Alle Amseln sind schwarz

7. April 2010 at 0:09 (Spezifisch)

Alle Amseln sind schwarz. Das war nicht immer so. Früher gab es außer schwarzen auch grüne und rote Amseln, die fröhlich zwitschernd unsere Felder, Wälder, Wiesen – und natürlich auch unsere Städte und Müllhalden – bevölkerten. An schönen Tagen konnte man beispielsweise in den Parkanlagen Berlins durch bunt befiederte Wiesen flanieren. Doch dann kam der dreizehnte Oktober 1961 – natürlich, ein Freitag. Karl Peglau, ein Berliner Verkehrspsychologe, berufenes Mitglied der „Ständigen Kommission Verkehr der Stadtverordneten-Versammlung von Groß-Berlin“, reichte an diesem Tag sein Konzept zur Verbesserung der Straßenverkehrssicherheit ein. Damit begann der Anfang vom Ende, wenn auch zunächst langsam, so langsam wie die Mühlen der Bürokratie in jenen Tagen eben mahlten.

Lieselotte Schelling, eine Frau von schon damals nicht mehr ganz geringem Alter (und mit Peglau vollständig unbekannt), arbeitete seit längerem bei wechselnden Arbeitgebern als – heute würde man sagen Fachkauffrau für Büromanagement, damals sagte man – Sekretärin. Sieben Jahre, drei Monate, drei Tage und zwei Stunden nach diesem schicksalhaften Freitag saß sie in ihrem kleinen Zimmer beim Stadtbauamt, schräg vor der schlecht geölten Sperrholztür (mit Michglasscheibeneinsatz) zum Chef, zwischen Bergen von teilweise leicht staubigen, allerdings sauber getürmten Akten und Briefen, und sie tippte Bestellformulare auf ihrer treuen, wenn auch volkseigenen Optima. In genau diesem Moment, kurz hinter einem „m“, bog tief in ihrem Innern ein kleines Signal, das für den rechten Ringfinger bestimmt war, hinter einer im Nachhinein nicht mehr zu ermittelnden Synapse falsch ab und wanderte zum linken Ringfinger. Ohne den Irrtum zu bemerken, gab sie die Bestellung für „je ein (1) Amselmännchen der Farben rot und grün“ heraus.

Etwa halbes Jahr später, der Sommer bröckelte heiß durch die weitgehend jeans- und hippiefreie Halbstadt, hatten einige Ingenieure ein massives Konstruktionsproblem, das sie aber unter Zuhilfenahme einiger ausgedienter Varta-Volkssturm-Birnen, einer großen Walze sowie einiger Scheren beheben konnten. Und so ging schließlich an einem warmen Sommertag 1969 in Ost-Berlin die erste Fußgängerampel Deutschlands in Betrieb – während gleichzeitig das Ende der roten und grünen Amselmännchen anbrach. Es bleibt zu erwähnen, dass nur wenige Jahre später, nach der unwillkürlich vollzogenen Ausrottung der roten und grünen Amselmännchen, konsequenterweise auch die roten und grünen Amselweibchen ausstarben. Und deshalb sind heute alle Amseln schwarz. So einfach ist das. Ende.

Quellen
http://www.ampelmann.de/html/karl_peglau.html
http://de.wikipedia.org/wiki/Ampelmännchen
http://de.wikipedia.org/wiki/Fußgängerampel#Fu.C3.9Fg.C3.A4ngersignal
http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/b/ba/Solsort.jpg

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reMIND – reCOMMENDATION

29. März 2010 at 21:46 (English, Unspezifisch)

reMIND

reMIND Graphic Novel


Out there… (you know, for some reason English speaking people, probably especially American people tend to speak about something „out there“, at least that´s what they do in the movies all the time until it becomes a ridiculus phrase, but whatever, I start my article with it anyway), so…
out there, there´s much to discover on the internet if you know where to look.

I trust my small German speaking readers community to be well capable of handling English generally, and moreover, to potentially be interested in the worlds that unfold when one throws oneself into a story that´s not only told in ordinary plain words but in pictures – in colored drawings, each a small artwok. Call it comic, but depending on the intensity it potentially holds it it might nonetheless be a very inspiring novel in words and pictures. Beautiful pictures, in this case, though somewhat distinct in their ways. Whatever. I love the world behind ‚reMIND‘ although not much is published yet. Maybe it´ll just become a false expectation later on, but right now it´s fascinating and I’m happy to recommend the artwork and the artists blog.

Enjoy!

http://www.remindblog.com/
The story starts here: http://www.remindblog.com/2009/11/03/remind-spread-1/

Actually this guy´s just starting off and desperately seeking support and funding, so if anyone has some good ideas and/or knowledge concerning publishing (especially from a non-US point of experience), I´m sure he´d be more than happy to hear about it, so leave him a comment.

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Wenn/Falls

23. März 2010 at 23:18 (Spezifisch)

Wenn/Falls wir sterben, dann in der steten Hoffnung auf das Morgen.

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Die kleinen Dinge

9. Oktober 2009 at 23:46 (Spezifisch)

„Es sind die kleinen Dinge, die das Leben lebenswert machen.“ Ich weiß nicht, welcher Idiot das gesagt hat, aber er hat unterschlagen, dass es auch die kleinen Dinge sind, die einen um den Verstand bringen und gelegentlich zu rasenden, potentiellen Massenmördern werden lassen, wie zum Beispiel im Falle der kleinen Jacqueline Koschinsky-Bauer, die nach der nachweislich zweihunderfünfzehnten Ermahnung, endlich still zu sitzen, im örtlichen Gemeindekindergarten mit einer elektrischen Heckenschere eine Spur der Verwüstung hinterließ, zumindest im näheren Umkreis der Steckdose. Einzig die sichere Verwahrung der Verlängerungskabel im abgeschlossenen Schrank der Verwaltung verhinderte, dass es hier schlimmere Folgen als ein paar abgetrennte Finger gab. Es konnte im Übrigen nachgewiesen werden, dass Jacqueline schon seit vielen Jahren Gewaltspiele konsumierte, und das, obwohl sie erst vier war – aber das nur am Rande.

Die Behauptung, das Leben sei lebenswert, würde ein Minimaloptimist mit dem Fakt zu belegen versuchen, dass die meisten Menschen sich immerhin noch nicht umgebracht haben und die wenigsten es – statistisch gesehen – tun. Aber auch hier wird eine Tatsache unterschlagen, und zwar die schlichte Wahrheit, dass es zu diesen beiden Optionen einfach keine Alternativen gibt. Was soll man denn tun, wenn einem der Selbstmord nicht liegt?

Auf die kleinen Dinge des Lebens achten. Zum Beispiel Schuhcreme am Hosenaufschlag oder Salz im Kaffee. Schale Witze zu unpassenden Gelegenheiten. Freunde und Kollegen, denen es noch schlechter geht. Welke Pizza im Ausguss neben ein paar nachdenklichen Zigarettenkippen. Solche Sachen.

Vor allem aber soll man in den kleinen Dingen des Lebens das Ganze erkennen: so wie jedes Bruchstück des Rasierspiegels immer noch das ganze Ausmaß der Unrasiertheit zeigt, spiegelt jedes kleine Ding des Alltags die ganze Gemeinheit des Lebens. Erkenne im Kleinen das Große! Das hilft zwar kein bisschen bei dessen Bewältigung, verhindert aber falschen Trost. Wenn das zynisch klingt, dann darf man, ob im Glauben an die ubiquitäre Ungerechtigkeit oder nicht, annehmen, dass es das auch ist.

Selbst der Minimaloptimist muss anerkennen, dass ein zur Hälfte gefülltes Glas einmal ganz leer war, genauso wie ein ganz voller Nachbar, der Samstag morgens um sieben auf dem Rückweg von der Party in den Hausflur kotzt, auf dem Weg ist, irgendwann wieder nüchtern zu werden. Das hat mit der richtigen Sichtweise rein gar nichts zu tun. Sicher gibt es die Menschen die darauf beharren, dass es hilft, sich die Welt schön zu reden. Fakt bleibt jedoch, dass die kleinen Dinge – wie beispielsweise eine elektrische Heckenschere – sich nicht für Sichtweisen interessieren.

Der einzige Trost liegt wahrscheinlich irgendwann im unbemerkten Eingang in die nicht selbst verschuldete Unmündigkeit, wenn die derzeit noch ungezeugten Kinder den Rollstuhl samstagnachmittags einmal ums Heim schieben, falls es nicht regnet, wenn die Blumen dabei ein bisschen blühen und der Waschbetonweg so hübsch unter uns hinweg gleitet. Dann – aber erst dann – haben wir es geschafft.

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Die Hölle hat Freitags länger auf

23. Juli 2009 at 19:49 (Spezifisch)

Ikea ist ja bekanntlich die Hölle der männlichen Singles auf Erden.* Dutzende bezaubernde Geschöpfe weiblichen Geschlechts, denkt der Durchschnittschauvi, und alle mit ihrem Typen da. Hier gibt es keine weiblichen Singles. Dafür haben sie ihre Kinder dabei. Gut die Hälfte der Frauen demonstriert dem Single dadurch, dass sie ihren mehr oder weniger plärrenden Kleinkindnachwuchs mitschleppt, dass für ihn endgültig der Zug abgefahren ist. Wahrscheinlich ist er der letzte Mann auf der Erde, der eine, der übriggeblieben ist. Es ging nicht ganz auf, einer war zuviel. Und dieser Eine starrt ihm nun aus dem Blödholmen Rasierspiegel heraus aufs stoppelige Kinn.

Hinter ihm tragen die erstaunlich langweiligen Typen, die sich gemeinsam mit den Kleinkindern in der Gefolgschaft der jungen Inneneinrichtungs- und Prödelfanatikerinnen befinden, einen Gesichtsausdruck vor sich her, der zwischen gelähmter Interesseheuchelei und leiser Verzweiflung alterniert. Luxusprobleme sind das. Wahrscheinlich beneiden sie ihn auch noch, ihn, der hier aufrecht die Duftkerzen und diese unglaublich praktischen Tragekörbe ignoriert, zügig daran vorbei schreitet. Sehen sie nicht, dass er flieht? Und wahrscheinlich denken sie sich, wie schön es wäre, zuhause einmal die Kleider nicht wegräumen zu müssen und nur einmal pro Woche das Geschirr zu spülen. Tiefkühlpizza statt Bruschetta und Babybrei. Abends mal mit Freunden einen Trinken zu gehen. – Und mit was für Freunden, bitteschön? Die planen doch alle gerade ihre erste Hochzeit und suchen wahrscheinlich jetzt in diesem Moment in einem anderen Ikea noch die passende Deko für die Feier! Arschlöcher, ignorante.

Papa, meldet sich eine Stimme im Kopf des Durchschnittschauvis, wenn ich groß bin, möchte ich auch mal Arschloch werden. – Nicht eher Spießer? – Nein, Arschloch ist cooler. – Sei still, Junge. Arschloch bist du wahrscheinlich jetzt schon, und das mit dem Großwerden überlass lieber den Großen, die verstehen mehr davon. Was macht überhaupt ein achtjähriges Kind in meinem Kopf? Hallo? Verdammt, jetzt haben sie mich. Sie sind in mir, wie Aliens, und geben mir diese Gedanken ein, diesen Blödsinn mit Familie und Kindern und ähnlichen Knechtschaftsinstrumenten. Lasst mich bloß in Ruhe! Ich gehe heute Abend einen saufen, und zwar alleine, und zwar so lange wie ich will. Noch schnell ein paar Klötbullar als Grundlage, dann bin ich hier weg. Aber so was von.

____
*) Ich weiß, ich bin nicht der erste, der auf diese Idee kommt. Aber man muss nicht Jaud gelesen haben um zu wissen, dass es stimmt. Interessant wäre es einmal herauszufinden, wie die Controller gemeinsam mit der Marketingabteilung diese grausige Tatsache auch noch ausbauen und in optimierte Rendite ummünzen. Es müssen Menschen sein ohne Moral.

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Die Plüschkartoffel

12. Juli 2009 at 22:25 (Spezifisch)

Die Plüschkartoffel lag auf der Fensterbank. Draußen trommelte Regen gegen die Doppelglasscheiben. Drinnen strickte Simson neue Absurditäten für die Abendpresse und sein Teekessel summte. Bald würde der Kessel pfeifen. Simson liebte Teekessel. Längst hatte die Konsumwelt auf Wasserkocher umgestellt, in denen sie aktivkohlegefiltertes Wasser kochte. Die meisten Menschen hätten mit einem Wasserkessel und der dazugehörigen Pfeife nicht viel anzufangen gewusst. Simson lächelte, dann wurde ihm bewusst, dass er seine Arbeit schon wieder vernachlässigt und sich in Tag-, oder besser, Spätnachmittagsträumen verlor. „Pfeilgiftkipferl“, schrieb er und erfreute sich einen Moment an der völligen Sinnlosigkeit des Wortes. Hatte es nicht eine unterschwellige Aggressivität? Klang es nicht irgendwie österreichisch? Natürlich, die meisten Wörter, die auf –rl endeten, klangen nach österreichischem Diminuitiv. Außer ‚Kerl’ vielleicht. So wie auch die meisten Wörter, die ein –le angehängt hatten, schwäbische Wörtle zu sein schienen. Außer Plurale.

Simson überlegte kurz, ob er der Abendpresse die Geschichte des österreichischen Kleinbauern mit Zuckerbäckerambitionen einflößen sollte, von jenem Bauern, der nach Jahren einer unglücklichen Ehe, von Magengeschwüre geplagt, nach Brasilien ausgewandert war. Dort hatte er von den Indios die Geheimnisse des Curare erlernt. Mit neuer Hoffnung war er heimgekehrt, neben einigen Fläschchen den teuflischen Plan im Gepäck, seine Frau mit Pfeilgiftkipferln zur Strecke zu bringen. Kurz gesagt, der Plan schlug fehl, da das Gift nicht über den Magen aufgenommen werden kann. Ihn jedoch fand man am folgenden Tag tot auf. Er hatte seine eigenen Kipferl gegessen, doch im Gegensatz zu seiner Frau hatte er blutende Magengeschwüre. Er war wahrscheinlich qualvoll, zumindest aber zügig, an Atemlähmung gestorben. Der Kessel pfiff. Simson entschied sich, die Geschichte nicht an die Abendpresse zu geben. Stattdessen goss er sich einen Tee auf und erzählte später die Geschichte der Pflüschkartoffel, nicht jedoch, bevor er einen langen, nachdenklichen Blick in den trüben Regenspätnachmittag geworfen hatte.

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Lore Diley

23. Juni 2009 at 19:34 (Spezifisch)

Die Luft ist dunkel und es kühlt
Dieweil ihr Haar den Kamm zerwühlt
Und rein ruht das Vlies
Ein Berg funkelt fies
Frau Jungfrau steht am Rhein und spült.

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Niesel

5. Mai 2009 at 22:47 (Spezifisch)

Ein Niesel regnet vor sich hin
die Luft ist nass, Passanten auch.
Die Stoppeln stehn am Doppelkinn,
der Job verengt den Lebenssinn
auf leeren Kopf und vollen Bauch.

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Im Eismeer

29. April 2009 at 6:43 (Spezifisch)

Im Eismeer trieb die Buddel schief
Und in ihr stak ein Schmuddelbrief

Doch dann, durch einen raschen Frost
barst überrascht die Flaschenpost

Dem Eis gilt mein vermehrter Dank
Dass dieser Scheiß im Meer versank

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Strg-Z

12. März 2009 at 19:51 (Spezifisch)

Es gibt im ‚richtigen‘ Leben kein Strg-Z
Die Realität ist ohne undo-Funktion
Das ist unpraktisch. Obgleich/obschon
man sie anfassen kann. Das wiederum ist nett.

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