, nicht, weil ich muss. Verstehst du?“ – „Ja“, antwortet er sanft, „Ich denke, schon“. – „Oder sehe ich das falsch?“, fragt sie plötzlich, „Ist meine Sicht so ungewöhnlich, dass sie keiner teilen könnte?“ – „Nein, ‚könnte’ schon, wie deine Zeit. Du wirst trotzdem lange suchen müssen. Vielleicht, vielleicht hast du aber auch die Chance, dass der andere lernfähig ist. Dann geht es unter Umständen schneller.“ – „Ich soll mir einen Mann erziehen? Manipulieren? Nur weil die Welt voll von manipulativen Menschen ist, muss ich mich nicht einreihen.“ – „Nein. Aber überleg doch mal, einen Einfluss übt man immer auf den anderen aus, ob man will oder nicht.“ – „Bitte“, sagt sie etwas vorwurfsvoll. „Das mag ja stimmen, aber dasselbe ist es deshalb noch lange nicht.“ Er legt seinen Arm um sie. „Es geht um Vorsatz?“ – „Ja, das auch. Weißt du, ich lasse mich gerne von anderen Menschen inspirieren, denn das lässt mir die Freiheit, selbst zu entscheiden, was ich mit diesem Einfluss anstellen soll. Alles andere ist dann wirklich Vorsatz, Manipulation. Sind die Leute eigentlich zu blöd, das zu erkennen?“

„Nein, sie sind nicht zu blöd. Du solltest nicht so hart sein und von deinem Unglück auf das Leben anderer Leute schließen. Viele Menschen suchen vielleicht gerade das, suchen gerade jemand, der ihnen sagt, was sie tun sollen.“ – „Aber das ist doch Herdenvieh!“ – „Und wenn sie glücklich sind? Willst du den ersten Stein werfen? Sei nicht unfair. Außerdem, Menschen sind meistens ganz vernünftige Leute.“ Sie seufzt und dreht sich in seinem Arm. „Sind sie. Bis sie anfangen, eine Beziehung zu führen. Allein dieser Ausdruck: ‚Beziehung führen’, wie ‚Krieg führen’ oder ‚Langfristige Kapitalanlage’. Da will man Sicherheit, und zwar haben. Und weil es die nicht umsonst gibt, gibt man eben selbst auch ein bisschen Sicherheit. Eine langfristige Bindung eben. Am Ende zählt man auf, wie oft man für den anderen da gewesen ist, und wie oft der für einen selbst da war, und dann weiß man, ob unter dem Strich ein Gewinn oder Verlust steht. Das passiert, wenn sie anfangen Beziehungen zu führen. Es passiert wirklich!“ – „Ich weiß.“ – „Und die Schlauen, die reden darüber, so, als würde das nur den Karlheinz vom Kiosk betreffen, aber sie machen es selbst nicht anders.“ – „Und du, wie hältst du es?“ – „Ich verschwinde wenn es anfängt. Spätestens.“ – „Glaubst du, dass das ein prinzipielles Problem unserer Gesellschaft ist?“ Einen Augenblick sagt sie nichts, dann lacht sie laut auf. „Du Spinner. Aber schön gesagt.“

Ein bisschen vom Lachen schwingt noch in seiner Stimme mit als er sagt: „Also mal umgekehrt: Dein Traumprinz muss nicht immer für dich da sein?“ – „Richtig.“ – „Und wenn du ihn mal brauchst?“ – „Wofür?“ – „Wofür brauchst du ihn denn überhaupt?“ – „Falsch! Es geht nicht ums Brauchen. Ich brauche eine Mikrowelle oder ein Auto, aber hier geht es ums Geben. Ich will ihn um seinetwillen lieben.“ – „Liebe ist doch nicht selbstlos, du Dummerchen. Aua.“ – „Dummerchen. Sag das noch mal und ich beiße richtig zu, mein Schwan, ich sag dir jetzt was: du denkst ein bisschen viel in Kategorien. Natürlich ist Liebe nicht selbstlos, schließlich liebe ich und nicht irgendetwas ihn, den hypothetischen Märchenprinz, den du vorhin in die Welt gesetzt hast.“ – „Du brauchst also das Geben?“ Sie zögert einen Augenblick. „Und als nächstes fragst du dann wahrscheinlich, ob ich das Nehmen auch brauche.“ – „An so was in der Art hatte ich gedacht.“ – „Nicht mit mir, mein Süßer, nicht mit mir.“ – „Aber schau mal, du kannst doch nicht ewig Beziehungen… pardon, Freunde für ein oder zwei Nächte, eine Woche oder mit viel Glück auch mal einen knappen Monat haben.“ – „Und du kannst es?“ – „Nein, habe ich auch nicht behauptet.“ – „Und warum sollte ich es nicht können?“ – „Weil zu einer – auch wenn du das Wort nicht magst – Beziehung nun mal eben mehr als nur Sex und kurze Verliebtheit gehört.“ – „Kurze Verliebtheit sollte überhaupt nicht zu einer Beziehung gehören.“ – „Du sagst es.“ – „Na schön, was gehört denn dann so unbedingt noch dazu?“ – „Im besten Fall so etwas wie Seelenverwandtschaft.“ Sie lacht leise. „Gar nicht mehr so rational, gefällt mir. Mach weiter!“ – „Miteinander reden können. Sich verstehen. Sich, wenn du willst, inspirieren.“ – „Wie schön sich das aus deinem Mund anhört. Fast romantisch. Ehrlich.“ – „Kein Aber?“ – „Doch, mein Lieber, du schöner, einfältiger Schwan, leider doch. Wir sind nämlich wieder am Anfang: Wo soll ich diesen Menschen finden?“ Er seufzt. „Wir werden sie schon finden, unsere Gesuchten. Irgendwann. Versuch und Irrtum, einfältig genug sind wir. Irgendwann – Glaubst du nicht?“ – „Was sind schon ein paar harmlose Lügen, noch dazu aus deinem Mund, gegen eine hässliche, alte Wahrheit? Natürlich glaube ich dir, die ganze Nacht, weil du es bist. Versprochen.“

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Unschuld

7. April 2007 at 16:05 (Lieblinge, Spezifisch)

Rezitativ veranlagt war ich noch nie. Ich zitierte lieber imaginär, mit bebender, schmeichelnder, belehrender und tröstender Stimme, immer hingebungsvoll, immer zutiefst überzeugt, und die Leute hingen an meinen Lippen, selbst wenn sie kein Wort verstanden, selbst wenn ich das was ich sagte erst in dem Moment, da ich es schon aussprach bewusst durchdachte. Je länger die Sätze, desto andächtiger wurden die Menschen, je bewegter, mitreißender, eindringlicher die Worte, desto tiefer ihr Glaube. Ich habe nie studiert. Ich habe wenig gelesen. Aber ich habe gesprochen, die Welt mit Worten gefüllt, vielleicht sogar an Seelen gerührt.

Ein Kritiker (denn die gab es auch) fragte mich einmal unter vier Augen, ob ich jemals etwas bewegt hätte in dieser Welt. Diese Frage scheint mir bis heute absurd: ich habe mehr bewegt als die meisten anderen Menschen, denn ich habe sie bewegt. Hunderte, tausende über die Jahre fing ich mit meiner Magie, die nichts war als die ihre, verdichtet, komprimiert, zurückgeschleudert auf die ungläubig Gaffenden, die durch meine Inbrunst den eigenen Glauben erst erlangten. Nein, musste ich dem Kritiker antworten, ich habe tatsächlich keine Steine zu Kirchen getürmt, keine Steuern und keine Abgaben eingetrieben, habe nie jemandem einen Befehl gegeben; aber auch nie einen solchen empfangen – ich habe mich nie schuldig gemacht. Ich habe in diesem Leben Herzen bewegt, Augen geöffnet, Geiste erhoben; nie aber habe ich die Welt anders als mit Worten berührt, kein Urteil gesprochen, keinen Stein geworfen. Ich blieb in der Welt völlig unschuldig. Und doch hat man mich gehenkt.

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Kaffee und Kuchen

2. April 2007 at 22:23 (Lieblinge, Spezifisch)

Herbert, Andrea, Lucas, Claudia und ein Pianist.
Auta„Wir müssen das Unglück am Bürzel packen und zurückschleudern in seine unheilige Dimension des fatalen Vergessens, diesen flattrigen Raben nachtschwarzer Verdammnis, diese ungückselige Seuche niederer… niederer…“ Herbert rang nach Luft und Worten. Der Ausbruch hatte nur kurz gedauert und seine Kraftreserven scheinbar weitgehend erschöpft. Er verknotete seine eben noch in weit ausholenden Gesten geschwungenen Hände ineinander, stotterte einige Silben und fiel dann blass, aber sichtbar erleichtert in seinen Sessel zurück. Dabei stieß er mit dem Knie an den niedrigen Tisch und das Kaffeegeschirr klirrte kurz und hässlich.

„Möchtest du noch einen Kaffee, Schatz?“, fragte Claudia mütterlich, aber Herbert starrte nur auf die Kaffeekanne, was Claudia schließlich als Zustimmung zu werten schien. Sie schenkte nach. „Noch ein Stück Erdbeertorte?“, wandte sie sich dann an Andrea. Die hagere Andrea drehte langsam den Kopf und schob mit ihren ältlichen Händen den Vorhang schwarzer Haare, die ihr Gesicht verschleiert hatten, auseinander. Sie blickte Claudia und den bereits neben der Kuchenplatte schwebenden, silbern glänzenden Tortenheber an. Leise, mit monotoner, geräuschloser Stimme begann sie zu sprechen.

„Das nicht, das ist es nicht, das hilft nicht weiter, hilft nicht, nichts hilft weiter, nichts, gar nichts. Verstrickt wie kleine Kücken im Netz, nichts, das ist es, wir werden den Mond heben und darunter tanzen, allein, wir alle, wie nichts werden wir auch den Marmor sehen, den schwarzen, glatten, kalten Marmor, wir armen Kücken unter dem Mond, mit Kerzen, so weiß wie der Tod.“ Andrea blickte an Claudia vorbei und der Vorhang fiel. Claudia indes legte ein großes Stück des frischen, mit saftigen Erdbeeren belegten Kuchens auf Andreas Teller.

„Genug!“, stöhnte Herbert, das Klavier nicht aus den Augen lassend, „Das ist genug… Ihr Heerscharen unglückseligen Verderbens, ihr Liederspieler des Todes, ihr Motten des Nachtlichts, was glaubt ihr, was ihr tut? Haltet ein, das Bollwerk steht doch noch, ihr mit Blindheit Geschlagenen, ihr Räuber der Seelen, ihr, zur niedersten Hölle fahrt, in der siebenten Kammer des siebenten Schreckens erbleichet im Schatten, ihr…“, Herbert keuchte, indes der Pianist zurückkehrte.

„Die Loreley“, sagte er nur, drehte der Gesellschaft den Rücken zu und begann zu spielen, sang aber nicht. „Genau wie früher“, sagte Claudia als die Melodie begann. „Früher, Kinder, müsst ihr wissen, da waren wir oft unterwegs. Das war immer lustig, damals, auf Landgasthöfen waren wir, nicht wie heute immer nur im Café. Wir jungen Schwestern hatten den Valium-im-Kaffee-Trick, und dann gings ab ins Heu, ja, das war fein. Noch etwas Tee, Andrea? Nein? Ach komm, sei artig. Brav.“ Lucas, der seit Minuten in die Leere der eigenen, hohlen Hand gestarrt hatte, schwieg dazu.

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Waldfee

28. März 2007 at 8:44 (Lieblinge, Spezifisch)

Mangels Zeit und Wörtern heute leider nur eine Konserve, immerhin eine ziemlich frische (vom Februar).

Die Waldfee
Ein Märchen mit Wunsch-Ende

„Bist du das Joghurtmonster?“ – „Nein die Waldfee.“ Ich drehe mich langsam zu der Lichtgestalt, die meine Wohnung ausfüllt. Skeptisch wende ich ein „Du bist aber aus dem Joghurtbecher gekommen“, denn die Lichtgestalt ist tatsächlich beim Öffnen unter der Folie hervorgeschlüpft. Plötzlich muss ich schief lächeln, „Also du bist dann wohl die Waldfrüchtefee?“, frage ich frech. „Naja, ja, bin ich“, erwidert sie und wird rot, was, da sie eine Lichtgestalt ist, mein Zimmer in ein zartes Quietschrosa taucht. „Du bist aber süß!“, rufe ich aus und muss wegen ihrer Niedlichkeit den Kopf schief legen, was mein schiefes Grinsen begradigt. „Fang bloß nicht an mich zu knuddeln!“, ruft sie aus und ihr Tonfall changiert, ganz wie ihre neue Farbe, zwischen Entsetzen und Blassblau. Währenddessen fängt sie an sich zu verdichten und kreiselt schließlich als faustgroße, splitternackte Waldfrüchtefee inmitten eines zuckerwattebäuschchenblauen Nebels unter der Deckenlampe. „Muss ich mir jetzt was wünschen?“, frage ich gespannt. „Du darfst“, sage sie gedehnt und ergänzt, „du Vollidiot“.

Wunschkonzertiertes Ende:

Ich lache. „Also schön“, beginne ich, stelle dann aber fest, dass ich gar nicht so genau weiß, was ich mir wünschen soll. Alles will wohl abgewogen werden. Ich habe nur einen Wunsch. Soll ich mir für mich selbst etwas wünschen oder lieber etwas für andere? Soll ich vielleicht Weltfrieden wünschen oder lieber lecker Essen bis ans Lebensende oder Geld, viel Geld, denn damit kann man Essen aber auch andere Sachen kaufen, aber, falls eine Inflation kommt, sollte ich mir stattdessen lieber Grundbesitz wünschen, denn der fällt nicht im Wert, oder, was noch besser wäre, Macht, mit Macht bekommt man alles andere, was man will; aber wenn ich etwas will, mit dem ich alles bekommen kann, was ich will, dann sollte ich mir vielleicht noch mehr Wünsche wünschen? Tausend Wünsche, Millionen Wünsche, Trillionen, und falls die dann zur Neige gehen wünsche ich mir einen Wunschwecker, der mich daran erinnert, mir neue nachzuwünschen wenn nur noch tausend übrig sind, oder besser eine Million, sicherheitshalber. Dann geht auch Weltfriede, dann ist allen gedient, aber meine Güte, wenn ich mit Weltfriede anfange werden alle zu mir kommen wegen dies und dem und am Schluss werde ich den ganzen Tag damit zubringen der Frau A die Liebe vom Herrn B herbeizuwünschen, der aber tags zuvor nach der Liebe von Frau C gefragt hat, das wird ja höllisch verzwickt, und sich alle Probleme vom Hals zu wünschen kann ja nur heißen, dass es mit dem Weltfrieden nicht mehr klappen kann, und dann, dann geht ja alles wieder von vorne los, schrecklich, bloß nicht, also dann lieber nicht. Aber was dann? Was soll ich mir wünschen? „Hallo, Fee?“, frage ich vorsichtig, aber sie hat sich in den Joghurt, aus dem sie gekommen ist, zurückgezogen und wünscht mir von dort schläfrig einen guten Appetit.

Alternatives Ende:

Ich bin es gewohnt von meinen Joghurtkulturen verhöhnt zu werden und nachdem sie mich auch meistens im Schach schlugen, habe ich mir angewöhnt sie kommentarlos und sofort zu essen. Während ich also erwäge, wie ich Gleiches mit der Waldfrüchtefee anstellen könnte, ob ich sie in ein Einmachglas locken und auskochen sollte, mit der Fliegenklatsche an die Wand patschen oder lieber mit Mottenspray bewusstlos stäuben, wippt sie ungeduldig mit dem Füßchen (eine kaum wahrnehmbare Geste) und sagt: „Wenn du dir nicht gleich etwas wünscht, du Rindvieh, dann wünsche ich mir etwas für dich…“ – „Mir scheint“, antworte ich, „hier in diesem Raum herrscht eine etwas feindselige Stimmung. Gibt es hier kein Verständnis? Keine Liebe?“ Während ich mich zu erinnern versuche von wo ich diese Formulierung geklaut habe, hext sie mir einen Krokodilschwanz und eine Zigarettenspitze mit abgebrochener Lucky-Strike an und verschwindet. Das heißt, sie versucht zu verschwinden, klatscht aber beim Abflug an die Fensterscheibe und bleibt bewusstlos liegen. Ich stopfe sie zurück in den Joghurt, denn weiß schmeckt er mir nicht.

Skeptisches Ende:

„Gut“, sage ich und äußere meinen Wunsch. Sie protestiert. „Bück dich Fee“, antworte ich, „Wunsch ist Wunsch“.*

Kitschig-Satirisch-Sarkastisches Ende:

„Oh“, rufe ich erfreut, „Welch ein Glück! Ich wünsche mir nichts sehnlicher als meinen kleinen, blaugrün karierten Kanarienvogel zurück, Pipsi, der mir vor zwei Tagen entflogen ist als ich versehentlich Käfigtür, Zimmertür, Flurtür, Wohnungstür und Haustür offen stehen ließ!“ Die Fee lächelt wie nur Feen lächeln können, ganz winzig nämlich, und klatscht in die Hände. Während feiner Sternenstaub auf den Tisch rieselt ist Pipsi plötzlich wieder da. Er liegt auf dem Wohnzimmertisch. „Fee“, sage ich mit erstickter Stimme, „Was ist mit ihm?“ – „Es tut mir leid“, sagt die Waldfrüchtefee leise und mitfühlend, „Er wurde gestern, als er ausgehungert, verzweifelt nach Körnchen auf der Straße pickte und keine fand, von einem Zementlastwagen überfahren. Der Fahrer hat nichts bemerkt.“ Als sie mein tränenüberströmtes Gesicht sieht fügt sie leise hinzu: „Wenn es dich glücklich macht kann ich dir noch ein Reinigungsmittel für den Tisch herbeiwünschen…“

Hintersinniges Ende:

„Schön“, sage ich mit einem triumphierenden Lächeln, „Dann verzichte ich auf meinen Wunsch“. Sie wird blass. „Warum denn, warum?“, jammert sie plötzlich mit dünner Stimme. „Warum denn nicht?“, frage ich keck. „Weil man sich immer etwas wünschen muss! Man kann nicht einfach verzichten!“ Ich verschränke die Arme, hebe die linke Augenbraue und blicke an ihr vorbei aus dem Fenster. „Bitte, bitte“, bettelt sie und die Zuckerwattewölkchen huschen nervös umher. Ich lasse sie noch ein bisschen zappeln dann lenke ich ein. „Na schön“, sage ich und sie klatscht freudig in die Händchen. „Ich wünsche mir, dass ich mir nichts wünschen muss.“ Ihr Klatschen erstirbt und sie fängt leise an zu schluchzen. „Das geht nicht, das ist doch kein Wunsch“, jammert sie. „Warum denn nicht?“, frage ich mit gespieltem Interesse. „Er ist selbst-re-flex-iv“, mault sie, und sie weiß, dass ich es weiß. „Schön“, sage ich, „dann wünsche ich mir, dass du meinen Wunsch nicht erfüllst“. Sie heult laut auf, und ich wundere mich, dass etwas so Kleines ein so lautes Stimmchen haben kann. Ich denke nach. „Warum muss ich mir etwas wünschen?“, frage ich. Sie antwortet mit ihrer kleinen, gebrochenen Stimme: „Ist es dein Wunsch, das zu wissen?“. Sie flüstert entwaffnend süß, aber ich habe den Braten schon gerochen. „Nein“, sage ich. „Ist es dann dein Wunsch, die Antwort nicht zu wissen?“, hakt sie nach. Ich grinse: „Nein“. Dann werde ich blass. Jetzt hat sie mich. Triumphierend, während die Tränen noch auf ihrer fingernagelkleinen, rosigblauen Wange glitzern, fragt sie: „Warum hast du dann gefragt?“ Mir stockt der Atem. Jetzt kann mir alles als Wunsch ausgelegt werden. „Lila“, sage ich. „Prima“, sagt sie, so leise, dass ich es kaum hören kann. Dann ist sie verschwunden und ihre Puderzuckerschäfchenwolken lösen sich unter der Deckenlampe in Waldfrüchtearoma auf.

*) Ja, ich gebe es zu, der ist nicht auf meinem Mist gewachsen. Ich kann dazu nur sagen: Ganz egal, wie hoch sich meine Misthaufen türmen mögen, es gibt schließlich immer noch welche, die noch größer sind. Warum nicht auch mal pflücken, was auf dem größten von allen, dem Allmendemisthaufen wächst?

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Allein die Leichtigkeit

21. März 2007 at 18:28 (Lieblinge, Spezifisch)

York appartments - night intersection - by Chewy Chua Wie ein Federchen, leicht, im Dunkel, welches über der bunt glitzernden Stadt, über der spätabendlichen Straße klebt, wie ein Federchen fühlst du dich, zu leicht um nicht vom nächsten Windhauch fortgeblasen zu werden, zu kreatinös um vom Nieselregen berührt zu werden. Du kannst von hier oben durch die Glasscheiben sehen hinter denen Licht ist, Musik, Menschen. Menschen, die alle hoffen, streben, leben. Solche, die mit beiden Beinen im Leben stehend längst alle Wunder verkauft haben, aber auch solche, die gleich dir leicht sind, zu leicht um eigenen Halt zu finden, sie bilden das sich ständig erneuernde Federkleid dieser Stadt, und bis vor kurzem warst du ein Teil davon. Nun bist du entfernt, obgleich noch nah, und zum ersten Mal gelingt dir, was du seit langem vergeblich, oft ohne zu wissen, was es war, versucht hast: der Überblick. So etwas wie ein Verstehen. Du spürst den Hauch der ungebundenen Freiheit, zugleich den der Einsamkeit, in einem. Doch das sind Spinnereien, sagst du dir als du dich abwendest und in dein Nest zurückkehrst, das sind alte Metaphern, zu alt um wahr zu sein, morgen, sagst du, morgen wird gut, nicht wie gestern, als du noch mit besser zufrieden warst. Der Wind seufzt dich zurück ins Zimmer und du beschließt, deine Kunst darauf zu verwenden so zu tun, als gehörtest du noch dazu. Es wird gelingen. Du bist nicht allein.

Photo by Chewy Chua

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