Wenn/Falls

23. März 2010 at 23:18 (Spezifisch)

Wenn/Falls wir sterben, dann in der steten Hoffnung auf das Morgen.

Permalink Kommentar verfassen

Die kleinen Dinge

9. Oktober 2009 at 23:46 (Spezifisch)

„Es sind die kleinen Dinge, die das Leben lebenswert machen.“ Ich weiß nicht, welcher Idiot das gesagt hat, aber er hat unterschlagen, dass es auch die kleinen Dinge sind, die einen um den Verstand bringen und gelegentlich zu rasenden, potentiellen Massenmördern werden lassen, wie zum Beispiel im Falle der kleinen Jacqueline Koschinsky-Bauer, die nach der nachweislich zweihunderfünfzehnten Ermahnung, endlich still zu sitzen, im örtlichen Gemeindekindergarten mit einer elektrischen Heckenschere eine Spur der Verwüstung hinterließ, zumindest im näheren Umkreis der Steckdose. Einzig die sichere Verwahrung der Verlängerungskabel im abgeschlossenen Schrank der Verwaltung verhinderte, dass es hier schlimmere Folgen als ein paar abgetrennte Finger gab. Es konnte im Übrigen nachgewiesen werden, dass Jacqueline schon seit vielen Jahren Gewaltspiele konsumierte, und das, obwohl sie erst vier war – aber das nur am Rande.

Die Behauptung, das Leben sei lebenswert, würde ein Minimaloptimist mit dem Fakt zu belegen versuchen, dass die meisten Menschen sich immerhin noch nicht umgebracht haben und die wenigsten es – statistisch gesehen – tun. Aber auch hier wird eine Tatsache unterschlagen, und zwar die schlichte Wahrheit, dass es zu diesen beiden Optionen einfach keine Alternativen gibt. Was soll man denn tun, wenn einem der Selbstmord nicht liegt?

Auf die kleinen Dinge des Lebens achten. Zum Beispiel Schuhcreme am Hosenaufschlag oder Salz im Kaffee. Schale Witze zu unpassenden Gelegenheiten. Freunde und Kollegen, denen es noch schlechter geht. Welke Pizza im Ausguss neben ein paar nachdenklichen Zigarettenkippen. Solche Sachen.

Vor allem aber soll man in den kleinen Dingen des Lebens das Ganze erkennen: so wie jedes Bruchstück des Rasierspiegels immer noch das ganze Ausmaß der Unrasiertheit zeigt, spiegelt jedes kleine Ding des Alltags die ganze Gemeinheit des Lebens. Erkenne im Kleinen das Große! Das hilft zwar kein bisschen bei dessen Bewältigung, verhindert aber falschen Trost. Wenn das zynisch klingt, dann darf man, ob im Glauben an die ubiquitäre Ungerechtigkeit oder nicht, annehmen, dass es das auch ist.

Selbst der Minimaloptimist muss anerkennen, dass ein zur Hälfte gefülltes Glas einmal ganz leer war, genauso wie ein ganz voller Nachbar, der Samstag morgens um sieben auf dem Rückweg von der Party in den Hausflur kotzt, auf dem Weg ist, irgendwann wieder nüchtern zu werden. Das hat mit der richtigen Sichtweise rein gar nichts zu tun. Sicher gibt es die Menschen die darauf beharren, dass es hilft, sich die Welt schön zu reden. Fakt bleibt jedoch, dass die kleinen Dinge – wie beispielsweise eine elektrische Heckenschere – sich nicht für Sichtweisen interessieren.

Der einzige Trost liegt wahrscheinlich irgendwann im unbemerkten Eingang in die nicht selbst verschuldete Unmündigkeit, wenn die derzeit noch ungezeugten Kinder den Rollstuhl samstagnachmittags einmal ums Heim schieben, falls es nicht regnet, wenn die Blumen dabei ein bisschen blühen und der Waschbetonweg so hübsch unter uns hinweg gleitet. Dann – aber erst dann – haben wir es geschafft.

Permalink 1 Kommentar

Die Hölle hat Freitags länger auf

23. Juli 2009 at 19:49 (Spezifisch)

Ikea ist ja bekanntlich die Hölle der männlichen Singles auf Erden.* Dutzende bezaubernde Geschöpfe weiblichen Geschlechts, denkt der Durchschnittschauvi, und alle mit ihrem Typen da. Hier gibt es keine weiblichen Singles. Dafür haben sie ihre Kinder dabei. Gut die Hälfte der Frauen demonstriert dem Single dadurch, dass sie ihren mehr oder weniger plärrenden Kleinkindnachwuchs mitschleppt, dass für ihn endgültig der Zug abgefahren ist. Wahrscheinlich ist er der letzte Mann auf der Erde, der eine, der übriggeblieben ist. Es ging nicht ganz auf, einer war zuviel. Und dieser Eine starrt ihm nun aus dem Blödholmen Rasierspiegel heraus aufs stoppelige Kinn.

Hinter ihm tragen die erstaunlich langweiligen Typen, die sich gemeinsam mit den Kleinkindern in der Gefolgschaft der jungen Inneneinrichtungs- und Prödelfanatikerinnen befinden, einen Gesichtsausdruck vor sich her, der zwischen gelähmter Interesseheuchelei und leiser Verzweiflung alterniert. Luxusprobleme sind das. Wahrscheinlich beneiden sie ihn auch noch, ihn, der hier aufrecht die Duftkerzen und diese unglaublich praktischen Tragekörbe ignoriert, zügig daran vorbei schreitet. Sehen sie nicht, dass er flieht? Und wahrscheinlich denken sie sich, wie schön es wäre, zuhause einmal die Kleider nicht wegräumen zu müssen und nur einmal pro Woche das Geschirr zu spülen. Tiefkühlpizza statt Bruschetta und Babybrei. Abends mal mit Freunden einen Trinken zu gehen. – Und mit was für Freunden, bitteschön? Die planen doch alle gerade ihre erste Hochzeit und suchen wahrscheinlich jetzt in diesem Moment in einem anderen Ikea noch die passende Deko für die Feier! Arschlöcher, ignorante.

Papa, meldet sich eine Stimme im Kopf des Durchschnittschauvis, wenn ich groß bin, möchte ich auch mal Arschloch werden. – Nicht eher Spießer? – Nein, Arschloch ist cooler. – Sei still, Junge. Arschloch bist du wahrscheinlich jetzt schon, und das mit dem Großwerden überlass lieber den Großen, die verstehen mehr davon. Was macht überhaupt ein achtjähriges Kind in meinem Kopf? Hallo? Verdammt, jetzt haben sie mich. Sie sind in mir, wie Aliens, und geben mir diese Gedanken ein, diesen Blödsinn mit Familie und Kindern und ähnlichen Knechtschaftsinstrumenten. Lasst mich bloß in Ruhe! Ich gehe heute Abend einen saufen, und zwar alleine, und zwar so lange wie ich will. Noch schnell ein paar Klötbullar als Grundlage, dann bin ich hier weg. Aber so was von.

____
*) Ich weiß, ich bin nicht der erste, der auf diese Idee kommt. Aber man muss nicht Jaud gelesen haben um zu wissen, dass es stimmt. Interessant wäre es einmal herauszufinden, wie die Controller gemeinsam mit der Marketingabteilung diese grausige Tatsache auch noch ausbauen und in optimierte Rendite ummünzen. Es müssen Menschen sein ohne Moral.

Permalink 2 Kommentare

Die Plüschkartoffel

12. Juli 2009 at 22:25 (Spezifisch)

Die Plüschkartoffel lag auf der Fensterbank. Draußen trommelte Regen gegen die Doppelglasscheiben. Drinnen strickte Simson neue Absurditäten für die Abendpresse und sein Teekessel summte. Bald würde der Kessel pfeifen. Simson liebte Teekessel. Längst hatte die Konsumwelt auf Wasserkocher umgestellt, in denen sie aktivkohlegefiltertes Wasser kochte. Die meisten Menschen hätten mit einem Wasserkessel und der dazugehörigen Pfeife nicht viel anzufangen gewusst. Simson lächelte, dann wurde ihm bewusst, dass er seine Arbeit schon wieder vernachlässigt und sich in Tag-, oder besser, Spätnachmittagsträumen verlor. „Pfeilgiftkipferl“, schrieb er und erfreute sich einen Moment an der völligen Sinnlosigkeit des Wortes. Hatte es nicht eine unterschwellige Aggressivität? Klang es nicht irgendwie österreichisch? Natürlich, die meisten Wörter, die auf –rl endeten, klangen nach österreichischem Diminuitiv. Außer ‚Kerl’ vielleicht. So wie auch die meisten Wörter, die ein –le angehängt hatten, schwäbische Wörtle zu sein schienen. Außer Plurale.

Simson überlegte kurz, ob er der Abendpresse die Geschichte des österreichischen Kleinbauern mit Zuckerbäckerambitionen einflößen sollte, von jenem Bauern, der nach Jahren einer unglücklichen Ehe, von Magengeschwüre geplagt, nach Brasilien ausgewandert war. Dort hatte er von den Indios die Geheimnisse des Curare erlernt. Mit neuer Hoffnung war er heimgekehrt, neben einigen Fläschchen den teuflischen Plan im Gepäck, seine Frau mit Pfeilgiftkipferln zur Strecke zu bringen. Kurz gesagt, der Plan schlug fehl, da das Gift nicht über den Magen aufgenommen werden kann. Ihn jedoch fand man am folgenden Tag tot auf. Er hatte seine eigenen Kipferl gegessen, doch im Gegensatz zu seiner Frau hatte er blutende Magengeschwüre. Er war wahrscheinlich qualvoll, zumindest aber zügig, an Atemlähmung gestorben. Der Kessel pfiff. Simson entschied sich, die Geschichte nicht an die Abendpresse zu geben. Stattdessen goss er sich einen Tee auf und erzählte später die Geschichte der Pflüschkartoffel, nicht jedoch, bevor er einen langen, nachdenklichen Blick in den trüben Regenspätnachmittag geworfen hatte.

Permalink Kommentar verfassen

Lore Diley

23. Juni 2009 at 19:34 (Spezifisch)

Die Luft ist dunkel und es kühlt
Dieweil ihr Haar den Kamm zerwühlt
Und rein ruht das Vlies
Ein Berg funkelt fies
Frau Jungfrau steht am Rhein und spült.

Permalink Kommentar verfassen

Niesel

5. Mai 2009 at 22:47 (Spezifisch)

Ein Niesel regnet vor sich hin
die Luft ist nass, Passanten auch.
Die Stoppeln stehn am Doppelkinn,
der Job verengt den Lebenssinn
auf leeren Kopf und vollen Bauch.

Permalink 6 Kommentare

Im Eismeer

29. April 2009 at 6:43 (Spezifisch)

Im Eismeer trieb die Buddel schief
Und in ihr stak ein Schmuddelbrief

Doch dann, durch einen raschen Frost
barst überrascht die Flaschenpost

Dem Eis gilt mein vermehrter Dank
Dass dieser Scheiß im Meer versank

Permalink 4 Kommentare

Strg-Z

12. März 2009 at 19:51 (Spezifisch)

Es gibt im ‚richtigen‘ Leben kein Strg-Z
Die Realität ist ohne undo-Funktion
Das ist unpraktisch. Obgleich/obschon
man sie anfassen kann. Das wiederum ist nett.

Permalink 3 Kommentare

Lidschlag

8. März 2009 at 21:00 (Spezifisch)

Poesie ist es selbst, sie zu erkennen.

Permalink Kommentar verfassen

Zweiundsiebzig

25. Februar 2009 at 1:28 (Spezifisch)

Zweiundsiebzig Konsuln saßen in einer Reihe nebeneinander. Einer von ihnen aß Müsli, die anderen einundsiebzig waren tot. Konsul Maiglock betrachtete intensiv eine in der Milch aufgequollene Haferflocke, doch dann ließ er den Löffel appetitlos sinken und seufzte. Er hasste es, wenn die Verwandtschaft mit zu Tisch saß. Aber das ging nicht anders. Erstens war es Tradition und zweitens war es im Uboot eng. Es wäre nicht nur pietätlos sondern auch technisch nahezu unmöglich gewesen, die Einundsiebzig in den Ecken zu stapeln, völlig undenkbar dagegen, sie durch eines der Torpedorohre ins Meer zu schießen, und so ließ er sie notgedrungen, wo sie waren, am Tisch. Die trübe Gedankenfolge durchtrennte die eintretende Frida mit den Worten „Chef, der Fisch is tot.“.

Karl stand vom Frühstückstisch auf. Die Konsuln und das Uboot verschwanden, und Frida wurde zu Frauke, die gerade ein müdes „Morgen“ gemurmelt hatte und nun seinen Platz, den einzigen Stuhl am winzigen Tisch in der winzigen Küche einnahm. Karls morgendliches Gedankenspiel, das ihn von der Verrücktheit der Welt distanzierte, verblasste. Er nahm noch einen Schluck lauwarmen Kaffee, reichte Frauke den Zucker und ging ins Bad.

Während des Zähneputzens befielen ihn die unruhigen Gedanken, wie er sie nannte, und während er sich ärgerte, dass sein Uboot-Gedankenexperiment noch vor dem Versinken in der Realität versunken war und diese früher als sonst von ihm Besitz ergriff, fragte er sich, warum die Kinder der neuen Generation nicht wussten, dass der gepresste Fisch, den sie Freitags in der Kantine bekamen, einmal ein fühlendes, lebendiges und freies Wesen gewesen war. Warum man ihnen Remouladensauce gab, in der die grünlichen, in Buchstabenform gepressten Gewürzflöckchen träge vor sich hin mäanderten. Miniaturbuchstabensuppe für die, deren Augen noch gut genug waren, um sie sehen zu können, aber schon jetzt zu kurzsichtig um ihre Botschaft jemals zu verstehen. Eine zähflüssig fette Pampe. Die Zahnpasta schmeckte scheußlich.

Auf der Fahrt ins Büro, durch fast menschenleere Straßen, saß Frieda neben ihm, schweigend, und er nahm sie nicht wahr. Die einzigen Anzeichen für Leben, die er zwischen Straßenschluchten und Industrieruinen sah, waren ein Jogger mit Rundrücken, eine alte Knusperhexe mit Einkaufswagen und ein paar Punks, die so verzweifelt wie erfolglos versuchten ein Feuer in einer Mülltonne (aus Plastik) zu entzünden. Die Luft schmeckte trocken und kalt nach rußigem Schnee. Eine Müllabfuhr hätte der Stadt gut getan. Es war Mai und Karl hatte noch immer Probleme, sich mit der Realität anzufreunden.

In solchen Momenten passieren manchmal Dinge, die von außen betrachtet banal erscheinen, die der subjektiven Wahrnehmung der Welt aber dann und wann einen guten Stoß versetzen. Vielleicht ist es die Phantasie, der Zwang zur Interpretation der Welt, was den Mensch zu dem macht, was er ist. Den Menschen Karl brachten zwei Spatzen auf eine Spur zurück, Spatzen, die sich auf der Straße, in die er abbog – ob im Spiel, im Ernst, wer weiß das schon bei so kleinen Tieren und vor allem, wenn man kein Biologe ist – gegenseitig jagten, die eng an- und umeinander zu Boden flatterten und die er ungewollt aber zügig überfuhr. Als er ans Bremsen dachte, hatte er das leise Knacken unter den Rädern schon zu hören geglaubt, und beim hastigen Blick in den Rückspiegel sah er weder ein Auto, das ein hektisches Bremsmanöver ausgeschlossen hätte, noch ein Paar aufflatternde Spatzen, nur Flecken auf einer fleckigen Straße. Entschieden und hart trat er auf die Bremse.

Frauke in ihrer weißen Uniform sah ihn an wie ein vorsätzliches Erdbeben als er plötzlich dastand und wich unwillkürlich zurück. Einundsiebzig Kinderaugenpaare verfolgten, wie er dennoch ihre Hand ergriff und sie am Pult vorbei, auf dem der Teddy neben dem Rohrstock saß, zur Tür hinaus halb drängte, halb stützte. Es waren weit mehr Zeugen als gerichtlich notwendig, die weitgehend zwangsfrei eine Aufsichtspflichtverletzung bestätigen und daraus resultierende psychische Belastungsstörungen attestiert bekommen konnten. Wer in diesen Zeiten ein Kind sein Eigen nannte, verstand verständlicherweise keinen Spaß. Vor allem nicht, wenn er ernst gemeint war.

Die Pietät untersagte es, das Urteil über Frauke und Karl in Details zu reflektieren, und die Gewohnheit war schon immer ein Tier, welches das Knacken eines leisen Knochenbrechens einer wenig zeitgerechten Phantasterei illiterat zuzuschreiben vermochte. Karl und Frauke hingegen hatten sich der Industrie und deren Anordnungen durch Abwesenheit entzogen und irgendein Uboot gefunden, das sie zusammen mit dem Ort ihr Schicksal hatte wechseln lassen. Zumindest in der Phantasie, steht zu vermuten.

Permalink 2 Kommentare

« Previous page · Next page »